Jakob von Uexkülls faszinierende Welt: Ein tiefer Einblick in seine „Umwelt“-Theorie

Die Faszination für die Natur und die Art und Weise, wie Lebewesen ihre Umwelt wahrnehmen, hat den deutsch-baltischen Biologen Jakob von Uexküll (1864-1944) sein Leben lang beschäftigt. Er entwickelte die wegweisende Theorie des „Umwelt“, die besagt, dass jedes Lebewesen seine eigene, subjektive Welt erlebt, die maßgeblich durch seine Physiologie, sein Verhalten und seine Umweltbedingungen geprägt ist. Diese Welten sind nicht nur privat, sondern auch einzigartig für jedes einzelne Subjekt. Uexkülls Ideen, die damals auf großes Interesse stießen, beeinflussen Wissenschaft und Philosophie bis heute. Doch seine Konzepte bergen auch tiefgreifende Implikationen für unser Verständnis der Welt und unseres Platzes darin.

Uexkülls Gedanken stellen eine dreifache Provokation dar: Erstens postuliert er eine Erlebniswelt für jedes Lebewesen, die wissenschaftlich nicht gänzlich erfasst werden kann. Dies widerspricht dem grenzenlosen Optimismus, der durch jahrhundertelange wissenschaftliche Erfolge entstanden war. Zweitens haben all diese „Umwelten“ keinen unterschiedlichen metaphysischen Status. Da wir Menschen, einschließlich der Wissenschaftler, selbst Lebewesen sind, bietet uns unsere eigene erlebte Welt keinen privilegierten Zugang zu einer objektiven Wahrheit über eine geistunabhängige Welt. Drittens stört die Annahme, dass jeder Mensch eine private, phänomenale Welt erlebt, die er nie mit jemand anderem teilen kann, viele Denker zutiefst.

Die philosophische Rezeption von Uexkülls Gedanken, insbesondere in Frankreich und Deutschland, hat verschiedene Strategien entwickelt, um sich von dieser Sichtweise und den daraus resultierenden sozialen und moralischen Implikationen des „phänomenalen Individualismus“ zu distanzieren. Jedoch sind diese Provokationen bisher nicht zufriedenstellend gelöst worden, und die anhaltende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Uexkülls Werk, die auch heute noch für starke Reaktionen sorgt, erklärt vielleicht sein kontinuierliches scholarly Interesse.

Uexkülls wissenschaftlicher Hintergrund und die Entwicklung seiner Ideen

Jakob von Uexküll, ein deutschsprachiger Biologe aus Estland, widmete sich der Erforschung des Verhaltens und der Physiologie von Meerestieren. Seine Forschung verband er mit philosophischen Überlegungen. Anfänglich vertrat er einen mechanistischen Ansatz zur Erklärung biologischer Phänomene. Um die Jahrhundertwende jedoch begann er, diese Sichtweise angesichts seiner Forschungsergebnisse und intellektueller Einflüsse wie dem Neovitalismus von Hans Driesch zu verwerfen. Drieschs Entdeckung pluri-potenter Zellen in Seeigeleiern führte zu der Erkenntnis, dass Tiere keine bloßen Maschinen sind – eine Ansicht, die sowohl Driesch als auch Uexküll teilten.

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Im Gegensatz zur Mehrheit seiner Kollegen, die Organismen als hochkomplexe Maschinen betrachteten, die rein mechanistisch erklärt werden können, beharrte Uexküll darauf, dass jedes Lebewesen ein Subjekt und ein Akteur ist, das seine eigene, einzigartige Erlebniswelt – seine „Umwelt“ – bewohnt. Diese Welt entsteht durch körpereigene Prozesse und die Interaktion mit der Umwelt. Der Begriff „Umwelt“ selbst wird in Uexkülls Schriften in verschiedenen, teils widersprüchlichen Bedeutungen verwendet, was die Interpretation seiner Arbeit zu einer anhaltenden Herausforderung macht.

Uexküll bezeichnete seine Ideen in einer Essaysammlung als „Bausteine zu einer biologischen Weltanschauung“. Diese Beschreibung trifft zu, da Uexküll weit über eine rein wissenschaftliche Erklärung hinausgeht, aber aufgrund mangelnder philosophischer Ausbildung und Rigorosität kein vollständiges philosophisches System darstellt. Die Schwierigkeiten beim Lesen seiner Werke ergeben sich weniger aus der Klarheit seiner Sprache als vielmehr aus der zentralen Unterscheidung zwischen zwei Perspektiven: der Außenperspektive der Wissenschaftler und der Innenperspektive des subjektiven Erlebens jedes Lebewesens. Während die Außenperspektive von einer einzigen Welt ausgeht, gibt es nach Uexküll ebenso viele Welten, wie es lebende Subjekte gibt. Diese Unterscheidung ist entscheidend, wird aber nicht immer klar herausgearbeitet.

Die „Umwelt“-Theorie: Ein Fenster in die Welt der Zeichen und Objekte

Durch seine wissenschaftliche Tierforschung entwickelte Uexküll eine wegweisende Methode zur Verhaltensanalyse mittels Zeichenprozessen. Er unterschied zwischen der dem Forscher bekannten Umwelt eines Tieres und den für das Tier relevanten und wahrnehmbaren Faktoren. Werden diese Faktoren durch den sensorischen Apparat des Tieres stimuliert, werden sie im Nervensystem in Zeichen umgewandelt. Einfache Zeichen für Ort und Position werden zu komplexeren Objektzeichen synthetisiert und bilden die „Umwelt“ des Tieres. Dieser Prozess, der zu subjektiver Erfahrung führt, generiert sowohl die Wahrnehmungsobjekte als auch den Raum, in dem sie begegnen. Uexkülls Konzept, dass Objekte direkt als Handlungsangebote wahrgenommen werden, beeinflusste die Gestaltpsychologie und später die ökologische Psychologie unter dem Begriff der Umweltdesign „affordances“. Uexkülls Ansatz, biologische Phänomene als Zeichenprozesse zu interpretieren, inspirierte die Entstehung der Biosemiotik als eigenständiges Feld.

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Aus der Perspektive des Tieres besteht die „Umwelt“ jedoch nicht aus Zeichen, sondern aus Objekten und Ereignissen. Wir nehmen eine Blume wahr, nicht das Zeichen einer Blume. In diesem Sinne beschreibt die „Umwelt“ einen Strom bewusster Erfahrung, einen „Realitätstunnel“, der das Rohmaterial für eine phänomenologische Untersuchung darstellt. Da wir jedoch Erfahrung benötigen, um sie zu untersuchen, sind unsere Beschreibungen der phänomenalen „Umwelten“ anderer Tiere oft spekulativ. Uexküll selbst nutzt hier seine poetische Vorstellungskraft, um die „Umwelten“ von Bienen, Zecken und Vögeln zu beschreiben. Unsere Wissenschaft liefert uns Hinweise auf die Struktur dieser Welten, doch wir können sie niemals selbst erfahren.

Konstruktion vs. Selektion und Uexkülls ganzheitliche Weltanschauung

Das Konzept der „Umwelt“ erfüllt somit eine Doppelrolle: Einerseits dient es der empirischen Untersuchung von Tierverhalten und Physiologie, andererseits ermöglicht es die spekulative und kreative Vorstellung radikal anderer Welten. Häufige Streitpunkte sind die Fragen, ob die „Umwelt“ eine Konstruktion oder eine Selektion ist. In der Verhaltensforschung macht es Sinn, von einer „Umwelt“ als einer Menge von Merkmalen zu sprechen, die durch die physiologischen Fähigkeiten einer Art aus einer Umgebung selektiert werden. Bei der Betrachtung subjektiver Erfahrung ist dies jedoch nicht sinnvoll, da nur Individuen Erfahrung haben. Uexkülls Ansatz ist eher konstruktivistisch, inspiriert von Kant. Er erweiterte Kants Theorie der Erfahrungsbedingungen um die Rolle des Körpers und die Subjektivität nicht-menschlicher Tiere.

Neben diesem kantianisch inspirierten Ansatz entwickelte Uexküll eine ganzheitliche Sicht der Natur als sinnvolle Totalität, stark beeinflusst von Goethe. Da er Darwins Evolutionstheorie ablehnte, suchte er nach einer Erklärung für das scheinbar perfekte Zusammenspiel von Naturteilen. Basierend auf einer musikalischen Metapher stellte er sich die Natur als ein großes, bedeutungsvolles Ganzes vor, bestehend aus Melodien, Harmonien und Kontrapunkten zwischen Morphologien und Verhaltensweisen von Beutetieren und Raubtieren. Diese Sichtweise hat deutliche Anklänge an Romantik, Organismus und Pantheismus.

Uexküll erweiterte seine holistischen Überzeugungen und die Ablehnung von Veränderung in seiner anti-evolutionären Haltung zu einer tief reaktionären, organisch-totalitären politischen Theorie. Dies steht im Kontrast: Einerseits scheint das Konzept der „Umwelt“ unsere Sicht auf unsere Welt zu erschüttern und eine nicht-anthropozentrische Vielfalt von Welten anstelle einer einzigen, objektiven wissenschaftlichen Darstellung zu bieten. Andererseits drückt Uexkülls Darstellung des Staates als Organismus, die er im Aufstieg der Nationalsozialisten bestätigt sah, eine zutiefst reaktionäre und unterdrückende Vision aus, in der das Individuum dem totalitären Staat vollständig untergeordnet ist. Es ist wichtig zu betonen, dass Staaten keine tatsächlichen Organismen sind, und Uexkülls Nutzung biologischer Ansichten zur Entwicklung einer Staatstheorie daher nicht nur politisch, sondern auch intellektuell problematisch ist.

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Die anhaltende Debatte um Uexkülls Erbe

Die offene Frage heute ist, wie wir Uexkülls Werk lesen wollen und was wir daraus mitnehmen können. Einige Kommentatoren loben das Potenzial seiner Gedanken zur Belebung von Debatten über Leben und Geist. Andere warnen vor den Gefahren, da sie in Uexkülls totalitärer Politik einen integralen Bestandteil seines gesamten Schaffens sehen. Sowohl die wissenschaftliche als auch die philosophische Rezeption seines Werkes sind bis heute unvollendet und werden kontrovers diskutiert.

Die philosophische Rezeption konzentrierte sich oft darauf, seine Behauptung zu widerlegen, dass die „Umwelten“ von Menschen individuell und abgeschlossen seien. In der Wissenschaft konzentrierte sich die Rezeption auf die Isolierung nützlicher Teile seiner Gedanken für die Tierverhaltensforschung, wie beispielsweise für die Ethologie durch Konrad Lorenz. Dennoch bleiben sowohl in der philosophischen als auch in der wissenschaftlichen Rezeption ungelöste Fragen bestehen.

Die Rezeption in Deutschland und Frankreich übernahm oft andere Konzepte und Ausgangsannahmen, um Uexkülls Schlussfolgerung zu vermeiden, dass Menschen wie alle Tiere in einer isolierten, privaten Welt subjektiver Erfahrung leben. Dies verhinderte jedoch eine direkte Auseinandersetzung mit Uexküll auf seinen eigenen Bedingungen. In der wissenschaftlichen Rezeption, insbesondere in der Kognitionswissenschaft, wird Uexküll oft nur am Rande erwähnt. Ein tiefgehendes Verständnis seines Denkens fehlt hier weitgehend, wodurch die Gefahr besteht, die wichtigsten philosophischen Implikationen seines Werkes zu übersehen. Trotz eines Jahrhunderts der Beschäftigung mit Uexküll sind wir heute noch dabei zu verstehen, was sein Konzept der „Umwelt“ genau beinhaltet, wie es mit unseren Erkenntnisprojekten resoniiert und kollidiert und welchen Nutzen es uns in Zukunft bringen könnte.