Die Beziehung zwischen Rumänien und Deutschland ist von einer tiefen und anhaltenden Faszination geprägt, die bis ins Mittelalter zurückreicht. Diese Faszination, oft als ein Wunsch nach dem „Deutschen“ – als Metapher für westliche Zivilisation, Effizienz und Fortschritt – interpretiert, hat die Rumänische Kulturlandschaft maßgeblich beeinflusst. Selbst nach dem Rückgang der ethnisch-deutschen Bevölkerung in Rumänien spiegelt sich diese anhaltende Bedeutung im öffentlichen Bewusstsein wider, symbolisiert durch die Wahl eines Deutschstämmigen zum Präsidenten Rumäniens im Jahr 2014 und 2019. Dieser Artikel beleuchtet die vielschichtigen Aspekte des deutschen Einflusses auf die Rumänische Kultur, von historischen Prägungen bis hin zu zeitgenössischen Literaturdebatten.
Historische Wurzeln und kulturelle Modellbildung
Die historische Präsenz deutscher Siedler in Siebenbürgen seit dem 12. Jahrhundert legte den Grundstein für eine tiefgreifende kulturelle Verflechtung. Diese Gemeinschaft wurde als Träger von „Bildungsexport“, Technologie und als Verteidiger gegen „barbarische“ Einflüsse wahrgenommen. Im 19. Jahrhundert kam es zu einer signifikanten Verschiebung in der rumänischen Kultur: Das französische Modell, das zuvor als primäre Quelle für kulturelle Inspiration diente, wurde zunehmend vom deutschen Modell herausgefordert oder ergänzt. Der rumänische Schriftsteller und Denker Lucian Blaga beschrieb diese beiden Einflüsse treffend als „modellierend“ (französisch) und „katalytisch“ (deutsch). Während die französische Kultur universelle Gesetze diktierte und zur Nachahmung aufrief („Sei wie ich!“), förderte die deutsche Kultur die individuelle Entfaltung und Selbstfindung („Sei du selbst!“). Diese „katalytische“ Wirkung des deutschen Modells bot der rumänischen Kultur die Möglichkeit, sich auf ihre eigenen Besonderheiten zu besinnen und gleichzeitig von außenstehenden Impulsen zu profitieren.
Der deutsche Einfluss in der Literaturwissenschaft
Die Untersuchung des deutschen Einflusses auf die rumänische Kultur und insbesondere auf die rumänische Literatur ist ein zentrales Anliegen der gegenwärtigen Forschung. Dieses Interesse wird durch die Tatsache unterstrichen, dass Deutschland nach den USA und Japan der drittgrößte Buchmarkt der Welt ist.
Frühe Einflüsse und literarische Debatten
Ein wichtiger Wendepunkt in der Rezeption deutscher Einflüsse war die Auseinandersetzung mit dem deutschen Idealismus, insbesondere durch Titu Maiorescu. Teodora Dumitru untersucht in ihrem Beitrag, wie Maiorescu durch die psychologischen Prinzipien von Johann Friedrich Herbart beeinflusst wurde, um seine Theorien über poetische Neuheit zu untermauern. Diese Verknüpfung, die in der rumänischen Literaturgeschichtsschreibung bisher wenig Beachtung fand, zeigt, wie deutsche philosophische Strömungen die theoretischen Grundlagen der rumänischen Poetik mitgestalteten. Maria Chiorean beleuchtet die Darstellung deutscher Nationalitäten in der rumänischen Romanproduktion des späten 19. Jahrhunderts. Die Deutschen wurden oft als loyal, aufrichtig und patriotisch dargestellt, fähig, eine Nation durch Harmonie aufzubauen. Dieses Bild, kombiniert mit der romantischen Vorstellung von Deutschland als einem Land der Dichter und Denker, bot den rumänischen Intellektuellen, die nach Substanz und Kompetenz suchten, ein faszinierendes Modell zur Überwindung der wahrgenommenen Oberflächlichkeit der eigenen Kultur.
Expressionismus und literarische Übersetzungen
Der Expressionismus, eine für die rumänische und ungarische Lyrik prägende literarische Bewegung, wird ebenfalls eingehend betrachtet. George State zeichnet die Geschichte der Übersetzungen von Georg Trakl ins Rumänische nach und hebt die anhaltende Relevanz des österreichischen Dichters hervor. Er diskutiert die verschiedenen rumänischen Versionen von Trakls Werken und betont die Bedeutung der Übersetzung als eigenständige Kunstform, die den unverwechselbaren „Trakl-Ton“ einzufangen versucht.
Zeitgenössische Perspektiven und Herausforderungen
Die Verflechtung zwischen rumänischer und deutscher Kultur manifestiert sich auch in der zeitgenössischen Literatur und deren Rezeption. Andrei Terian analysiert den Einfluss von Hugo Friedrichs Werk Die Struktur der modernen Lyrik auf die rumänische Nachkriegskritik. Trotz der kritischen Betrachtung der Gründe für seinen Erfolg beleuchtet Terian die bedeutende Wirkung, die Friedrichs Buch auf die rumänische Lyrikkritik hatte. Radu Vancu untersucht den deutschsprachigen Intertext in den Werken des siebenbürgischen Dichters Mircea Ivănescu. Er widerspricht der gängigen Meinung, dass der französische Einfluss dominierte, und zeigt anhand von Beispielen, wie die deutsche Lyrik und Kultur, insbesondere durch die Begegnung mit Rainer Maria Rilke, die Dichtung Ivănescus maßgeblich prägten. Dies bestätigt Blagas Hypothese vom katalytischen Charakter des deutschen Einflusses, der die Persönlichkeit aufdeckt und nährt.
Snejana Ung thematisiert das Konzept des „kompromittierten Imports“ im Hinblick auf die Rezeption osteuropäischer Literatur im deutschsprachigen Raum. Sie argumentiert, dass der sogenannte „osteuropäische Turn“ in der deutschen Literatur, trotz eines erhöhten Interesses an postkommunistischen Narrativen, nicht zwangsläufig zu einer erfolgreichen Übernahme dieser Literatur in den osteuropäischen Peripherien führt. Dies wird durch Faktoren wie die Hegemonie der englischsprachigen Literatur und wirtschaftliche Beschränkungen im rumänischen Literaturbetrieb bedingt.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Beziehung zwischen Deutschland und Rumänien eine dynamische und vielschichtige ist, die von historischen Prägungen, kulturellen Austauschprozessen und anhaltender Faszination geprägt ist. Der deutsche Einfluss, oft als Modell für Effizienz und tiefgreifende kulturelle Entwicklung wahrgenommen, bleibt ein wesentlicher Bestandteil des rumänischen kulturellen Diskurses und ein fruchtbares Feld für weitere wissenschaftliche Untersuchungen.
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