Proxalto Lebensversicherung: Was steckt hinter den Beschwerden?

Einleitung

In den letzten Monaten mehren sich die Beschwerden von Verbraucherinnen und Verbrauchern über die Proxalto Lebensversicherung AG. Kunden berichten von ausbleibenden Zahlungen, mangelhafter Kommunikation und langen Wartezeiten, wenn es um die Auszahlung ihrer zugesicherten Leistungen geht. Diese Situation hat weitreichende Folgen, da die Gelder oft für dringende Ausgaben wie Beerdigungskosten, Immobilienfinanzierung oder als erwartete Rentenzahlungen benötigt werden. Die Unzufriedenheit wächst, da die Betroffenen ihren vertraglichen Verpflichtungen nachgekommen sind und nun auf die Erfüllung der zugesicherten Ansprüche warten.

Wer ist Proxalto Lebensversicherung?

Die Proxalto Lebensversicherung AG ist ein deutsches Lebensversicherungsunternehmen, das möglicherweise nicht jedem bekannt ist, selbst einigen ihrer Versicherten. Die Muttergesellschaft, die Viridium AG, gehört zu einem Konsortium aus namhaften Unternehmen wie Generali, Hannover Rück und dem Private-Equity-Unternehmen Cinven aus London. Insgesamt verwaltet die Gruppe Berichten zufolge nahezu 5 Millionen Verträge, was sie zu einem bedeutenden Akteur im Versicherungsmarkt macht.

Das Geschäftsmodell: Run-Off

Das Besondere am Geschäftsmodell der Viridium Gruppe ist, dass sie keine neuen Verträge abschließt. Stattdessen kauft sie bestehende Altverträge von anderen Lebensversicherern auf, die diese nicht mehr wirtschaftlich weiterführen möchten. Dieses Vorgehen wird in der Versicherungsbranche als “Run-Off” bezeichnet. Die betroffenen Kunden werden dabei oft nicht im Vorfeld gefragt oder nur unzureichend informiert und haben keine Möglichkeit, den neuen Vertragspartner abzulehnen.

Was bedeutet “Run-Off”?

Im Run-Off-Geschäft stellen Versicherer die Neugeschäftstätigkeit ein und konzentrieren sich auf die Abwicklung bestehender Verträge. Gründe hierfür können hohe Renditeversprechen aus der Vergangenheit, veraltete IT-Systeme oder neue regulatorische Anforderungen sein. Durch den Verkauf von Altbeständen an spezialisierte Run-Off-Unternehmen können sich die ursprünglichen Versicherer von diesen Verpflichtungen trennen. Die Run-Off-Gesellschaften übernehmen dabei sämtliche Rechte und Pflichten, einschließlich der Verpflichtung zur Zahlung von Garantiezinsen und der Beteiligung der Kunden an etwaigen Überschüssen.

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Das Interesse der Run-Off-Unternehmen

Run-Off-Unternehmen kaufen Lebensversicherungsbestände häufig zu sehr günstigen Konditionen. Ihr Geschäftsansatz basiert auf modernen IT-Systemen, schlanken Personalstrukturen und dem Wegfall von Kosten für Produktentwicklung, Abschluss und Vertrieb. Da keine neuen Verträge generiert werden müssen, sind die Ausgaben kalkulierbar und die Zahlungseingänge der Versicherten weitgehend verlässlich. Dies ermöglicht es den Run-Off-Gesellschaften, potenziell geschickter an den Kapitalmärkten zu agieren und hohe Gewinne zu erzielen.

Mögliche Vorteile für Versicherte?

Theoretisch kann die Abwicklung eines Altvertrags durch eine Run-Off-Gesellschaft für den Versicherten von Vorteil sein, insbesondere im Vergleich zu einer langfristigen Vernachlässigung durch den alten Versicherer. Run-Off-Spezialisten haben sich zwar nicht immer als überlegene Kapitalanleger erwiesen, doch können höhere Überschüsse aus einer effizienteren Bestandsverwaltung auch den Kunden zugutekommen. Dennoch ist die Situation oft von Unsicherheiten geprägt.

Risiken beim Run-Off

Um die Effizienz moderner IT-Systeme und Kapitalanlagen voll auszuschöpfen, benötigen Run-Off-Gesellschaften zunächst eine kritische Masse an Verträgen. Um die Zustimmung der Aufsichtsbehörde BaFin und der Vertriebspartner zu erhalten, ist ein positives Image entscheidend. Sobald jedoch der angestrebte Bestand erreicht ist und der Markt abgegrast ist, kann sich die Geschäftsstrategie ändern. Die Kosten pro Einzelvertrag steigen mit sinkendem Bestand, und die Investoren wollen ihre Gewinne realisieren. In solchen Phasen können die Beteiligungen der Kunden an Überschüssen auf das gesetzlich vorgeschriebene Minimum reduziert und der Kundenservice vernachlässigt werden. Das Image der Gesellschaft spielt dann eine untergeordnete Rolle.

Die aktuelle Situation bei Proxalto

Die aktuellen Probleme bei Proxalto Lebensversicherung passen nicht zu diesem optimierten Geschäftsmodell und stellen einen erheblichen Reputationsschaden dar. Es scheint, dass die Viridium Gruppe von den Zuständen der übernommenen Datenbestände der Generali überrascht wurde. Das moderne IT-System ist überfordert und der Kundenservice ausgelastet. Solche Vorkommnisse werfen ein fragwürdiges Licht auf die Lebensversicherungsbranche und die Frage, wie mit Kundengeldern umgegangen wurde. Es scheint, dass der Vertrieb oft Vorrang vor einer ordnungsgemäßen Vermögens- und Vertragsverwaltung hatte.

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Die Rolle der BaFin

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hat die Aufgabe, solche Transaktionen im Vorfeld sorgfältig zu prüfen und gegebenenfalls zu untersagen. Sie kontrolliert die Kapitalausstattung, das Risikomanagement sowie die organisatorische und technische Ausstattung des neuen Versicherers, um sicherzustellen, dass der Bestand angemessen verwaltet werden kann.

Reaktion der BaFin

Eigentlich wäre zu erwarten, dass die Aufsichtsbehörde den Fall hartnäckig aufklärt und die Ergebnisse transparent berichtet. Bisher hat sich die BaFin zurückgehalten und lediglich einen Fachartikel mit dem Titel „Wenn Versicherer nicht rechtzeitig zahlen“ veröffentlicht, ohne Proxalto namentlich zu erwähnen. In diesem Artikel wird erläutert, dass bei auslaufenden oder gekündigten Versicherungen keine umfangreiche Leistungsprüfung erforderlich ist und der Versicherer die Zahlung zum vereinbarten Termin leisten muss. Der Artikel beschreibt auch die Sanktionsmöglichkeiten der BaFin, wenn Rückstände nicht zügig ausgeglichen werden. Dies reicht von Ermahnungen bis hin zum Einsatz von Zwangsgeldern. Aus dem Text geht jedoch hervor, dass es einige Zeit dauern kann, bis tatsächliche Maßnahmen ergriffen werden. Für Proxalto-Kunden, die auf ihr Geld warten, sind diese Informationen und der Hinweis, sich zunächst an den Versicherer zu wenden, wenig hilfreich.

Handlungsoptionen für Proxalto-Kunden

Die aktuelle Situation sollte als Weckruf verstanden werden. Versicherte mit noch langen Vertragslaufzeiten sollten ernsthaft in Erwägung ziehen, ihre Anlageziele mit alternativen Geldanlagen, wie beispielsweise kostengünstigen ETF-Sparplänen, zu verfolgen. Unabhängige Beratung zu solchen Alternativen sowie zu den potenziellen Nachteilen einer Vertragskündigung, wie dem Verlust von Schutzfunktionen (z. B. Todesfall- oder Berufsunfähigkeitsschutz), ist ratsam.

Betroffene, die derzeit auf ihre Auszahlungen warten, sollten sich aktiv wehren. Sie sollten den entstandenen Verzugsschaden geltend machen und sich sowohl an den Versicherungsombudsmann als auch an die BaFin wenden. Mitglieder des Bundes der Versicherten (BdV) können ihre Fälle melden, damit der BdV sich um die Durchsetzung ihrer Forderungen kümmert.

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