Die Welt des Fußballs, oft als reine Männerdomäne betrachtet, birgt tiefere und komplexere Geschichten, als es auf den ersten Blick scheint. Insbesondere die Rollen und das Leben der Frauen an der Seite von Profi-Fußballern – die sogenannten “Spielerfrauen” – stehen im Fokus des neuen Theaterstücks “Spielerfrauen” von Autorin und Regisseurin Lena Brasch und der Schauspielerin Sina Martens. Nach ihrem Erfolg mit “It’s Britney, Bitch!”, das die Kraft der Popkultur und universelle menschliche Konflikte beleuchtete, widmet sich das Duo nun einem Thema, das gleichermaßen fasziniert und polarisiert: die Schnittmenge von Fußball, Genderidentität und öffentlicher Wahrnehmung.
Die Inspiration hinter “Spielerfrauen”
Die Idee für “Spielerfrauen” entstand aus der Auseinandersetzung mit toxischen Beziehungen und der öffentlichen Zurschaustellung privater Dramen, ein Thema, das bereits in “It’s Britney, Bitch!” eine Rolle spielte. Die tragische Geschichte von Kasia Lenhardt, Model und Ex-Partnerin des deutschen Fußballstars Jérôme Boateng, die nach öffentlicher Diffamierung durch Suizid starb, markierte einen Wendepunkt. Für Sina Martens, die selbst aus einer Fußballfamilie stammt und lange selbst spielte, bot dieser Vorfall die perfekte Gelegenheit, die Komplexität des Lebens im Umfeld des Profifußballs auf die Bühne zu bringen.
“Wir wussten schon bei unserer letzten Arbeit, dass es in der ‘Popkultur’ ähnliche theatrale Figuren mit ebenso universellen, fundamentalen Konflikten gibt wie in der griechischen Tragödie”, erklärt Martens. “Wir wollten uns mit toxischen Beziehungen auseinandersetzen.” Die Geschichte von Boateng und Lenhardt, gepaart mit der Bekanntheit von Fällen wie Amber Heard und Johnny Depp, zeigte deutlich die tief verwurzelten patriarchalen Strukturen im Fußball. Auch der Fall Luis Rubiales, der ehemalige Präsident des spanischen Fußballverbandes, der wegen eines Kusses ohne Zustimmung einer Spielerin angeklagt wurde, bestätigte die Relevanz des Themas.
Popkultur als Spiegel der Gesellschaft
Lena Brasch betont, dass Popkultur für ihre Arbeit ein zentrales Element darstellt, da sie unmittelbar mit dem Zeitgeschehen verbunden ist. “Ich glaube, die Popkultur hat eine unglaubliche Relevanz, weil sie immer etwas mit dem zu tun hat, was gerade passiert”, sagt sie. Viele würden Popkultur belächeln und sie nicht als “Hochkultur” ansehen, was Brasch als ein großes Problem betrachtet. Sie argumentiert, dass Theater ein Ort sein sollte, an dem unterschiedliche Menschen zusammenkommen, Erlebnisse teilen und darüber sprechen können. Popkultur und junge Menschen, die sich vielleicht von klassischen Theaterstücken abwenden, aber für Fußball brennen, gehören ebenfalls dazu.
Die Geschichten rund um “Spielerfrauen” beinhalten fundamentale Konflikte: Der “goldene Käfig” des Ruhms und Reichtums lässt oft keine Gleichberechtigung zu. Öffentliche Beziehungen, Angriffe und Machtmissbrauch bis hin zu häuslicher Gewalt sind Themen, die auf der Bühne dringend thematisiert werden müssen. Brasch vergleicht die Popkultur mit der heutigen griechischen Tragödie – sei es die Beziehung von Amber Heard und Johnny Depp, David und Victoria Beckham oder eben Jérôme Boateng und Kasia Lenhardt, deren Tragödie in der schlimmstmöglichen Katastrophe endete.
Erwartungen und Ziele des Stücks
Das Hauptziel von “Spielerfrauen” ist es, Bewusstsein zu schaffen und zum Nachdenken anzuregen, ohne fertige Lösungen zu präsentieren. “Wir sagen in dem Stück nicht, dass wir wissen, was richtig und falsch ist”, erklärt Brasch. “Wir hoffen, Bewusstsein für Missstände zu schaffen und irgendwie auf einen emanzipatorischen Moment hinzuarbeiten.” Dies sei jedoch nicht die Aufgabe des Theaters, sondern das, was das Publikum aus der Aufführung mitnimmt.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Sexualität im Fußball. Die Tatsache, dass schwule Spieler oft erst nach ihrer Karriere ihr Coming-out haben, wirft Fragen im Kontext aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen auf. Das Stück soll Reflexion über die Art und Weise, wie wir leben, woran wir teilhaben und was wir bewirken können, provozieren.
Sina Martens fügt hinzu, dass das Stück gerade rechtzeitig vor der Fußball-Europameisterschaft in Deutschland Premiere feiert und somit in eine sehr fußballintensive Zeit fällt. Sie hofft, dass das Publikum durch das Stück ein tieferes Verständnis für die Kommerzialisierung des Sports und die Berichterstattung über Spielerfrauen entwickelt. Oft werden diese Frauen nur als “die Freundin von” oder “die Frau von” bezeichnet, mit wenigen Ausnahmen wie Victoria Beckham. “Hardly anyone knows the name of these women”, so Martens.
Der Erfolg des Stücks wird für Martens auch daran gemessen, ob es drei Leute aus dem Fußballumfeld dazu bringt, sich stärker mit kommerziellen Aspekten des Sports auseinanderzusetzen oder die patriarchalen Strukturen im Fußball kritisch zu hinterfragen.
Die Rolle des Theaters
Das Theater bietet eine einzigartige Plattform, um solche Themen zu behandeln. “Theater ist kein Journalismus”, erklärt Brasch. Es geht nicht nur darum, Fakten zu präsentieren, sondern darum, diese Fakten in neue Kontexte zu setzen und dadurch Bewusstsein zu schaffen. “Wir setzen dem Publikum quasi unsere Brille auf, damit sie durch andere Augen sehen können, wie wir etwas wahrnehmen und auf einer künstlerischen Ebene verarbeiten.”
Das Ziel sei es, die Zuschauer abzuholen, sie mitzunehmen und zum Nachdenken anzuregen – durch eine Mischung aus Nonsens und Fakten, Spiel und Emotionen, Gedanken und Dialog. Die Live-Präsenz im Theater, das gemeinsame Erleben im selben Raum zur selben Zeit, macht diese Kunstform so besonders und wirkungsvoll.
Das Stück “Spielerfrauen” verspricht somit eine tiefgründige Auseinandersetzung mit Themen, die weit über das Spielfeld hinausgehen und die Gesellschaft als Ganzes betreffen.

