Werte bilden das Fundament menschlichen Zusammenlebens und beeinflussen unser Denken und Handeln maßgeblich. Sie sind die unsichtbaren Leitlinien, die uns als Individuen und als Gesellschaft prägen. Doch was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff und wie haben sich Werte in Deutschland im Laufe der Zeit verändert? Dieser Artikel beleuchtet die Komplexität von Werten und Wertorientierungen und analysiert insbesondere den von Ronald Inglehart beschriebenen Wertewandel, der auch das politische System der Bundesrepublik Deutschland nachhaltig beeinflusst hat.
Verständnis von Werten und Wertorientierungen
Werte sind als wünschenswerte Zielvorstellungen zu verstehen, die das Verhalten von Individuen und Gruppen leiten. Sie sind nicht direkt beobachtbar, sondern beeinflussen die Auswahl von Handlungsmodi, Mitteln und Zielen. Sowohl Individuen als auch Kollektive sind Träger von Werten, die sie formen und durch die sie geformt werden. Diese grundlegenden Leitlinien sind stabil und langlebig, im Gegensatz zu Einstellungen, die situativ schwanken können. Während Einstellungen eine rein evaluative Haltung gegenüber spezifischen Objekten ausdrücken, beinhalten Werte das Postulat des Wünschenswerten und sind somit normativ anspruchsvoller.
Der Wertewandel nach Ronald Inglehart
Ronald Inglehart revolutionierte das Verständnis von Wertveränderungen mit seinem Konzept des Wertewandels. Er identifizierte zwei Hauptgründe für diesen Wandel: zum einen die Bedeutungsgewinnung neuer Themen in der post-industriellen Phase und zum anderen das Ausbleiben kriegerischer Auseinandersetzungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese Faktoren führten zu einem Aufstieg postmaterialistischer Werte, die sich auf Themen wie Bürgerbeteiligung und Meinungsfreiheit konzentrieren, im Gegensatz zu materialistischen Werten, die Sicherheit und wirtschaftlichen Wohlstand betonen.
Inglehart entwickelte den sogenannten “Inglehart-Index”, um diese Wertorientierungen zu messen. Seine Forschung zeigte insbesondere intergenerationelle Unterschiede: Ältere Generationen waren tendenziell materialistisch eingestellt, während jüngere Generationen postmaterialistische Werte bevorzugten. Seine “Mangelhypothese” und “Sozialisationshypothese” erklärten dies damit, dass Knappheit langfristige Bedürfnisse schafft und Werte primär in den ersten Lebensjahren geformt werden.
Obwohl Ingleharts ursprüngliche Annahme eines stetigen Anstiegs von Postmaterialisten nicht vollständig eintrat – stattdessen bildete sich ein “Misch-Typ” heraus – bleibt sein Modell ein wichtiges Instrument der sozialwissenschaftlichen Werteforschung.
Auswirkungen des Wertewandels auf das politische System
Der von Inglehart beschriebene Wertewandel hat tiefgreifende Auswirkungen auf das politische System Deutschlands. Neben traditionellen Konfliktlinien wie dem Sozialstaats- oder dem Wertkonflikt zwischen Kirche und Staat etablierte sich die Spannung zwischen materialistischen und postmaterialistischen Werten als dritte Dimension. Dies führte zur Entstehung von grün-alternativen Parteien und neuen sozialen Bewegungen, wie der Gründung von “Die Grünen” im Jahr 1980, die insbesondere postmaterialistische Werte vertraten. Bei der Bundestagswahl 1983 wählten 40 % der Postmaterialisten die Grünen, was ihnen den Einzug in den Bundestag ermöglichte.
Die Entstehung der AfD im Kontext des Wertewandels
Inglehart und Kollegen prognostizierten eine Gegenreaktion auf den postmaterialistischen Wertewandel, die sich in Form rechtspopulistischer Parteien manifestiert. Die Alternative für Deutschland (AfD), gegründet 2013, wird oft in diesem Kontext betrachtet. Die Partei vertritt zwar national-konservative und national-liberale Positionen, die dem “traditionalistisch-autoritär-nationalistischen” (TAN) Pol zugeordnet werden, weist aber auch wirtschaftlich libertäre Standpunkte auf, die eher dem “grün-alternativ-libertären” (GAL) Pol entsprechen.
Kritiker bezweifeln einen erneuten Wertewandel und argumentieren stattdessen, dass etablierte Parteien ein Repräsentationsdefizit erzeugt hätten, indem sie die Werte ihrer Wähler nicht mehr vertraten. Die Migrations- und Asylpolitik unter Angela Merkel wird hier als Beispiel genannt, das Teile der Wählerschaft entfremdete und der AfD zugutekam.
Werte als Orientierung im Parteiensystem
Verlässliche Wertprofile von Parteien sind für das Wahlverhalten von entscheidender Bedeutung. Sie dienen als Orientierungshilfe und erleichtern die Komplexitätsreduktion vor Wahlen. Parteien müssen die für ihre Wählerschaft relevanten Werte aufgreifen und artikulieren, um langfristig erfolgreich zu sein. Veränderungen gesamtgesellschaftlicher Wertpräferenzen erfordern eine Anpassung der politischen Standpunkte, was den Parteienwettbewerb nachhaltig verändern kann. Die Auseinandersetzung darüber, ob eine Gesellschaft kulturell eher geschlossen-nationalistisch oder liberal-kosmopolitisch ausgerichtet sein soll, bleibt eine zentrale Frage im heutigen Deutschland.
Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 8., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2021.

