Thomas Müller – ein Name, der in Deutschland allgegenwärtig ist, doch es gibt keinen zweiten wie den Ausnahmestürmer des FC Bayern München. Dieser Junge aus der Region hat sich zu einem der erfolgreichsten, wenn auch unkonventionellsten Fußballer aller Zeiten entwickelt und schreibt weiterhin Geschichte für den Rekordmeister aus München. Tauchen wir ein in die Meilensteine seiner beeindruckenden Karriere.
Frühe Jahre und die Akademie des FC Bayern
Geboren und aufgewachsen in der Nähe der bayerischen Seen südlich von München, fand Müller bereits im Alter von 10 Jahren den Weg in die bayerische Landeshauptstadt, als er der Jugendakademie des FC Bayern beitrat. Als offensiver Allrounder durchlief er die Jugendmannschaften und erzielte 2007 sowohl im Halbfinale als auch im Finale der U19-Bundesliga seine Treffer, obwohl Bayern knapp in der Verlängerung gegen Bayer Leverkusen unterlag. Seine Leistung in dieser Saison, mit 18 Toren in 26 Spielen, führte zu seiner Beförderung in die Reserve, parallel trainierte er bereits unter Jürgen Klinsmann mit der ersten Mannschaft.
Der damalige Trainer, der später die US-Nationalmannschaft coachen sollte, war so beeindruckt, dass er dem 18-jährigen Müller im Eröffnungsspiel der Saison 2008/09 sein Bundesliga-Debüt ermöglichte. Der Teenager wurde in der 79. Minute für Miroslav Klose eingewechselt, als Bayern gegen den Hamburger SV in der Allianz Arena 2:2 spielte. Nach diesem Einsatz kehrte er zunächst in die Reserve zurück, um weitere Erfahrungen im Profifußball in der damals neu geschaffenen dritten Liga zu sammeln.
Der erste Vorgeschmack auf Müller
Müllers zweiter Einsatz für Bayern brachte auch sogleich sein erstes Tor. Nach einem bereits komfortablen 5:0-Vorsprung aus dem Hinspiel der Champions League Achtelfinale gegen Sporting Lissabon nominierte Klinsmann Müller für das Rückspiel in München. In der 72. Minute ersetzte der 19-Jährige Bastian Schweinsteiger.
Bayern führte zu diesem Zeitpunkt bereits mit 4:1, doch innerhalb von zwei Minuten nach seinem Champions-League-Debüt legte Müller per Flanke auf Klose auf, der für Kapitän Mark van Bommel zum 5:1 einköpfte. Noch vor dem Ende der Partie zeigte die Welt, was typisch Müller werden sollte: Er schlich sich am langen Pfosten davon und schob nach einer Ecke den Ball über die Linie, nachdem die Sporting-Abwehr nicht klären konnte. Manche mögen es als unansehnlich bezeichnen, doch seine Rekordbilanz von 242 Club-Toren beweist die Effektivität dieses Stils. Dieses Ergebnis besiegelte den damals höchsten Gesamtsieg in der Geschichte der Champions League.
Der Durchbruch unter Louis van Gaal
Nach drei weiteren kurzen Einsätzen in der Bundesliga gegen Ende der Saison 2009/10 übernahm Louis van Gaal das Traineramt. Der Niederländer machte Müller zu einem Eckpfeiler seiner Mannschaft, und er bestritt 52 der 53 Pflichtspiele des Vereins. Nach seinem ersten Startelfeinsatz im DFB-Pokal gegen Neckarelz stand Müller am 4. Spieltag der Bundesliga zum ersten Mal in der Startformation gegen den VfL Wolfsburg.
Im darauffolgenden Spiel gegen Borussia Dortmund saß er zunächst wieder auf der Bank. Nach dem frühen Führungstreffer der Gastgeber durch Mats Hummels konnte Mario Gómez vor der Pause ausgleichen. Doch Van Gaal war unzufrieden und brachte Müller zur Halbzeit für Hamit Altintop. Am Ende des Spiels gewann Bayern mit 5:1 gegen die Elf von Jürgen Klopp im Signal Iduna Park. Müller erzielte dabei die ersten beiden seiner mittlerweile 149 Bundesliga-Tore. Seine Woche krönte er mit seinem ersten Champions-League-Startelfeinsatz und zwei weiteren Treffern beim 3:0-Auftaktsieg gegen Maccabi Haifa.
Die erste Meisterschale und internationale Anerkennung
Nachdem Bayern im Vorjahr die Meisterschaft an Wolfsburg verloren hatte, zählte Müllers erste volle Saison zu den erfolgreichsten der Vereinsgeschichte. Unter Van Gaal gewann das Team den DFB-Pokal gegen Werder Bremen und erreichte das Champions-League-Finale gegen Inter Mailand, doch zunächst sicherten sie sich die Bundesliga-Krone zurück.
Müller trug mit 13 Toren und 13 Vorlagen in 34 Ligaspielen maßgeblich zum Titelgewinn bei. Drei seiner Tore erzielte er in einem Spiel beim 3:1-Heimsieg gegen den VfL Bochum am 33. Spieltag – sein erster Profi-Hattrick. Da Verfolger Schalke 04 gegen Bremen verlor, war die Meisterschaft bereits vor dem letzten Spieltag entschieden. Mit gerade einmal 20 Jahren hielt Müller seine erste Bundesliga-Meisterschale in den Händen. Elf weitere sollten in den folgenden zwölf Jahren folgen.
Auch in der deutschen Nationalmannschaft hinterließ Müller schnell einen bleibenden Eindruck. Bundestrainer Joachim Löw berief ihn im März 2010 für ein Freundschaftsspiel gegen Argentinien erstmals ins Team. Nach einem weiteren Freundschaftsspiel und nur einer kurzen Vorbereitung debütierte Müller bei der FIFA-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika.
Dort rückte er ins Rampenlicht: Ein Tor und eine Vorlage im Auftaktspiel gegen Australien legten den Grundstein. Gegen Ghana bereitete er den einzigen Treffer von Mesut Özil vor. Im Achtelfinale gegen England glänzte er mit einer Vorlage für Lukas Podolski und zwei Treffern in der zweiten Halbzeit zum 4:1-Sieg. Mit insgesamt fünf Toren und drei Assists gewann er den Goldenen Schuh als bester Torschütze des Turniers. Die Welt kannte nun Thomas Müller – doch welche Position spielte er eigentlich?
Der “Raumdeuter”
Nach der WM in Südafrika versuchten Analysten, Müllers Spielweise zu entschlüsseln. Wie schaffte es dieser Spieler mit seinen “Storchenbeinen”, wie ihn Scout Jan Pienta einst beschrieb, und manchmal fragwürdiger Technik im Profifußball?
“Die Leute machen sich immer über meine Beine lustig, aber keine Sorge, meine Mutter hat schnell gemerkt, dass nicht viel bricht”, sagte Müller 2011 der Süddeutschen Zeitung. “Das war für mich nie ein Problem und hat mir besonders in der Jugend geholfen. Wenn man nicht nur den Körper einsetzt, muss man auch den Kopf benutzen, um die Laufwege zu kennen und Zweikämpfe zu vermeiden.”
Auf die Frage, mit wem er sich vergleichen würde, antwortete der Stürmer im typischen Müller-Stil: “Vielleicht bin ich einzigartig. Es gibt Dribbler und Stürmer, die irgendwie ähnlich sind, aber was bin ich? Ein Raumdeuter? Ja, ich bin ein Raumdeuter – und das ist Ihre Schlagzeile.”
So wurde ein neuer Spielstil geboren. Müllers Raumdeuter – wörtlich ein “Interpret von Räumen” – ist seitdem ein fester Bestandteil der modernen Fußballterminologie. Ein Spieler, der Räume sieht und sie ausnutzt, bevor andere reagieren können. Schusskraft und Technik können durch Training verbessert werden, aber wie lehrt man jemanden, die richtigen Laufwege zu erkennen? Die Weltmeisterschaft und sein unnachahmbarer Spielstil hatten Müller zu einer Ikone gemacht.
Das historische Triple
Kurz vor Beginn der Saison 2010/11 unterschrieb der Stürmer einen neuen langfristigen Vertrag, musste aber zwei Jahre relativer Frustration hinnehmen, da der Rekordmeister torlos blieb. Allein 2012 wurde das Team Vizemeister in Liga und Pokal und verlor das Champions-League-Finale im eigenen Stadion gegen den FC Chelsea. Dennoch erreichte Müller im März seinen 100. Bundesliga-Einsatz und absolvierte die dritte Saison in Folge alle 34 Ligaspiele – insgesamt 102 Spiele in Folge.
Der FC Bayern holte 2012/13 jedoch mit Nachdruck auf. Mit 13 Bundesligatoren trug Müller entscheidend dazu bei, dass das Team unter Jupp Heynckes bereits am 28. Spieltag die Meisterschaft sicherte. In Europa erzielte er acht Treffer und war damit Bayerns Top-Torschütze. Er spielte eine Schlüsselrolle im Halbfinale, als der bereits gekrönte Meister den FC Barcelona mit 7:0 nach Hin- und Rückspiel deklassierte und damit das legendäre Duell im Wembley-Stadion vorbereitete. Kurz darauf eröffnete er die Torfolge und legte den dritten Treffer beim 3:2-Sieg gegen den VfB Stuttgart vor, um den DFB-Pokal zu gewinnen und das historische Triple perfekt zu machen – nur 12 Monate nach der dreifachen Vizemeisterschaft.
Der Garant für Punkte
Immer wieder stellt sich die ewige Frage: Was macht Thomas Müller eigentlich? Er garantiert Bayern Punkte, das ist, was er tut. Seine 149 Bundesliga-Tore erzielte er in 121 Spielen, und bemerkenswerterweise endete nur eines dieser Spiele mit einer Niederlage. Tatsächlich hat Bayern in nur sieben dieser Spiele Punkte liegen lassen und ein Unentschieden erzielt.
Wenn Müller trifft, gewinnt Bayern im Schnitt 2,86 Punkte pro Spiel. 49 seiner Tore waren Siegtore, da sie dem Team einen uneinholbaren Vorsprung verschafften. Sein Tor beim 4:1-Auswärtssieg in Hamburg am 33. Spieltag der Saison 2013/14 bedeutete, dass er den ehemaligen Bayern- und Dynamo-Dresden-Stürmer Alexander Zickler als Spieler überholte, der in den meisten Bundesliga-Spielen traf, ohne jemals zu verlieren – zum 47. Mal. Insgesamt hat der FC Bayern nur fünfmal in 90 Minuten eines Pflichtspiels verloren, wenn Müller getroffen hat, zuzüglich der Niederlage im Champions-League-Finale 2012 im Elfmeterschießen.
Serienmeister
Der “Raumdeuter” setzte im November 2015 einen weiteren Meilenstein mit einer typischen Müller-Leistung. Ein Tor und zwei Vorlagen beim 4:0-Sieg gegen Stuttgart brachten ihm nur einen Monat nach seinem 27. Geburtstag den 150. Bundesliga-Sieg ein. Damit war er der zweitjüngste Spieler in der Geschichte, der diese Marke erreichte, nach Georg Schwarzenbeck, aber niemand erreichte sie so schnell wie Müller (209 Spiele).
Diese Siegquote von 71,8 Prozent steigerte er weiter, als er im Februar 2018 gegen Schalke der schnellste Spieler wurde, der 200 Bundesliga-Siege feierte (nur 275 Spiele). Mittlerweile hat er in seinen 473 Bundesliga-Einsätzen 339 Mal drei Punkte geholt – ein Allzeitrekord. In allen Wettbewerben liegt diese Quote bei 72 Prozent, und er hat mehr Spiele als jeder andere Bayern-Spieler gewonnen.
Diese bemerkenswerte Gewinnfähigkeit hat Müller auch zum erfolgreichsten Spieler der deutschen Fußballgeschichte gemacht. Er hat 32 Trophäen während seiner vielen Jahre in der Bayern-Profimannschaft gewonnen, dazu natürlich die Weltmeisterschaft 2014 mit Deutschland in Brasilien. Ob Deutscher oder nicht, nur wenige auf der Welt können seine Trophäensammlung übertreffen.
Müller übertrifft Gerd Müller und Sepp Maier
Nicht viele Spieler können behaupten, den großen Gerd Müller auf dem Fußballplatz übertroffen zu haben. Sein Namensvetter – keine Verwandtschaft, wie beide bestätigt haben – kann diesen Anspruch jedoch erheben. Zwar war Thomas nicht ganz so torhungrig in Bezug auf die Schnelligkeit der Torerzielung, aber er ist dennoch der beste deutsche Torschütze in der Geschichte des europäischen Vereinsfußballs, sowohl in der Champions League als auch im Europapokal der Landesmeister.
Der aktuelle Bayern-Rückennummer 25 erreichte im Hinspiel des Champions-League-Achtelfinals 2015/16 beim 2:2-Unentschieden gegen Juventus Turin seinen Jugendhelden Gerd Müller bei den europäischen Toren. Drei Wochen später übertraf er Müller senior mit seinem Ausgleichstreffer in der 91. Minute im Rückspiel, der die Partie in die Verlängerung brachte, bevor Bayern weiterkam.
Wie auf dem Platz schlich sich der “Raumdeuter” fast unbemerkt in den 500er-Club. Sein Einsatz gegen Eintracht Frankfurt in der Saison 2019/20 brachte ihn im Hinblick auf die Anzahl der Spieleinsätze für Bayern auf eine Stufe mit seinem engen Freund und langjährigen Teamkollegen Bastian Schweinsteiger. Eine Woche später wurde diese Leistung vom Verein vor dem “Klassiker” gewürdigt, als Müller vor Anpfiff einen Blumenstrauß erhielt.
Nun hat Müller weitere Vereinsgeschichte geschrieben, indem er mit 709 Spielen in allen Wettbewerben mit Sepp Maier gleichzog – eine Marke, die er voraussichtlich noch in dieser Saison übertreffen wird. Gleichzeitig hat er auch den Vereinsrekord des Ex-Torhüters von 473 Bundesliga-Einsätzen überboten. Philipp Lahm, Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Oliver Kahn sind nur einige der legendären Namen, die hinter der aktuellen Nummer 25 der Bayern in dieser Rangliste stehen.
Nicht schlecht für einen Jungen mit dünnen Beinen und ohne Technik…

