Die Welt von SAP ERP ist komplex und leistungsstark, und die Module Materialwirtschaft (MM), Finanzbuchhaltung (FI) und Vertrieb (SD) bilden dabei das Rückgrat vieler Geschäftsprozesse. Diese Module sind nicht isoliert voneinander zu betrachten, sondern bilden ein eng verzahntes System, das eine reibungslose Abwicklung von der Beschaffung bis zum Verkauf ermöglicht. Dieser Artikel beleuchtet die entscheidenden Integrationspunkte zwischen MM, FI und SD und erklärt, wie sie zusammenarbeiten, um den BUY-MAKE-SALE-Prozess in Unternehmen abzubilden. Das Verständnis dieser Zusammenhänge ist unerlässlich für jeden, der die Effizienz und Transparenz von SAP-Systemen maximieren möchte.
Das Zusammenspiel von BUY-MAKE-SALE und den SAP Modulen
Das Kernprinzip vieler produzierender Unternehmen lässt sich auf drei wesentliche Schritte reduzieren: Kaufen (BUY), Herstellen (MAKE) und Verkaufen (SALE).
Kaufen (BUY): Hierbei geht es um den Erwerb von Rohmaterialien oder Produkten von externen Lieferanten. Dieser Prozess ist primär im Modul MM angesiedelt. Mit dem Wareneingang der Materialien wird das MM-Modul aktiv. Da mit dem Kauf eine Zahlungspflicht gegenüber dem Lieferanten entsteht, wird dieser Vorgang eng mit dem FI-Modul verknüpft, das für die Finanzbuchhaltung und Zahlungsabwicklung zuständig ist.
Herstellen (MAKE): Dieser Schritt umfasst die Umwandlung von Rohmaterialien in fertige Produkte, oft unter Einbeziehung von Lohnfertigern (Subcontracting). Auch hier spielt das MM-Modul eine zentrale Rolle, indem es den gesamten Produktionsprozess von der Materialbewegung bis zur Fertigstellung steuert. Die Bezahlung von Lohnfertigerleistungen fällt wiederum in den Zuständigkeitsbereich des FI-Moduls.
Verkaufen (SALE): Sobald die Produkte fertiggestellt sind, beginnt der Verkaufsprozess an den Endkunden. Dies ist das Kerngeschäft des SD-Moduls, das alle Aspekte von der Auftragserfassung über die Lieferung bis zur Rechnungsstellung abdeckt. Gleichzeitig reduziert sich mit dem Verkauf der Lagerbestand der Fertigwaren, was eine direkte Auswirkung auf das MM-Modul hat. Die Zahlung des Kunden für die verkauften Waren wird im FI-Modul verbucht.
Diese dreistufige Prozesskette verdeutlicht, wie die Module MM, FI und SD synergetisch zusammenarbeiten, um den gesamten Wertschöpfungsprozess eines Unternehmens abzubilden.
MM-FI Integration: Automatische Buchungen leicht gemacht
Die Integration zwischen Materialwirtschaft (MM) und Finanzbuchhaltung (FI) ist entscheidend für die automatische Verbuchung von Geschäftsvorfällen. Jede Materialbewegung, die eine buchhalterische Auswirkung hat, löst eine entsprechende Buchung im FI-Modul aus. Das Herzstück dieser Integration bildet die Materialbewertung und die automatische Kontenfindung.
Die Rolle des Materialstamms und der Bewertungsklasse
Im Materialstamm (MM03) werden alle relevanten Informationen zu einem Material hinterlegt, einschließlich Einkauf-, Verkaufs- und Bewertungsinformationen. Die Bewertungsklasse (Valuation Class) ist hierbei von besonderer Bedeutung. Sie dient dazu, Materialien mit ähnlichen Bewertungseigenschaften zu gruppieren. Dies ermöglicht eine einheitliche Kontenfindung für verschiedene Materialien, was die Konfiguration erheblich vereinfacht.
Die Bewertungsklasse wird über den Account Category Reference (ACR) mit dem Materialtyp verknüpft. Materialien wie Rohstoffe, Halbfertigerzeugnisse oder Fertigerzeugnisse können unterschiedliche Bewertungsklassen aufweisen, je nach den spezifischen Geschäftsanforderungen.
Bewegungstypen und Kontenfindung
Jede Materialbewegung, sei es ein Wareneingang vom Lieferanten, eine Umlagerung zwischen Lagerorten oder eine Warenausgangsbuchung, wird durch einen Bewegungstyp (Movement Type) identifiziert. SAP definiert für jeden Bewegungstyp eine automatische Kontenfindung.
Ein klassisches Beispiel ist der Wareneingang zu einer Bestellung (Bewegungstyp 101):
- Das Bestandsgirokonto (Inventory A/C) wird bebucht (Soll).
- Das Verbindlichkeitskonto für Wareneingang/Rechnungseingang (GR/IR A/C) wird ausgleichend gebucht (Haben).
Diese automatischen Buchungen werden über die Transaktion OMWB (oder direkt über OBYC) konfiguriert. Hier werden die Bewertungsklasse des Materials und der Bewegungstyp verwendet, um das entsprechende Sachkonto (G/L Account) zu ermitteln. Verschiedene Transaktionsschlüssel (Transaction Event Keys) wie BSX (Bestandsbuchung), GBB (Verbrauchs-/Austrittsbuchung) oder WRX (Verbindlichkeitseingang) steuern die Art der Buchung.
Der Simulationsmodus in OMWB ist ein wertvolles Werkzeug, um die Kontenfindung für bestimmte Bewegungstypen und Materialien zu analysieren und zu verstehen, welche Kontenmodifikatoren und Sachkonten zum Einsatz kommen.
Die Kernpunkte der MM-FI Integration sind somit die Bewertungsklasse auf MM-Seite und das Sachkonto auf FI-Seite, die über den Bewegungstyp miteinander verbunden werden.
SD-FI Integration: Vom Verkauf zur finanziellen Erfassung
Die Integration von Vertrieb (SD) und Finanzbuchhaltung (FI) stellt sicher, dass jeder Verkaufsvorgang korrekt in der Finanzbuchhaltung abgebildet wird. Wenn ein fertiges Material an einen Kunden verkauft wird, generiert das SD-Modul eine Rechnung, die wiederum zu einer Buchung im FI-Modul führt.
Buchung von Forderungen und Umsätzen
Typischerweise besteht eine Buchung im Rahmen eines Verkaufsvorgangs aus zwei Seiten:
- Debitorenkonto (Customer Account): Hier wird die Forderung gegenüber dem Kunden erfasst. Die Daten hierfür stammen aus dem Kundenstamm, der im SD-Modul gepflegt wird.
- Umsatzkonto (Revenue Account): Hier wird der erzielte Umsatz gebucht.
Zusätzlich können auch Konten für Rabatte oder Zuschläge relevant sein.
Kontenfindung im SD-Modul
Die Ermittlung der zuständigen Sachkonten im SD-Modul erfolgt über einen sogenannten Zugriffs-Sequenz (Access Sequence), die auf verschiedenen Kriterien basiert. SAP bietet fünf Hauptmethoden zur Kontenfindung:
- Kundengruppe/Materialgruppe/Kontenschlüssel
- Kundengruppe/Kontenschlüssel
- Materialgruppe/Kontenschlüssel
- Allgemein
- Kontenschlüssel
Diese Zugriffssequenzen werden in der Transaktion VKOA konfiguriert. Das System durchsucht die hinterlegten Tabellen in der definierten Reihenfolge. Findet es eine passende Kombination aus Kundengruppe (aus dem Kundenstamm), Materialgruppe (aus dem Materialstamm) und Kontenschlüssel (definiert für Konditionsarten im Preisfindungsschema), wird das hinterlegte Sachkonto verwendet.
Der Kontenschlüssel (Account Key) bestimmt die Art der Buchung (Umsatz, Rabatt etc.) und wird im Preisfindungsschema des SD-Moduls definiert. Dieses Schema legt fest, welche Konditionsarten in einem Angebot oder einer Rechnung berücksichtigt werden und welche Konten hierfür relevant sind.
Durch diese Mechanismen wird eine präzise und automatische Verbuchung aller Verkaufsaktivitäten sichergestellt, was die Transparenz und Genauigkeit der Finanzberichte gewährleistet.
MM-SD Integration: Nahtloser Warenfluss
Die Integration zwischen Materialwirtschaft (MM) und Vertrieb (SD) ist fundamental für einen reibungslosen Ablauf von der Auftragsbearbeitung bis zur Warenlieferung. Obwohl die Details dieser Integration komplex sein können und oft spezifische Szenarien wie die konzerninterne Verrechnung oder die Disposition umfassen, ist das Grundprinzip klar: Das SD-Modul initiiert den Verkaufsprozess, der wiederum direkt die Bestände im MM-Modul beeinflusst und entsprechende Dispositionsläufe auslöst.
Für eine tiefere Betrachtung der MM-SD-Integration, insbesondere in Szenarien mit werksübergreifenden Bestellungen und Lieferungen, sei auf folgende weiterführende Dokumente verwiesen:
- Integration von MM & SD Modulen im selben Mandanten zur Erstellung von Kundenaufträgen im liefernden Buchungskreis mittels Bestellung
- Integration von MM & SD Modulen im selben Mandanten zur Erstellung von Lieferungen im liefernden Buchungskreis und Durchführung von Wareneingängen in der empfangenden Buchungskreis
- Integration von MM & SD Modulen im selben Mandanten zur Rechnungsstellung im liefernden Buchungskreis und Durchführung von LIV im empfangenden Buchungskreis
Diese Beispiele verdeutlichen, wie SAP ERP es ermöglicht, komplexe Geschäftsprozesse über Modulgrenzen hinweg zu steuern und zu optimieren, was zu gesteigerter Effizienz und verbesserter Datenkonsistenz führt.

