Therapeutisches Klettern: Eine Evidenzbasierte Betrachtung

Das therapeutische Klettern gewinnt zunehmend an Aufmerksamkeit als potenzielle Intervention bei psychischen und Verhaltensstörungen. Diese Methode, die körperliche Aktivität mit psychologischen Komponenten verbindet, verspricht positive Auswirkungen auf das Wohlbefinden. Doch wie robust ist die wissenschaftliche Evidenz, die diese Annahmen stützt? Dieser Artikel beleuchtet die aktuelle Forschungslage, analysiert Studien und identifiziert Forschungsdesiderate, um ein klares Bild von der Wirksamkeit des therapeutischen Kletterns zu zeichnen.

Aktueller Forschungsstand und Studienübersicht

Sieben Artikel wurden in die vorliegende Überblicksarbeit einbezogen, die sich mit Personengruppen, Kontrollgruppen, Altersgruppen, Erhebungsparametern sowie Art und Dauer von Interventionen auseinandersetzen. Von den insgesamt sieben Artikeln erhoben drei die Selbstwirksamkeit und stellten signifikante Veränderungen in der Versuchsgruppe fest, konnten diese Verbesserungen jedoch nur teilweise mit einer Kontrollgruppe vergleichen. Diese Beobachtungen galten sowohl für Erwachsene als auch für Kinder.

Klettern und psychische Gesundheit: Positive Effekte bei verschiedenen Patientengruppen

Bei psychiatrischen Patienten zeigte sich eine Verbesserung der Zustandsangst durch eine Hochseilgartenexposition im Vergleich zur Kontrollgruppe. Ähnliche Verbesserungen der Zustandsangst wurden auch bei gesunden Probanden beobachtet, allerdings waren diese auch durch eine Fitnesstrainingsintervention zu erzielen. Dies wirft die Frage auf, ob die Veränderungen tatsächlich durch die Klettertherapie oder vielmehr durch die allgemeine körperliche Aktivität ausgelöst wurden.

Akut zeigten sich signifikante Verbesserungen der affektiven Befindlichkeit durch eine Kletterintervention bei Patienten mit schweren depressiven und bipolaren Störungen im Vergleich zu einer Entspannungsintervention. Bei ambulanten Patienten mit depressiver Störung wurde durch eine achtwöchige Klettertherapie ein Rückgang im Beck Depressions Inventar II erreicht, der sich signifikant von Personen auf der Warteliste unterschied.

Limitationen und Herausforderungen in der Forschung

Die Studie von Luttenberger et al. gilt als erste randomisiert-kontrollierte Studie zu den Effekten der Klettertherapie bei psychischen und Verhaltensstörungen, wobei die Diagnosestellung nicht einheitlich erfolgte. Die Intervention umfasste neben dem Bouldern auch Achtsamkeitsübungen und psychotherapeutische Verfahren, was eine alleinige Zuschreibung der Effekte auf die klettertherapeutischen Maßnahmen erschwert. Die Verwendung einer Warteliste als Kontrollgruppe birgt zudem die Gefahr, den Interventionseffekt zu überschätzen.

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Es konnten keine Aussagen über die Effektivität der Klettertherapie im Vergleich zu anderen Bewegungsinterventionen oder einer vergleichbaren therapeutischen Intervention abgeleitet werden. Ein Vergleich zwischen einer Bewegungsintervention und einer Kletterintervention wurde lediglich bei einer gesunden Probandengruppe durchgeführt, wobei nach drei Monaten keine Gruppenunterschiede festgestellt wurden. Die Gruppenzuteilung erfolgte hier jedoch nicht randomisiert, sondern selbstgewählt.

Physiologische und psychologische Effekte bei Kindern

Zwei Studien zielten primär auf die Feststellung physiologischer Unterschiede durch Kletterinterventionen bei Kindern mit motorischen Defiziten ab und erhoben zusätzlich Veränderungen in der psychischen Gesundheit. Schram Christensen et al. berichteten keine Veränderungen in Bezug auf die psychische Gesundheit, allerdings wurde der verwendete Fragebogen nicht detailliert beschrieben. Mazzoni et al. fanden hingegen Verbesserungen in der Selbstwirksamkeit bei Kindern mit motorischen Defiziten im Vergleich zu einer Wartelistekontrollgruppe. Unterschiede im Selbstbild konnten sie jedoch nicht identifizieren.

Fallanalysen und die Notwendigkeit weiterer Forschung

Die beschriebenen Fallanalysen geben Einblicke, dass Klettertherapie bei einer Vielzahl von Patienten mit psychischen und Verhaltensstörungen eingesetzt wurde und in Einzelfällen positive Auswirkungen hatte. Diese Analysen können jedoch keine wissenschaftliche Evidenz liefern, da sie stark von der Interaktion zwischen Instruktoren und Patienten beeinflusst zu sein scheinen. Auch die Studie von Mollenhauer et al. lässt aufgrund einer fehlenden Kontrollgruppe und einer kleinen Stichprobe nur begrenzte wissenschaftliche Rückschlüsse zu.

Eine allgemeingültige Aussage über die psychologischen Effekte der Klettertherapie ist derzeit nicht möglich, da die wenigen Studien verschiedene Altersgruppen untersuchten und zahlreiche Limitationen aufwiesen. Während Praktiker positive Erfahrungen mit der Klettertherapie zu machen scheinen, ist die wissenschaftliche Evidenz dieser Intervention noch nicht abschließend bestätigt. Langfristig zeigten sich keine psychologischen Unterschiede zwischen einer Kletterintervention und einer aeroben Trainingsintervention bei gesunden Probanden.

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Ausblick: Zukünftige Forschungsdesigns

Positive Veränderungen in der affektiven Befindlichkeit ließen sich jedoch im Vergleich zu einer Entspannungseinheit nach einer Klettereinheit bei Patienten mit schweren depressiven Störungen nachweisen. Zukünftige kontrollierte Studien sollten daher die Auswirkungen von Klettertherapie im Vergleich zu anderen Interventionen bei Personen mit psychischen und Verhaltensstörungen untersuchen. Es wäre zudem notwendig, mögliche Vorteile der Klettertherapie gegenüber einfacheren aeroben Aktivitäten wie Gehen oder Radfahren nachzuweisen, um diese neue Bewegungsintervention evidenzbasiert zu rechtfertigen.

Die Erwartungshaltung der Probanden und die Aufmerksamkeit durch die Studienteilnahme scheinen ebenfalls einen wichtigen Einfluss auf die Studienergebnisse zu haben. Daher empfiehlt es sich in zukünftigen Studien, auch eine nicht körperlich aktive Kontrollgruppe zu berücksichtigen, wobei Interventionsgruppen (z. B. sozialer Kontakt, Entspannungstechnik, Psychotherapie) einer Warteliste als Kontrollgruppe vorzuziehen sind. Ein anzustrebendes Studiendesign wäre somit eine randomisierte-kontrollierte Studie mit den drei Interventionsgruppen Klettern, aerobe Bewegung und soziale Kontaktgruppe bei einer homogenen Patientengruppe mit psychischen und Verhaltensstörungen.

Fazit

Das therapeutische Klettern birgt Potenzial als ergänzende Therapiemaßnahme bei psychischen und Verhaltensstörungen. Die aktuelle wissenschaftliche Evidenz ist jedoch noch begrenzt und weist methodische Schwächen auf. Um die Wirksamkeit und den Stellenwert des therapeutischen Kletterns als evidenzbasierte Intervention zu etablieren, bedarf es weiterer, qualitativ hochwertiger Forschung.


Quellen:
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