Werte, Wertorientierungen und Einstellungen in Deutschland

Werte sind die unsichtbaren, aber mächtigen Leitplanken unseres Handelns und unserer Gesellschaft. Sie definieren, was wir als wünschenswert erachten und beeinflussen maßgeblich unsere Entscheidungen, von der politischen Wahl bis hin zu alltäglichen Interaktionen. Sie sind die grundlegenden Vorstellungen, die Individuen und Kollektive prägen und ein harmonisches Zusammenleben erst ermöglichen. Ohne ein gemeinsames Verständnis von Werten wie Solidarität, Freiheit und Gerechtigkeit wäre gesellschaftlicher Zusammenhalt kaum denkbar. Während persönliche Einstellungen schwanken können, sind grundlegende Werte über Jahre hinweg stabil und bilden die Basis für unser politisches und soziales Verhalten. Die Auseinandersetzung mit der deutschen Kultur und ihren prägenden Werten ist entscheidend für das Verständnis der Gesellschaft.

Die Bedeutung von Werten und Wertorientierungen

Werte sind tief in uns verankerte Überzeugungen, die als Richtschnur für unser Handeln dienen. Sie sind zwar nicht direkt sichtbar, aber ihre Auswirkungen sind im Verhalten von Individuen und der Gesellschaft als Ganzes unübersehbar. Sie beeinflussen, wie wir politisch partizipieren, welche sozialen Normen wir akzeptieren und wie wir die Welt um uns herum interpretieren. Im Gegensatz zu Einstellungen, die kurzfristig und situationsabhängig sein können, sind Werte dauerhafter und formen unsere langfristige Weltsicht. Sie werden oft schon in der Kindheit und Jugend geprägt, können aber auch durch tiefgreifende gesellschaftliche Ereignisse wie Kriege oder wirtschaftliche Krisen beeinflusst werden.

Einstellungen hingegen sind eher evaluative Haltungen gegenüber spezifischen Objekten oder Situationen. Sie drücken eine positive, negative oder neutrale Einstellung aus, aber ihnen fehlt der normative Anspruch des “Wünschenswerten”, der für Werte charakteristisch ist. Während Einstellungen primär von Individuen getragen werden, können Werte sowohl von Einzelpersonen als auch von ganzen Gesellschaften geteilt und verinnerlicht werden.

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Ronald Ingleharts Konzept des Wertewandels

Die Stabilität von Werten ist nicht absolut. Gesellschaften durchlaufen, wie von Ronald Inglehart in seinem Werk “The Silent Revolution” (1977) dargelegt, einen Prozess des Wertewandels. Dieser Wandel wird maßgeblich durch wirtschaftliche Entwicklungen und das Ausbleiben von kriegerischen Konflikten vorangetrieben. In post-industriellen Gesellschaften rücken neue Themen in den Vordergrund, die zuvor nicht die breite Masse erreichten.

Inglehart entwickelte daraufhin den “Inglehart-Index”, um zwischen materialistischen und postmaterialistischen Wertorientierungen zu unterscheiden. Während materialistische Werte sich auf Sicherheit und wirtschaftlichen Wohlstand konzentrieren (z.B. Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung, Kampf gegen steigende Preise), legen postmaterialistische Werte Wert auf Bürgerbeteiligung und freie Meinungsäußerung (z.B. mehr Einfluss der Bürger auf Regierungsentscheidungen, Schutz des Rechts auf freie Meinungsäußerung). Inglehart stellte fest, dass jüngere Generationen tendenziell postmaterialistischer eingestellt sind als ältere, was er mit der “Mangelhypothese” und der “Sozialisationshypothese” erklärte. Die Mangelhypothese besagt, dass Menschen, die in Zeiten des Mangels aufwachsen, die Befriedigung dieser Bedürfnisse priorisieren, während die Sozialisationshypothese die prägende Wirkung der frühen Lebensjahre betont. Interessanterweise zeigte sich später, dass der Anteil der Postmaterialisten in vielen westlichen Gesellschaften stagnierte und sich stattdessen ein Misch-Typ herausbildete, der sowohl materielle als auch postmaterialistische Werte schätzt.

Der Wertewandel und das deutsche Parteiensystem

Dieser gesellschaftliche Wertewandel hat tiefgreifende Auswirkungen auf das deutsche Parteiensystem. Neben den traditionellen Konfliktlinien wie dem Sozialstaats- oder dem Wertekonflikt zwischen religiösen und säkularen Werten hat sich die Auseinandersetzung zwischen materialistischen und postmaterialistischen Werten als dritte Dimension etabliert. Dies führte in ganz Westeuropa zur Entstehung von grün-alternativen Parteien. In Deutschland manifestierte sich dieser Wandel Ende der 1960er-Jahre durch die Entstehung “Neuer Sozialer Bewegungen” wie der Friedens-, Umwelt- und Frauenbewegung. Aus diesen ging 1980 die Partei “Die Grünen” hervor, die besonders die postmateriellen Werte aufgriff und bei der Bundestagswahl 1983 signifikanten Zuspruch von Postmaterialisten erhielt, was ihren Einzug ins Parlament ermöglichte.

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Werte und die Entstehung der AfD

Inglehart und Kollegen prognostizierten bereits eine Gegenreaktion auf den postmaterialistischen Wertewandel in Form von rechtspopulistischen Parteien, die liberale Gesellschaftsideale und ökologische Reformen ablehnen. Der GAL-TAN-Ansatz beschreibt diese politische Konfliktlinie zwischen grün-alternativ-libertären (GAL) und traditionalistisch-autoritär-nationalistischen (TAN) Werten. Obwohl sich in Deutschland seit den 1980er-Jahren immer wieder Parteien am TAN-Pol gründeten, gelang nur der Alternative für Deutschland (AfD) im Jahr 2013 eine breitere Etablierung. Die AfD vertritt zwar national-konservative Positionen, kombiniert diese aber auch mit wirtschaftlich-libertären Standpunkten, was eine klare Einordnung erschwert.

Ob ein erneuter Wertewandel stattgefunden hat, der die Gründung der AfD begünstigte, ist umstritten. Kritiker argumentieren, dass etablierte Parteien ein Repräsentationsdefizit durch mangelnde Responsivität erzeugt haben, indem sie langjährige Werte ihrer Wählerschaft nicht mehr vertraten, wie etwa bei der Migrations- und Asylpolitik unter Angela Merkel. Dies habe Wähler zur AfD getrieben, die sich nicht mehr verstanden fühlten. Die Annahme eines tiefgreifenden Wertewandels wird von manchen bezweifelt; stattdessen wird auf die Möglichkeit hingewiesen, dass Parteien durch inhaltliche Kurskorrekturen verlorene Wähler zurückgewinnen könnten.

Verlässliche Wertprofile von Parteien sind entscheidend für das Wahlverhalten, da sie als Orientierungshilfe dienen. Parteien müssen die relevanten Werte ihrer Wählerschaft aufgreifen und artikulieren, um langfristig erfolgreich zu sein und den Parteienwettbewerb nachhaltig zu beeinflussen. Die ständige Anpassung an gesamtgesellschaftliche Wertpräferenzen bleibt eine zentrale Herausforderung im politischen System.