Die Frage, ob eine Marktwirtschaft ohne Wirtschaftswachstum funktionieren kann, ob langfristiges Wachstum mit begrenzten Ressourcen und Umweltschutz vereinbar ist und ob Marktwirtschaft und Umweltschutz zusammenpassen, beschäftigt viele. Eine pauschale Antwort darauf, was “Markt”, “Umwelt” und “Wirtschaftswachstum” bedeuten, ist entscheidend. Ein ewiges Wachstum der Produktion physischer Güter für eine ständig wachsende Weltbevölkerung scheint auf Dauer nicht mit einem nachhaltigen Ressourceneinsatz vereinbar zu sein. In einem Laissez-faire-Marktgleichgewicht wird Umweltqualität oft vernachlässigt, da negative externe Effekte ignoriert werden. Zudem könnte in einer reinen Marktwirtschaft das langfristige Wirtschaftswachstum, begünstigt durch positive externe Effekte von Investitionen in Forschung und Bildung, zu kurz kommen. Richtig verstanden, passen diese drei Elemente jedoch hervorragend zusammen, und es gibt keinen Grund, sie gegeneinander auszuspielen.
Wirtschaftswachstum und Umwelt: Keine unvereinbaren Gegensätze
Die Annahme, dass ein ewiges Wirtschaftswachstum aufgrund der Endlichkeit unseres Planeten unmöglich sei, ist weit verbreitet. Bereits Malthus erkannte im späten 18. Jahrhundert, dass begrenzte Ressourcen wie Land natürliche Grenzen für die Arbeitskraft setzen, da sie die Ernährungsmöglichkeiten limitieren. Spätere Simulationen, wie die von Meadows et al. im Jahr 1972, prognostizierten, dass die Lebensmittelproduktion im 21. Jahrhundert nicht ausreichen würde, um die Weltbevölkerung zu ernähren, was zu einem drastischen Bevölkerungsrückgang führen würde. Heutige Analysen zeigen jedoch, dass diese Prognosen die Innovations- und Anpassungsfähigkeit der Menschheit unterschätzt haben.
Endliche Ressourcen müssen ein Wirtschaftswachstum im Sinne eines stetigen Anstiegs des Konsums pro Kopf nicht zwangsläufig verhindern. Technologischer Fortschritt, der Ersatz natürlicher Ressourcen durch Kapitalakkumulation oder steigende Skalenerträge können einen immer weiter zurückgehenden Verbrauch natürlicher Ressourcen kompensieren. Beispielsweise kann verbesserter Saatgut die Erträge auf bestehenden Flächen erhöhen und somit den Flächenverbrauch reduzieren. Wenn Arbeitsprozesse effizienter gestaltet werden, sodass bestimmte Güter mit weniger Arbeitsaufwand produziert werden können, kann die gewonnene Zeit für zusätzliche Dienstleistungen genutzt werden, was die Konsummöglichkeiten erweitert.
Ähnlich verhält es sich mit endlichen Energieträgern wie Öl, Gas und Kohle. Viele fortschrittliche Volkswirtschaften steigern ihre Güterproduktion, während sie gleichzeitig den Einsatz fossiler Energieträger reduzieren, indem sie die Energieeffizienz erhöhen und den Anteil erneuerbarer Energien ausbauen. Empirische Studien deuten darauf hin, dass ab einer bestimmten Einkommensschwelle ein negativer Zusammenhang zwischen dem Einkommen pro Kopf und dem Ausmaß der Umweltverschmutzung besteht, bekannt als die “Umwelt-Kuznets-Kurve”. Während die Umweltbelastung zunächst mit steigendem Einkommen zunimmt, scheinen Umweltziele bei Erreichen eines gewissen Wohlstands an Bedeutung zu gewinnen. Die Robustheit dieses Zusammenhangs wird zwar diskutiert, doch theoretisch schließen sich Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit in Bezug auf Ressourceneinsatz und Umweltverschmutzung nicht aus. Praktisch hängt viel von den politischen Rahmenbedingungen ab.
Umwelt und Markt: Preisignale als Lenkungsinstrumente
Auch wenn ein ewiges Wirtschaftswachstum theoretisch möglich ist, liegt das eigentliche Ziel des Wirtschaftens nicht in der Maximierung der Produktion, sondern in der Bedürfnisbefriedigung mit knappen Ressourcen. Dies umfasst Konsummöglichkeiten, Gesundheit, Freizeit, Umweltqualität und Verteilungsgerechtigkeit. Zwar korrelieren Güterproduktion (gemessen am Bruttoinlandsprodukt) und Wohlfahrt (Bedürfnisbefriedigung) positiv, aber nicht vollständig. Ein Beispiel hierfür sind die USA, wo die durchschnittliche Lebenserwartung trotz eines hohen Bruttoinlandsprodukts pro Kopf niedriger ist als international zu erwarten wäre. Für eine umfassende Wohlfahrtsbetrachtung sind somit nicht nur die produzierten Güter, sondern auch die Art der Produktion und deren Verteilung entscheidend. Der Markt reguliert viele dieser Fragen über Angebot und Nachfrage und leitet knappe Ressourcen durch Preissignale dorthin, wo die Zahlungsbereitschaft am höchsten ist. Wo dies aufgrund von Marktunvollkommenheiten wie Monopolmacht, externen Effekten oder Informationsasymmetrien nicht optimal funktioniert, kann die Politik durch Anreizsetzung den Markt nutzen.
Die steigenden Gaspreise im vergangenen Jahr verdeutlichten die Lenkungswirkung von Preissignalen. Der drastische Preisanstieg nach dem russischen Angriff auf die Ukraine trug maßgeblich zu einem geringeren Erdgasverbrauch in Deutschland im Jahr 2022 bei. Viele Umweltziele könnten effizient erreicht werden, wenn die negativen externen Effekte wirtschaftlichen Handelns ausreichend bepreist würden. Ein hinreichend hoher CO2-Preis könnte Emissionsreduktionsziele erfüllen, ohne dass staatliches Mikromanagement in private Entscheidungen eingreifen muss. Die Einnahmen aus der CO2-Bepreisung könnten zur sozialen Abfederung eingesetzt werden.
Grundsätzlich besteht kein Widerspruch zwischen Markt und Umwelt, wenn die Erkenntnisse der volkswirtschaftlichen Preistheorie für die staatliche Rahmengestaltung genutzt werden. Greift die Politik hingegen primär auf Ordnungsrecht mit Verboten und Geboten zurück, ist dies oft unnötig teuer. CO2-Einsparungen erfolgen dann nicht dort, wo sie am kostengünstigsten möglich wären, und es entsteht zusätzlicher bürokratischer Aufwand.
Markt und Wirtschaftswachstum: Innovation als treibende Kraft
Die kapitalistische Marktwirtschaft ist das effizienteste System zur Erreichung von nachhaltigem Wirtschaftswachstum. Eine gute Wirtschaftspolitik basiert nicht auf einem vermeintlichen Widerspruch zwischen ökonomischer Effizienz und Zielen wie Umweltschutz oder Verteilungsgerechtigkeit. Vielmehr können diese Ziele oft erreicht werden, ohne die Lenkungsfunktion von Preisen zu beeinträchtigen.
Der Schlüssel zu langfristigem Wirtschaftswachstum liegt in der “schöpferischen Zerstörung”, wie Schumpeter es beschrieb: Neue Konsumgüter, Produktionsmethoden und Märkte treiben die kapitalistische Maschine an. Wenn jedoch aus sozialpolitischen Gründen der Erhalt bestehender Strukturen über Innovation gestellt wird, beeinträchtigt dies den Produktivitätsfortschritt. Die Produktivitätslücke zwischen den USA und Kontinentaleuropa ist teilweise auf langsamere Innovationen und geringere Marktflexibilität in Europa zurückzuführen, was zu einer weniger dynamischen Unternehmenslandschaft führt.
Märkte funktionieren jedoch nicht ohne staatliche Rahmensetzung. Rechtsstaatlichkeit und verlässliche Institutionen sind essenziell für nachhaltigen Wohlstand. Es gilt, sowohl die Marktmacht einzelner Unternehmen zu begrenzen als auch übermäßige staatliche Eingriffe zu minimieren. Eine starke Regierung ist notwendig, aber sie darf den Markt nicht ausbeuten. Dies erfordert Institutionen, die den Staat begrenzen und die Bereitstellung öffentlicher Güter sicherstellen. Da politische Akteure in Demokratien Anreize haben, kurzfristige Wiederwahlwahrscheinlichkeiten zu berücksichtigen, ist die Begrenzung des politischen Gestaltungsspielraums unerlässlich.
Investitionen in Bildung und Forschung und Entwicklung kommen im Marktgleichgewicht aufgrund positiver externer Effekte oft zu kurz. Der Staat kann durch Bildungspolitik und Forschungsförderung die Bedingungen für Innovationen verbessern. Die Förderung von Forschung und Entwicklung sollte jedoch nicht mit Subventionen an einzelne Unternehmen verwechselt werden, da dies zur Unterstützung ineffizienter Projekte führen kann. Unternehmen, die politische Akteure zu ihren Gunsten beeinflussen, sind zwar kurzfristig erfolgreicher, aber langfristig weniger innovativ. Breit angelegte staatliche Investitionen in Bildung und Forschung sind daher vorteilhafter als die Förderung spezieller Technologien einzelner Unternehmen. Die Entscheidungen über die Produktion von Gütern durch spezifische Unternehmen und Technologien sind bei privaten Kapitalgebern aufgrund ihrer eigenen Haftung besser aufgehoben.
Die gesellschaftliche Akzeptanz für Innovation und Wandel hängt vom Sozialsystem ab. Auch die Verlierer des Fortschritts müssen an den Gewinnen des Produktivitätsfortschritts partizipieren, damit das System langfristig funktioniert. Die Soziale Marktwirtschaft ist somit kein Selbstzweck, und Verteilungsgerechtigkeit ist nicht nur eine soziale Präferenz, sondern eine Voraussetzung für dynamische ökonomische Effizienz.
Fazit: Ein integrierter Weg zur Nachhaltigkeit
Markt, Umwelt und Wirtschaftswachstum bilden kein Trilemma. In marktwirtschaftlich organisierten Ländern zeigt sich ein höheres Bruttoinlandsprodukt pro Kopf bei gleichzeitig höherer Umweltqualität. Die menschengemachte Erderwärmung stellt jedoch neue Herausforderungen dar. Theoretisch ist Treibhausgasneutralität in Deutschland durch den Ausbau erneuerbarer Energien und eine schnellere Steigerung der Energieeffizienz erreichbar, ohne die Produktion zu reduzieren. Dies erfordert jedoch eine Verdopplung des technologischen Fortschritts, was mehr Investitionen in Bildung und Forschung und damit kurzfristigen Konsumverzicht bedeutet. Wird dieser Verzicht durch staatliche Gebote und Verbote kurzfristig durchgesetzt, sinkt das Vertrauen in Institutionen und den Schutz vor staatlicher Ausbeutung, was sich negativ auf private Investitionsverhalten und langfristigen Wohlstand auswirkt. Gesamtwirtschaftlich günstiger lässt sich Treibhausgasneutralität durch die Lenkungsfunktion von Preisen, sozialen Ausgleich und das Zusammenspiel von Markt, Umwelt und Wirtschaftswachstum erreichen.

