Der weiße und blaue VW-Bus ist Tabea Kemmes Markenzeichen. Seit sie ihn mit dem Bonusgeld aus ihrer Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio kaufte, ist er ein Symbol ihres Erfolgs. Nun hofft die ehemalige deutsche Nationalspielerin, dass dieser Bus wieder häufig auf dem Gelände des Luftschiffhafens in Potsdam zu sehen sein wird – dem Trainingsort von Turbine Potsdam. Hier verbrachte Kemme viele Jahre ihrer Karriere, entwickelte sich vom Nachwuchstalent zur Nationalspielerin und nun kehrt sie mit einem neuen Ziel zurück: die erste Präsidentin eines Frauen-Bundesliga-Vereins zu werden.
Der Verein Turbine Potsdam ist eine Legende im deutschen Frauenfußball. Zwischen 2004 und 2012 gewann das Team sechs Mal die Frauen-Bundesliga, dazu kamen drei DFB-Pokale und zwei Champions-League-Titel. Namen wie Nadine Angerer, Ariane Hingst und Anja Mittag prägten die glorreiche Ära. Doch in den letzten neun Jahren blieben Titel aus. Der Wettbewerb hat sich verschärft, da immer mehr Männer-Bundesliga-Vereine in den Frauenfußball investieren. Turbine Potsdam war in der vergangenen Saison der einzige reine Frauenverein, der sich in der oberen Tabellenhälfte platzieren konnte.
Für Kemme ist die historische Rolle als erste Präsidentin eher ein Nebenaspekt. Ihr Hauptanliegen ist es, dem Verein, für den sie 201 Mal als Spielerin auflief, zu altem Glanz zu verhelfen. „In den letzten acht Jahren hat der Verein das Ziel verfolgt, sich für die Champions League zu qualifizieren und ist daran gescheitert“, sagte die ehemalige Verteidigerin im Gespräch mit DW. „Ich sehe hier einen großen Veränderungsbedarf.“
Kemmes Pläne für die Revitalisierung von Turbine
Ein zentraler Punkt von Kemmes Programm ist die Verbesserung der täglichen Kommunikation zwischen Management und Spielerinnen. „Als ich nach England ging, lernte ich, wie Dinge laufen müssen, wenn man Profifußball spielen will“, beschreibt sie ihre Erfahrungen beim FC Arsenal, wo sie vor ihrem Karriereende nur drei Einsätze hatte. „Mir wurde vom Trainer gefragt: ‚Tabea, wie geht es dir? Was sind deine Stärken? Was denkst du über das (taktische) System? Wie können wir hier noch besser zusammenarbeiten?‘“ Diese Art der Kommunikation, die sie zuvor nicht kannte, möchte sie nun nach Potsdam bringen.
Darüber hinaus plant Kemme die Professionalisierung der Strukturen im Verein und eine gerechtere Verteilung der Arbeitslast. Sie möchte auch mehr ehemalige Spielerinnen in das Management einbinden. „Ich stehe in Kontakt mit vielen ehemaligen Spielerinnen, die hier ebenfalls Potenzial sehen und bereit sind, eine aktive Rolle im Verein zu übernehmen“, so Kemme.
Der Vorstand hat bereits vor einem Jahr erste Schritte zur Verbesserung der Strukturen unternommen, indem er mit Sofian Chahed einen hauptamtlichen Trainer verpflichtete. Chaheds Aufgaben gehen jedoch weit über die eines Cheftrainers hinaus. Laut dem aktuellen Präsidenten Rolf Kutzmutz ist er verantwortlich für alle athletischen Bereiche, Trainingspläne, individuelle Förderung und die Koordination mit den Jugendtrainern bezüglich des Spielsystems. Jahrzehntelang hatte Bernd Schröder, bis zu seinem Abgang 2016, all diese Aufgaben inne. Sein Nachfolger Matthias Rudolph arbeitete nur auf Teilzeitbasis, was laut Kutzmutz dazu führte, dass „etwas irgendwo liegen blieb – und das war bei uns der gesamte Bereich der Nachwuchsförderung“. Zuvor war gerade die Jugendarbeit die wichtigste Talentschmiede für die Frauenmannschaft.
Breites Unterstützungsspektrum für Kemmes Kandidatur
Für ihre Kandidatur hat Kemme ein Unterstützerteam von acht Personen gewonnen, darunter Vertreter aus Wirtschaft und Politik, ein Medienschaffender, zwei Mitglieder des aktuellen Turbine-Vorstands sowie Rudolph. Mit seiner Erfahrung als Trainer und Pädagoge soll er die Arbeit des Potsdamer Frauenteams mit der Sportschule und dem Landessportbund Brandenburg neu beleben.
Obwohl Kemme als Präsidentin viel verändern möchte, strebt sie nicht die tägliche operative Leitung des Vereins an. Zum einen fehlt ihr dafür schlicht die Zeit: Die ehemalige Spielerin arbeitet bereits 30 Stunden pro Woche am Oberstufenzentrum der Polizei des Landes Brandenburg und absolviert ein Fernstudium in Fußballanalytik und Führung, das sie im Oktober abschließen wird. Im Frühjahr reiste Kemme zudem für die Initiative Common Goal nach Ghana und ist Gründungsmitglied der neu gestarteten Female Football Academy in Berlin.
Kemme ist überzeugt, dass ihre Erfahrungen als Spielerin in Potsdam, ihre Zeit in England und ihr aktuelles Studium sie zur richtigen Person machen, um einen Generationenwechsel bei Turbine einzuleiten. Ob sie diese Chance erhalten wird, entscheiden die Vereinsmitglieder am Freitag auf der Jahreshauptversammlung.

