Das Zollenspieker Fährhaus, ein historisches Juwel an der Elbe, blickt auf eine über 800-jährige Geschichte zurück, die von Handel, Machtkämpfen, kulturellen Begegnungen und kulinarischen Genüssen geprägt ist. Gelegen am südlichsten Punkt Hamburgs im Bezirk Bergedorf, hat sich dieser Ort von einer strategisch wichtigen Zoll- und Fährstation zu einem bedeutenden Anziehungspunkt und einem Zeugen norddeutscher Geschichte entwickelt. Die jüngste Aufarbeitung dieser faszinierenden Historie ist im Buch “Das Zollenspieker Fährhaus – 800 Jahre Hamburger Geschichte an der Elbe” von Historiker Joachim Mohr zu finden.
Historische Bedeutung und strategische Lage
Die erste urkundliche Erwähnung Zollenspiekers datiert aus dem Jahr 1252, und archäologische Funde deuten auf eine noch frühere Besiedlung hin. Die günstige Lage an der Elbe machte den Ort zu einem begehrten Objekt für Fürsten, Grafen und Herzöge, die um die Kontrolle über Zoll- und Fährrechte stritten. Diese strategische Bedeutung ermöglichte eine wichtige Verbindung zum niedersächsischen Hoopte und trug maßgeblich zur Entwicklung des Ortes als Zentrum für “Handel, Macht, Genuss und Kultur” bei, wie Mohr in seinem Werk hervorhebt.
Vom lukrativen Zollwesen zu blutigen Auseinandersetzungen
Schon im Mittelalter war die Erhebung von Zöllen ein einträgliches Geschäft. Tausende von Menschen, Händler mit ihren Waren und Soldaten nutzten täglich die Elbüberquerung, was den Zollenspieker zu einem wichtigen Knotenpunkt machte. Die regelmäßige Frachtschifffahrt im 13. Jahrhundert und der Fährbetrieb über die Elbe unterstrichen die wirtschaftliche Relevanz des Ortes. Dieser Reichtum zog jedoch auch Konflikte nach sich. Der Streit um die genaue Grenzziehung der Elbe und die Zuständigkeit für die Zollentrichtung eskalierte im Jahr 1620 zu einer blutigen Auseinandersetzung zwischen Hamburg und Lübeck auf der einen Seite und den Herzögen von Braunschweig-Lüneburg auf der anderen. Die Zerstörung des Fährhauses und die hohen Verluste auf beiden Seiten führten schließlich zu einem Friedensvertrag, der die Herrschaft Hamburgs und Lübecks über den Zollenspieker festschrieb.
Ein Ort der Rast, der Freude und des wilden Lebens
Bereits im Mittelalter entwickelte sich der Zollenspieker zu einem bekannten Rastplatz und Gasthaus. Reisende fanden hier Erholung, während gefeiert und getrunken wurde. Die ausgelassene Atmosphäre führte jedoch auch zu “Muthwillen und Schlägereien”, wie Behörden im Jahr 1755 bemängelten. Die Mischung aus Rast, Vergnügen und gelegentlicher Ausgelassenheit prägte den Charakter des Ortes über Jahrhunderte.
Berühmte Gäste und ihre Erinnerungen
Im Laufe der Jahrhunderte logierten zahlreiche prominente Persönlichkeiten im Zollenspieker Fährhaus und hinterließen ihre Eindrücke. Der junge Arthur Schopenhauer beschrieb 1800 eine “äußerst frugale Mittagsmahlzeit”, während der Dichter Heinrich Heine 1823 die Hochzeit seiner Schwester feierte und feststellte: “Das Essen war gut, die Betten waren schlecht.” Auch Hans Christian Andersen fand 1831 während seiner Elbüberfahrt lobende Worte für den Ort, wenn auch mit einer vergessenen Kutsche voller Besitztümer.
Aufschwung zum beliebten Ausflugsziel
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts erlebte das Zollenspieker Fährhaus einen bedeutenden Aufschwung und entwickelte sich zu einem gefragten Ausflugsort. Mit dem Bau einer Kegelbahn, eines Tanzsaals und einer Kaffeeterrasse wurde das Angebot erweitert. Chorproben, Vereinsfeiern, Tanztees, Theateraufführungen und Lesungen fanden hier statt, ebenso wie Kongresse und Tagungen. Die Weimarer Republik sah eine umfassende Renovierung und Erweiterung, die die Attraktivität des Fährhauses weiter steigerte. Während der NS-Zeit wurden dort Veranstaltungen von NS-Organisationen abgehalten, und die Elbe wurde zum Transportweg für Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge. Glücklicherweise blieb das Gebäude vom Zweiten Weltkrieg unbeschädigt, wurde jedoch zunächst von den Briten beschlagnahmt.
Rettung vor dem Verfall und denkmalgerechte Sanierung
Obwohl die Geschäfte nach dem Krieg zunächst gut liefen, vernachlässigte die Stadt Hamburg in den 1970er-Jahren den Erhalt des traditionsreichen Gebäudes. Pächter wechselten, die gastronomische Qualität sank, und Gäste blieben aus. Anfang der 1990er-Jahre drohte dem Haus der Verfall. Eine engagierte Bürgerinitiative und der Bauingenieur Bodo Sellhorn konnten 1994 durch ein überzeugendes Sanierungskonzept den Untergang verhindern. Der Investor, der eine symbolische D-Mark für das Gebäude zahlte, verpflichtete sich zur denkmalgerechten Sanierung. Bis 1998 beliefen sich die Baukosten auf rund zwölf Millionen D-Mark, und bis 2001 kamen weitere Kosten für Technik, Mobiliar und Betrieb hinzu.
Das Pegelhaus und das Vier-Sterne-Hotel
Wenige Meter vom Fährhaus entfernt befindet sich das neu errichtete Pegelhaus, ein Nachbau des Originals von 1992. Auf nur fünf Quadratmetern bietet es Platz für das “kleinste Restaurant der Welt”. Von 2009 bis 2012 wurde das Areal um ein Vier-Sterne-Hotel mit 53 Zimmern erweitert. Besonderheit des Neubaus ist die Verwendung historischer Baumaterialien, die die lange Geschichte des Ortes widerspiegeln.
Das Zollenspieker Fährhaus ist somit mehr als nur ein historisches Gebäude; es ist ein lebendiges Zeugnis norddeutscher Geschichte, ein Ort der Begegnung und ein beliebtes Ausflugsziel, das seine Vergangenheit mit moderner Gastfreundschaft verbindet.

