Die Rhythmische Sportgymnastik (RSG) ist die einzige olympische Disziplin, die ausschließlich Frauen vorbehalten ist. Auf den ersten Blick scheint es eine Welt zu sein, die von weiblicher Selbstbestimmung und emanzipierten Körperbildern geprägt ist, fernab patriarchaler Strukturen. Doch hinter der glitzernden Fassade von eng anliegenden Anzügen, perfekten Dutts und makellosen Küren verbirgt sich eine komplexe Realität, die weit über reine Ästhetik hinausgeht.
Perfektion, Anmut und Leichtigkeit – Ein Trugbild?
Gymnastinnen betreten den Teppich, lächeln mit rot geschminkten Lippen und führen anderthalbminütige Küren mit Bällen, Reifen oder Keulen auf, begleitet von Musik. Sie vollführen beeindruckende Sprünge und Drehungen, die das scheinbar mühelose Beherrschen ihres Körpers zeigen. Kampfrichterinnen bewerten Schwierigkeit, Ausführung und Artistik. Diese Sportart wird oft als die „weiblichste aller Sportarten“ bezeichnet, ein Ausdruck, der die Konzentration auf Schönheit, Anmut und Leichtigkeit widerspiegelt.
Marlene Kriebel, eine 25-jährige ehemalige Jugendmeisterin und heutige Landestrainerin, kennt die RSG aus erster Hand. Sie betont, wie viele Stunden harter Arbeit hinter der scheinbaren Leichtigkeit stecken. “Viele Leute unterschätzen das, weil man im Wettkampf immer nur das Perfekte sieht”, erklärt sie. Der Sport hat ihr Disziplin, Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit gelehrt – wichtige Eigenschaften, die ihr auch in ihrem Hauptberuf als Qualifizierungsingenieurin in der Pharmabranche zugutekommen. Die aufwendige Vorbereitung mit Schminke und Frisur gehört für Kriebel zum Wohlfühlgefühl vor einem Wettkampf dazu. Dennoch hinterfragt sie kritisch, ob dies im Kinderbereich immer notwendig ist und betont, dass in ihrem Verein auf “Altersgerechtheit” geachtet wird, bei kleinen Mädchen meist nur mit etwas Glitzer.
Ursprünge und globale Dominanz
Die Rhythmische Sportgymnastik hat ihre Wurzeln in der Sowjetunion und wurde ursprünglich als eine Art Ballett mit Handgeräten konzipiert. Seit 1996 dominieren Gymnastinnen aus Russland, Belarus und der Ukraine die olympischen Wettkämpfe, mit nur einer Ausnahme. In Russland ist die RSG von nationaler Bedeutung, und die einflussreiche Verbandspräsidentin Irina Viner-Usmanova prägt die Sportart weit über die Grenzen ihres Landes hinaus. Zahlreiche Trainerinnen, die in der Sowjetunion ausgebildet wurden, haben ihr Wissen und ihre Methoden weltweit verbreitet.
Das Schönheitsideal: Extrem und widersprüchlich
Das Schönheitsideal in der RSG ist extrem: sehr jung, extrem dünn, mit langen Beinen und ohne erkennbare weibliche Rundungen. Guadalupe Aizaga, eine argentinische Fotografin und ehemalige Vizemeisterin der Südamerikaspiele, beschreibt dieses Ideal als eine Mischung aus klassischem Ballett und Haute Couture. “Das Modeideal ist in der RSG noch extremer. Und dort ist es grotesk, weil du in diesem Sport neben Beweglichkeit vor allem Kraft brauchst. Für Kraft braucht es Muskeln, aber die darf man auf keinen Fall sehen”, erklärt Aizaga.
Dieser extreme Fokus auf Schlankheit hat auch gesundheitliche Folgen. Aizaga berichtet, dass sie und ihre Teamkolleginnen eine stark verspätete Menstruation hatten, manche erst nach ihrer Karriere. Dies steht im deutlichen Kontrast zur Bezeichnung als “weiblichste Sportart”. Obwohl das Reglement die physische Beschaffenheit nicht zur Bewertung heranzieht, ist das ästhetische Ideal der primäre Grund für die extrem schlanken Körper der Athletinnen. Darja Varfolomeev, fünfmalige Weltmeisterin von 2023, verkörpert dieses Ideal perfekt. Es ist fraglich, ob sie mit zehn Kilogramm mehr auf den Hüften die gleichen Erfolge erzielen könnte, da Kampfrichterinnen dem Schönheitsideal unbewusst Punkte zuteilen könnten.
Wandel und Hoffnung
Trotz der strengen Ideale gibt es Anzeichen für einen Wandel. Ähnlich wie im Geräteturnen, wo sich das Körperideal von den kleinen, leichten Turnerinnen der Sowjetära hin zu athletischen Superstars wie Simone Biles entwickelt hat, zeichnen sich auch in der RSG Veränderungen ab. Marlene Kriebel ist überzeugt, dass die Einstellung zum Körperideal in der Weltspitze “toleranter” geworden ist. Guadalupe Aizaga beobachtet ebenfalls, dass der Altersdurchschnitt der Athletinnen international gestiegen ist. Diese Entwicklungen lassen hoffen, dass die “Spielwiese” der Rhythmischen Sportgymnastik sich hin zu einer inklusiveren und gesünderen Form des weiblichen Sports entwickeln kann. Die Sportart bietet zwar faszinierende Einblicke in die Welt des Spitzensports, doch die Diskussion um Körperbilder und Selbstbestimmung bleibt zentral für ihre Zukunft.

