Entangled Memories: A Journey Through German-Jewish History in Katja Petrowskajas “Vielleicht Esther”

Katja Petrowskajas Roman Vielleicht Esther (****), obwohl von der Autorin selbst als ein sachliches Werk beschrieben, entfaltet sich als eine tiefgründige und poetische autobiografische Erzählung. Durch die meisterhafte Verwebung von Erinnerung und Fakten, von persönlichen Erlebnissen und historischen Narrativen, schafft Petrowskaja einen vielschichtigen Raum des Gedenkens. Dieser Artikel beleuchtet, wie die Protagonistin auf ihrer Reise durch physische und virtuelle Welten, durch soziale und politische Landschaften, ihre eigene Identität im Spannungsfeld europäischer Erinnerungskulturen verortet und dabei Grenzen überschreitet. Die poetische Sprache der Bewegung, die an Reiseliteratur erinnert, ermöglicht es, die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion, Vergangenheit und Gegenwart, Realität und Imagination zu verwischen und somit ein multidirektionales und multimediales Erinnerungsgedächtnis zu erschaffen.

Die Poetik der Deterritorialisierung

Im Zentrum der Analyse steht das Konzept der „Deterritorialisierung“ nach Gilles Deleuze und Félix Guattari. Dieses Konzept beschreibt einen performativen Sprachgebrauch, der etablierte Grenzen und Normen in Frage stellt und durch kreative „Fluchtlinien“ neue Räume eröffnet. In Vielleicht Esther manifestiert sich diese Deterritorialisierung auf mehreren Ebenen:

  • Überschreitung von Grenzen: Die Erzählung durchquert nationale, ethnische, zeitliche und konzeptionelle Grenzen. Sie verknüpft die Erfahrungen der Autorin mit denen ihrer jüdischen Vorfahren, deren Spuren sie durch Archivforschung, Online-Recherche und Imagination verfolgt.
  • Verschmelzung von Realitäten: Die Grenzen zwischen physischen und virtuellen Räumen, zwischen individueller Erinnerung und kollektivem Gedächtnis, zwischen Fakten und Fiktion werden aufgehoben.
  • „Minor“ Literatur: Petrowskajas Werk wird als eine „Minor-Literatur“ im Sinne Deleuze’ und Guattaris betrachtet – eine Literatur, die innerhalb einer dominanten Sprache (hier: Deutsch) eine eigene Ästhetik schafft und etablierte Diskurse hinterfragt.
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Diese poetische Sprache der Bewegung ermöglicht es der Autorin, ein flexibles und multidirektionales Erinnerungsgedächtnis zu konstruieren, das sich den starren nationalen und ethnischen Narrativen entzieht.

Kartografie der Leerstelle und Fluchtlinien

Petrowskajas Protagonistin begibt sich auf eine Reise, um Lücken in ihrer Familiengeschichte zu füllen und eine Gemeinschaft jenseits der unmittelbaren Familie zu finden. Ihre Suche führt sie zu Orten, die sowohl in der Erinnerung lebendig sind als auch physisch von ihr erkundet werden. Diese Bewegung zwischen Orten und Zeiten schafft einen „embodied literary space“ (Michel de Certeau), der sowohl physisch als auch symbolisch, real und konstruiert ist.

Die fragmentarische Natur dieses Raumes erinnert an ein Mosaik mit Lücken und Fugen. Die Protagonistin identifiziert sich mit ihren Vorfahren, die oft Außenseiterrollen innehatten und Opfer von Gewalt und Verfolgung wurden. Diese Spuren bilden eine Topografie der europäischen Geschichte. Die Erfahrung des Holocaust, insbesondere die Erinnerung an die Massaker von Babi Jar, wird zu einer zentralen „Leerstelle“ im Mosaik der Familiengeschichte und zu einem Schlüsselmotiv der Erzählung.

Die Auseinandersetzung mit Orten wie Babi Jar konfrontiert die Protagonistin mit einer Alterität und Gemeinschaft, die über familiäre oder ethnische Grenzen hinaus auf die Menschheit selbst abzielt. Die Abwesenheit menschlicher Spuren an diesen Orten und die offizielle Verharmlosung der Verbrechen verdeutlichen die Notwendigkeit einer literarischen Auseinandersetzung, die dem Ausmaß des Leids und der Unbegreiflichkeit des Geschehenen Rechnung trägt.

Übersetzung als Metapher der Bewegung

Das Motiv der „Übersetzung“ (Übersetzen) fungiert in Vielleicht Esther als Metapher für Bewegung und Auseinandersetzung mit dem Fremden. Die Protagonistin setzt sich mit der polnischen Identität ihrer Großmutter auseinander und reflektiert die Schuld und Verantwortung, die mit der deutschen und sowjetischen Geschichte verbunden sind. Diese Multidirektionalität zeigt, wie die Familiengeschichte mit der komplexen Verflechtung von Opfertum und Schuld in Mittel- und Osteuropa verbunden ist.

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Die Erinnerung der Protagonistin ist geprägt von der Erkenntnis, dass „manchmal gerade die Prise Dichtung, welche die Erinnerung wahrheitsgetreu macht“. Diese Aussage unterstreicht die Bedeutung der subjektiven und kreativen Perspektive bei der Sinngebung von scheinbar bedeutungslosen Ereignissen, auch wenn die faktische Information unzuverlässig bleibt. Petrowskaja positioniert sich damit zwischen einer ethischen Verpflichtung zur Bewahrung der Geschichte und einem postmodernen Geschichtsverständnis, das die Fiktionalität der Erinnerung anerkennt.

„Wer nicht lügt, kann nicht fliegen“

Die Freiheit der Imagination und die Fähigkeit, „Fluglinien“ zu erzeugen, werden in der Begegnung mit einem amerikanischen Juden am Berliner Hauptbahnhof thematisiert. Die Protagonistin erkennt, dass ihre eigene Erzählweise, die Fakten und Fiktionen vermischt, ihr Flügel verleiht. Die Aussage „Wer nicht lügt, kann nicht fliegen“ verdeutlicht die Ambivalenz dieser Freiheit: Einerseits ermöglicht sie kreativen Ausdruck und das Entkommen aus starren Strukturen, birgt andererseits aber auch Gefahren und Täuschung.

Das Bild des eigenen Stammbaums wird durch eine Chinoiserie von schwebenden jüdischen Figuren ersetzt, die an Marc Chagalls Malerei erinnern. Diese Figuren repräsentieren Wurzel- und Orientierungslosigkeit, aber auch grenzenlose Vorstellungskraft. Die Protagonistin reflektiert ihre eigene Bewegung als von einem schicksalhaften „Google-Algorithmus“ gesteuert, was die Ambivalenz zwischen eigener Handlungsfähigkeit und externer Lenkung betont.

Fazit: Rhizomatisches Gedächtnis und Multidirektionalität

Die Struktur der Suche in Vielleicht Esther lässt sich als ein „Rhizom“ beschreiben, das Linien und Richtungen der Bewegung aufweist. Die Protagonistin erweitert ihr Gemeinschaftsnetzwerk, von der Identifikation mit dem amerikanischen Juden bis zur Anerkennung aller Menschen als Opfer. Online-Recherche schafft ein offenes, globales und virtuelles Gemeinschaftsnetzwerk, das die Grenzen von Zeit und Raum überwindet.

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Die virtuelle Bewegung eröffnet zusätzliche „Fluglinien“, die die physischen Bewegungen ergänzen. Das Internet wird zu einem virtuellen kulturellen und sozialen Raum, der neue Formen der Identitätsbildung und Interaktion ermöglicht. Die Beziehungen, die online geknüpft werden, sind zwar strukturell ähnlich der Entstehung physischer Räume, ermöglichen aber eine Intensivierung und Amplifikation von Erfahrungen.

Durch eine kreative Sprache der Bewegung, die sowohl verkörperte Erzählungen als auch virtuelle Dialogräume einbezieht, realisiert Vielleicht Esther Prozesse der Deterritorialisierung. Das Werk stellt somit eine „Minor-Literatur“ dar, die die starren Narrative der Erinnerung aufbricht und neue Räume des Gedenkens erschließt.