Till Lindemann, der charismatische Frontmann der international gefeierten Band Rammstein, steht seit Mai 2023 im Zentrum schwerer Vorwürfe. Diese werfen ein Schlaglicht auf mutmaßliche Vorkommnisse rund um Konzerte und After-Show-Partys der Band, insbesondere im Zusammenhang mit der Verabreichung von Drogen und sexuellen Übergriffen. Die Anschuldigungen, die überwiegend über soziale Medien und in der Folge durch Medienrecherchen öffentlich wurden, haben eine breite Diskussion über Machtmissbrauch in der Musikindustrie und die Grenzen des Zulässigen ausgelöst.
Der Auslöser: Vorwürfe von Shelby Lynn
Die öffentliche Debatte nahm insbesondere nach den Äußerungen der Irin Shelby Lynn an Fahrt auf. Nach einem Rammstein-Konzert in Vilnius, Litauen, im Mai 2023, erhob Lynn auf Instagram und Twitter schwere Vorwürfe. Sie gab an, während einer Konzertpause hinter die Bühne geführt worden zu sein, wo es angeblich zu sexuellen Annäherungsversuchen durch Lindemann gekommen sei. Nach ihrer Ablehnung habe Lindemann aggressiv reagiert, sie jedoch nicht angefasst und den Raum verlassen. Am darauffolgenden Morgen sei sie mit Hämatomen aufgewacht und vermutete, unter Drogen gesetzt worden zu sein. Später stellte Lynn ausdrücklich klar, dass Lindemann sie nicht angefasst oder vergewaltigt habe.
Lynn berichtete, dass auf den Partys Drinks, darunter Tequila, verteilt wurden und Lindemann sich unter die jungen Frauen gemischt habe. Sie vermutete, dass ihr ohne ihr Wissen Drogen verabreicht wurden, da sie sich an das anschließende Konzert kaum erinnern konnte und sich in der Nacht übergeben musste. Fotos von Verletzungen und blauen Flecken, die sie auf Instagram und Twitter teilte, machten die Runde. Lynn gab an, zur Polizei gegangen zu sein und Drogentests sowie eine Anzeige erstattet zu haben.
Systematische Rekrutierung und “Row Zero”
Über den Fall Shelby Lynn hinaus meldeten sich im Laufe der Wochen weitere Frauen zu Wort, die ähnliche Erfahrungen geschildert haben sollen. Diese Berichte deuteten auf ein System hin, bei dem junge Frauen offenbar vom Umfeld Lindemanns – unter anderem durch eine als „Casting Director“ bezeichnete Person – gezielt für die sogenannten “Row Zero”-Bereiche vor der Bühne rekrutiert und anschließend zu After-Show-Partys eingeladen wurden. Dort sollen ihnen unter anderem Alkohol und möglicherweise Drogen verabreicht worden sein, um sie gefügig zu machen. Einige Frauen berichteten von sexuellen Handlungen, denen sie nicht zugestimmt hätten, und beschrieben die Erlebnisse als „ziemlich schnell und ziemlich gewaltvoll“. Andere Frauen berichteten hingegen von einvernehmlichen sexuellen Begegnungen.
Die Reaktionen: Band, Lindemann und Justiz
Die Band Rammstein und Till Lindemann wiesen die Vorwürfe vehement zurück. In einer ersten Stellungnahme auf Twitter hieß es: „Mit Blick auf die im Internet kursierenden Vorwürfe aus Vilnius können wir die Möglichkeit ausschließen, dass sich das zur Behauptung Stehende in unserem Umfeld zugetragen hat. Wir sind keinem offiziellen Ermittlungsverfahren diesbezüglich bekannt.“. Die Anwaltskanzlei von Lindemann bezeichnete die Vorwürfe, Frauen seien bei Konzerten mit K.o.-Tropfen oder Alkohol betäubt worden, um Lindemann sexuelle Handlungen zu ermöglichen, als „ausnahmslos unwahr“.
Die Staatsanwaltschaft Berlin nahm daraufhin Ermittlungen gegen Till Lindemann wegen des Verdachts der Begehung von Sexualdelikten sowie Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz auf. Diese Ermittlungen wurden jedoch im August 2023 eingestellt. Als Begründung nannte die Staatsanwaltschaft, dass die Auswertung der Beweismittel, darunter Presseberichte und Zeugenvernehmungen, keine Anhaltspunkte dafür erbracht habe, dass Lindemann gegen den Willen von Frauen sexuelle Handlungen vorgenommen, ihnen willensbeeinflussende Substanzen verabreicht oder minderjährige Sexualpartnerinnen ausgenutzt habe. Die Angaben von Zeuginnen und Zeugen hätten sich durch die Ermittlungen nicht bestätigt. Mutmaßlich Geschädigte hätten sich bislang nicht an die Strafverfolgungsbehörden gewandt.
Auch die Staatsanwaltschaft in Vilnius teilte im Juni 2023 mit, dass sie keine Ermittlungen aufnehmen werde, da keine objektiven Tatsachenbeweise vorlägen.
Folgen und Diskussion
Trotz der Einstellung der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen blieben die Vorwürfe und die damit verbundene Diskussion bestehen. Der Fall löste eine breite Debatte über Machtmissbrauch in der Musikindustrie, die Rolle von Fans bei Konzerten und die Glaubwürdigkeit von Anschuldigungen aus. Medienrechtliche Auseinandersetzungen folgten: Das Landgericht Hamburg untersagte mehreren Medien und der YouTuberin Kayla Shyx die Weiterverbreitung bestimmter Behauptungen über die Vorwürfe gegen Lindemann.
Der Rammstein-Schlagzeuger Christoph Schneider äußerte sich zu den Vorwürfen und erklärte, dass die Anschuldigungen die Band tief erschüttert hätten. Er glaubt jedoch nicht, dass strafrechtlich relevante Dinge wie der Einsatz von K.o.-Tropfen geschehen seien. Schneider betonte, dass sich Lindemann in den letzten Jahren von der Band distanziert und seine eigene „Blase“ geschaffen habe.
Die Ereignisse rund um Till Lindemann werfen weiterhin Fragen auf und haben das Bewusstsein für die Problematik von Machtmissbrauch und potenzieller Gefahren im Umfeld von Konzerten und Backstage-Bereichen geschärft.

