Die römische Antike war eine Zeit intensiver kultureller und intellektueller Auseinandersetzung. In diesem Band, herausgegeben von Müller und Mariani Zini, versammelt sich eine Reihe von Fallstudien, die sich mit der spezifischen Art und Weise beschäftigen, wie Philosophie in Rom rezipiert, interpretiert und weiterentwickelt wurde. Die Beiträge beleuchten, ob und inwiefern man von einer dezidiert römischen Philosophie sprechen kann, die sich unter den gegebenen historischen und kulturellen Bedingungen Roms formte. Der Großteil der hier versammelten Aufsätze basiert auf einer Konferenz, die 2013 in Beilngries stattfand, und konzentriert sich vornehmlich auf die späte Republik und die frühe Kaiserzeit.
Die zentrale These der Herausgeber besagt, dass das typisch Römische an der Philosophie in Rom in der Neubewertung philosophischer Konzepte vor dem Hintergrund römischer soziokultureller Interessen lag. Dies schloss insbesondere die Hinwendung zu Fragen ein, die für das praktische tägliche Leben relevant waren. Der Band bietet eine hervorragende Einführung in die aktuelle Forschungsliteratur zur römischen Philosophie. Selbst für sich genommen, empfiehlt sich das Buch als umfassender Überblick für alle, die sich tiefergehend mit diesem Themenfeld auseinandersetzen möchten.
Philosophische Rezeption und römische Identität
Ein wiederkehrendes Thema ist das römische Interesse daran, die Aufnahme griechischer Philosophie und Bildung zu rechtfertigen. Jolivet hebt hervor, wie römische Autoren die Relevanz griechischer Lehren für ihre eigene Gesellschaft betonten, oft unter Bezugnahme auf Gesandtschaften aus Athen oder Pergamon. Sauer erweitert dieses Thema, indem er das römische Interesse an Philosophie als eine Suche nach Bestätigung eigener moralischer Standards charakterisiert, anstatt als eine Herausforderung dieser Standards. Diese Motivation könnte auch die teils als systematisch schwach empfundenen Argumentationsweisen in römischen philosophischen Werken erklären. Fuhrers Beitrag untersucht ebenfalls diese Bemühungen römischer Philosophen, ihre Identität innerhalb der römischen Gesellschaft zu definieren. Gernot Michael Müller zeigt, wie Horaz seine Rolle als Dichter und philosophischer Lehrer im Kontext seiner Lebensrealität gestaltet. Tsuni argumentiert, dass die Lehren des Antiochos von Askalon gerade für die römische Oberschicht attraktiv waren, da sie eine Ähnlichkeit mit der römischen Art aufwiesen, über den mos maiorum (die Sitte der Vorfahren) anhand von Exempeln zu sprechen. Delattre schlussfolgert aus der Bedeutung von Ekphrasen und Beispielführungen bei Philodem, dass dieser die römische Nachfrage nach solchen didaktischen Methoden erkannte und seine epikureische Lehre entsprechend anpasste. Diese rhetorische Technik der Anhäufung von Beispielen und vielfältigen Argumentationen findet sich auch bei Lukrez, der Philosophie als Heilkunst etablieren wollte, wie Erler darlegt. Powell und Steel betonen, dass praktische Erwägungen zur Nutzung philosophischen Denkens im Zentrum von Ciceros Bewertung der Philosophie für seine eigenen Umstände stehen.
Philosophie als Therapie und Anpassung an römische Werte
Mariani Zini und Wiener führen die therapeutische Dimension der Philosophie in Rom noch weiter aus. Mariani Zini sieht diese in Ciceros Ansätzen zur Trostlehre in den Tusculanischen Disputationen, während Wiener Senecas Bestreben analysiert, das Bild des herzlosen Stoikers zu überwinden. Wildberger demonstriert, wie Seneca das griechische Verständnis von Eros und Philia zwischen einem Weisen und einem philosophischen Novizen so adaptierte, dass es dem römischen Anstandsgefühl besser entsprach. Jörn Müllers interessante Untersuchung zur Akrasia (Willensschwäche) in Senecas Phaedra interpretiert die Tragödie als philosophische Fallstudie über die möglichen Folgen psychologischer Schwäche. Diese Interpretation zeigt, wie Seneca einen literarischen Motivkomplex neu bearbeitete, um ein didaktisches Beispiel für seine Philosophie zu schaffen. Gauly argumentiert, dass die Erklärung aktueller römischer Moralvorstellungen durch Philosophie auch in der Zoologie von Plinius dem Älteren zu finden ist. Die Natur offenbare nicht nur allgemeine moralische Perspektiven, sondern deute auch die römische Geschichte an, wie etwa Marc Antonys Niederlage. Selbst wenn Schirren zeigt, dass Quintilian Philosophie unter dem Gesichtspunkt ihres Nutzens für Rhetorik und Redebeiträge betrachtete, wird hier eine eindeutig römische Herangehensweise an das philosophische Denken sichtbar. Die Auseinandersetzung mit den Normen der Gesellschaft spiegelt sich in vielen dieser Interpretationen wider.
Abweichende Beiträge und abschließende Bemerkungen
Einige Beiträge, wie die Studie von Lévy zur Entwicklung von Ciceros Gebrauch des Begriffs temeritas und Reinhardts Artikel zum Verständnis von Katalepsis bei Cicero und Augustinus, fügen sich weniger nahtlos in die kohärente Diskussion über römische Diskurse zur Philosophie und deren Nutzen ein. Trotz der inhaltlichen Überzeugungskraft beider Artikel bleibt unklar, inwieweit die Ergebnisse dieser Studien zu spezifischen Übersetzungsproblemen einzelner Wörter oder Phrasen und zur Begriffsgeschichte mit dem übergeordneten Thema des Bandes harmonieren. Ähnliches gilt für den abschließenden Essay von Auvray-Assayas, der, wie die Herausgeber selbst andeuten, zeigen soll, dass Cicero Teil des philosophischen Erbes wurde, das er in Rom etablieren wollte.
Der Band wird durch zwei nützliche Indizes ( nominum und locorum) abgeschlossen. Eine geringfügige Schwäche liegt in der inkonsistenten Bearbeitung des Inhaltsverzeichnisses, die sich in uneinheitlicher Groß- und Kleinschreibung englischer Titel und fehlender Kursivsetzung lateinischer Wörter oder antiker Werktitel äußert.
Fazit: Ein wertvoller Beitrag zur römischen Philosophie
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Herausgeber einen äußerst nützlichen und weitgehend kohärenten Band präsentieren, der sein Versprechen hält. Er beleuchtet die kulturellen, soziologischen und literarischen Bedingungen in Rom, unter denen Philosophie nicht nur von Römern, sondern auch von griechischen Denkern wie Philodem adaptiert und angeeignet wurde. Besonders hervorzuheben sind die Erkundungen belletristischer Literatur, ein Bereich, in dem sicherlich noch mehr Potenzial für weitere Forschung besteht. So wie Philodem Über den guten König nach Homer verfasste, hatte Krates von Mallos die Römer bereits in die Exegese Homers eingeführt. Philosophisches Denken durchdrang literarische Werke wie Horazens Gedichte oder Senecas Phaedra in einem weitaus größeren Ausmaß, als manche anerkennen würden. Wie im Fall der Phaedra können diese „interdisziplinären“ Betrachtungen zu neuen Entdeckungen und Perspektiven führen. Wer sich mit der römischen Philosophie und ihrer Bedeutung für die Gesellschaft und Kultur jener Zeit auseinandersetzen möchte, findet in diesem Band eine Fülle an aufschlussreichen Beiträgen und Anregungen.

