Weizenwampe: Eine kritische Betrachtung von Dr. William Davis’ Thesen

Buchcover: Weizenwampe - Warum Weizen dick und krank macht von William Davis

Die Debatte um unsere Ernährungsgewohnheiten wird oft von polarisierenden Meinungen angeheizt. Ein Bestseller, der in den letzten Jahren für viel Aufsehen sorgte, ist “Weizenwampe: Warum Weizen dick und krank macht” von Dr. William Davis. Der Kardiologe und Präventivmediziner aus den USA stellt darin eine provokante These auf: Weizenzüchtungen seien verantwortlich für einen erheblichen Teil moderner Zivilisationskrankheiten. Doch lassen sich seine Behauptungen wissenschaftlich halten? Dieser Artikel beleuchtet die Hintergründe und ordnet die Aussagen von Davis kritisch ein.

Die zentrale These von “Weizenwampe”

Buchcover: Weizenwampe - Warum Weizen dick und krank macht von William DavisBuchcover: Weizenwampe – Warum Weizen dick und krank macht von William DavisDr. William Davis veröffentlichte 2011 in den USA sein Buch “Wheat Belly”, das ein Jahr später unter dem Titel “Weizenwampe” auch in deutscher Übersetzung erschien. Das Werk avancierte schnell zum Bestseller und beansprucht, eine einfache Erklärung für die Zunahme von Zivilisationskrankheiten wie Herzerkrankungen, Diabetes Typ II, Osteoporose und Adipositas zu liefern. Davis’ Kernargument ist, dass der heutige Weizen, insbesondere durch züchterische Veränderungen seit Mitte des 20. Jahrhunderts, für diese gesundheitlichen Probleme verantwortlich sei. Er behauptet, dass diese genetischen Veränderungen den Weizen für den menschlichen Körper unverträglich gemacht hätten.

Wissenschaftliche Einordnung der Weizenzüchtung

Die Annahme, dass ein seit Jahrtausenden grundlegendes Nahrungsmittel wie Weizen plötzlich schädlich geworden sein soll, wirft Fragen auf. Davis’ Erklärung liegt in der vermeintlichen Veränderung des Weizens durch moderne Züchtungsmethoden. Es ist unbestritten, dass Nutzpflanzen wie Weizen gezüchtet werden, um Erträge zu steigern und Resistenzen gegen Schädlinge zu erhöhen. Dies ist auch notwendig, um eine wachsende Weltbevölkerung ernähren zu können. Davis’ Behauptung, Weizen sei “im Labor zerlegt, zerschnippelt und neu zusammengesetzt” worden, entspricht jedoch nicht der landwirtschaftlichen Praxis.

Weiterlesen >>  Küchengeräte und Einbaugeräte – Made in Germany von ritterwerk

Die Fortschritte in der Weizenzüchtung seit den 1950er Jahren basieren primär auf klassischen Methoden der Kreuzung und Selektion. Diese Methoden führten zu wichtigen Erfolgen, wie der verbesserten Resistenz gegen Getreiderost und der Entwicklung kleinwüchsiger Sorten. Letztere sind widerstandsfähiger gegen Umwelteinflüsse und ermöglichen eine höhere Kornbildung, was zu signifikant gesteigerten Erträgen führte. Diese Entwicklungen, die maßgeblich zur globalen Ernährungssicherheit beigetragen haben, brachten Züchtern wie Norman Borlaug sogar den Friedensnobelpreis ein.

Die Rolle von Gluten und anderen Inhaltsstoffen

Ein zentraler Punkt in Davis’ Argumentation sind die Proteine im Weizenkorn, insbesondere das Gluten. Gluten ist für etwa 1 Prozent der Bevölkerung Auslöser von Zöliakie, einer chronischen Darmerkrankung, und bis zu 5 Prozent der Menschen berichten von einer Gluten-Sensitivität. Diese sind zweifellos Gesundheitsrisiken für die Betroffenen. Allerdings ist Gluten nicht nur in modernen Weizensorten enthalten, sondern auch in älteren Varianten sowie in anderen Getreidearten wie Dinkel, Roggen und Hafer.

Aus biochemischer und genetischer Sicht gibt es keine Belege dafür, dass sich die Proteinzusammensetzung des Weizenkorns durch die Züchtung nennenswert verändert hat, die es für die breite Bevölkerung unverträglicher machen würde. Die von Davis dargestellte wissenschaftliche Basis seiner Thesen ist somit fragwürdig.

Fazit: Eine wissenschaftlich nicht haltbare Erklärung

Das Buch “Weizenwampe” hat zweifellos eine Diskussion angestoßen, liefert aber eine vereinfachte und wissenschaftlich nicht fundierte Erklärung für komplexe Zivilisationskrankheiten. Die Thesen von Dr. Davis sind widerlegbar und potenziell schädlich, da sie den Wert von Vollkorn-Weizenprodukten verkennen. Für die meisten Menschen stellen diese Produkte eine wichtige Energiequelle dar und liefern wertvolle Vitamine, Mineralstoffe und Ballaststoffe, die nachweislich zur Prävention von Krankheiten wie Diabetes und bestimmten Krebsarten beitragen können.

Weiterlesen >>  ritter Allesschneider manus 3: Handbetriebene Präzision für Ihre Küche

Die Akteure und ihre Interessen

William R. Davis ist Kardiologe und Präventivmediziner. Neben “Weizenwampe” hat er auch mehrere Kochbücher veröffentlicht, die auf seinen Ernährungsempfehlungen basieren. Seine Thesen zur modernen Weizenzüchtung stoßen in der wissenschaftlichen Fachwelt auf erhebliche Kritik.

Davis’ wirtschaftliches Interesse an der Verbreitung seiner Theorie ist nicht zu übersehen. Auf seiner Website bietet er kostenpflichtige Mitgliedschaften für eine Online-Community, persönliche Coachings und empfiehlt diverse Produkte, Lebensmittel und Nahrungsergänzungsmittel, oft über bezahlte Links. Diese finanzielle Verflechtung wirft Fragen hinsichtlich der Objektivität seiner Darstellungen auf.

Nachweise

  • Brouns et al. (2013): Does wheat make us fat and sick? J Cereal Sci 58:209–215
  • Shewry PR, Hey SJ (2016): Do we need to worry about eating wheat? Nutrition Bulletin 41:6–13
  • Shewry et al. (2016): Is modern wheat bad for health? Nature Plants 2:16097
  • Ye et al. (2012): Greater whole-grain intake is associated with lower risk of type 2 diabetes, cardiovascular disease, and weight gain. J Nutr 142:1304–1313
  • www.nobelprize.org/prizes/peace/1970/borlaug/facts/

Titelbild: TTstudio/stock.adobe.com