Neue Hauswirtschaft: Ein zukunftsweisendes Konzept für Bildung und Gesellschaft

Die Art und Weise, wie wir leben, wirtschaften und lernen, unterliegt einem stetigen Wandel. Besonders die zentralen Einheiten unserer Gesellschaft – die Haushalte und Familien – stehen im Fokus aktueller Debatten. Das Konzept der “Neuen Hauswirtschaft” rückt genau diese Basiseinheiten in den Mittelpunkt und fordert eine Neuausrichtung der Bildungsinhalte, um junge Menschen und Erwachsene besser auf die ökonomischen Realitäten des Alltags vorzubereiten. Angesichts eines alarmierenden Wissensmangels über die alltägliche Ökonomie und dessen gravierender Folgen ist eine Anpassung des Bildungssystems unerlässlich, um den Anforderungen einer sich modernisierenden Gesellschaft gerecht zu werden. Dieses Konzept versteht sich als Beitrag zur Förderung lebenslanger Lernbereitschaft und zur Stärkung der individuellen Lebensbewältigungskompetenz, was für den gesellschaftlichen Fortschritt von zentraler Bedeutung ist.

Die Debatte um eine fundierte sozioökonomische Allgemeinbildung wird verstärkt durch Erkenntnisse aus der Armutsforschung und Präventionsmaßnahmen. Studien zur Sozialhilfeabhängigkeit und Überschuldung zeigen, dass mangelnde Kompetenzen in der Haushaltsführung und Lebensgestaltung oft eine entscheidende Rolle spielen. Dies reicht von der Fähigkeit zur Bedarfsreflexion und Ressourcenmobilisierung bis hin zur Kontrolle der Ausgaben. Die traurige Realität ist, dass die Zahl der überschuldeten Privathaushalte, insbesondere auch bei Jugendlichen, besorgniserregend hoch ist und weiter steigt. Experten schätzen, dass Millionen von Haushalten und Hunderttausende von Jugendlichen von Überschuldung betroffen sind, oft aufgrund fehlender finanzieller Bildung. Dieses Problem verdeutlicht die dringende Notwendigkeit, über reine Finanzbildung hinauszugehen und die umfassende Ökonomie des Alltags in den Fokus zu rücken.

Die Ökonomie des Alltags im Wandel: Von der Moderne zur Postmoderne

Das Konzept der “Neuen Hauswirtschaft” basiert auf der Erkenntnis, dass individuelle Lebensgestaltung und gesellschaftliches Wohl untrennbar miteinander verbunden sind. In einer sich wandelnden Gesellschaft gewinnen Entscheidungen von Individuen und Familien zunehmend an Bedeutung für die gesamtgesellschaftliche Wirtschaftsstruktur. Diese Einsicht stützt sich auf eine empirisch fundierte Haushaltstheorie, die die Transformation von der modernen zur postmodernen Gesellschaft betrachtet, sowie auf das Prinzip des methodologischen Individualismus, der die strukturgebende Funktion von Individuen und Kleingruppen für die Gesellschaft hervorhebt.

Die moderne Gesellschaft mit ihrer Fokussierung auf den Sozialstaat weicht zunehmend einer “postmodernen” Ära, die durch Begriffe wie Bürgergesellschaft, Multioptionsgesellschaft und Wissensgesellschaft gekennzeichnet ist. Diese Entwicklungen gehen einher mit einer Pluralisierung der Lebensformen, einer Individualisierung der Lebensverläufe und einer sinkenden Geburtenrate. Institute für Zukunftsfragen sehen eine Verschiebung von der “arbeitnehmerzentrierten Industriegesellschaft zur unternehmerischen Wissensgesellschaft”, was eine erhöhte Eigenverantwortung und Selbstständigkeit der Bürgerinnen und Bürger erfordert. Programme wie die “Ich-AG” oder die “Familien-AG” spiegeln diesen Trend wider und unterstreichen die wachsende Notwendigkeit, sich als “Unternehmer seiner Arbeitskraft und Daseinsvorsorge” zu verstehen.

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Die “Neue Hauswirtschaft” versteht die sich wandelnde Ökonomie des Alltags als eine Zunahme der ökonomischen Verantwortung für Individuen, Paarhaushalte und Familien. Diese Verantwortung erstreckt sich auf die Selbstorganisation der Privathaushalte für die eigene Versorgung und auf deren strukturgebende Funktion für das gesamte Wirtschafts- und Gesellschaftssystem. Diese Entwicklung ist oft eine unbeabsichtigte Folge individueller Entscheidungen bezüglich Lebensstilen, Bildungs- und Erwerbsbeteiligungen, Konsumgewohnheiten und Vermögensdispositionen. Der Begriff “Hauswirtschaft” wird bewusst gewählt, um die Parallele zu den etablierten Wirtschaftswissenschaften (Betriebs- und Volkswirtschaftslehre) herzustellen und gleichzeitig durch das “Neue” die Anpassung an aktuelle gesellschaftliche Gegebenheiten zu betonen.

Das Konzept der Neuen Hauswirtschaft lässt sich durch zwei Kernkernaussagen konkretisieren:

  1. Einfluss der Haushalte auf die Makrostruktur: Private Haushalte prägen durch ihre Güternachfrage, ihre Produktion im Haushalt und ihr Faktorangebot die sozioökonomische Makrostruktur maßgeblich.
  2. Haushalte als Produzenten von Humankapital: Private Haushalte sind die Hauptproduzenten von Humankapital und somit die wichtigsten sozioökonomischen Institutionen überhaupt.

Die Rolle der Haushalte im Wirtschaftsgefüge

Die Funktion der Haushalte als Nachfrager nach privaten und öffentlichen Gütern ist von enormer Bedeutung. Durch ihre Konsumentscheidungen, die von Präferenzen, Finanzierungsmöglichkeiten und externen Einflüssen wie Werbung geprägt sind, steuern sie die Produktion und beeinflussen Beschäftigung und Investitionen. Der private Konsum macht rund 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus und generiert “Konsumwellen”, die die Wirtschaft beleben. Darüber hinaus agieren Haushaltsmitglieder als Wähler und beeinflussen indirekt die Bereitstellung öffentlicher Güter und Dienstleistungen.

Darüber hinaus spielen Haushalte eine zentrale Rolle bei der Kapitalbildung. Ihre Ersparnisse und Finanzanlagen stellen bis zu vier Fünftel der gesamtwirtschaftlichen Ersparnis dar und machen die privaten Haushalte somit zum größten Kapitalgeber für Unternehmen. Diese Investitionen erfolgen nicht nur indirekt über den Bankensektor, sondern auch direkt durch die Gründung eigener Unternehmen. Ein Großteil der jährlichen Unternehmensgründungen, insbesondere Kleinstunternehmen, findet im familiären und häuslichen Kontext statt und schafft Arbeitsplätze. Die Eigentümer von Unternehmen sind überwiegend ebenfalls Haushaltsmitglieder. Selbst im gemeinnützigen Sektor, in Vereinen und Verbänden, sind es oft private Haushalte und deren Mitglieder, die als Gründer und Träger informeller Netzwerke agieren und zur Bereitstellung kollektiver Güter beitragen.

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Ein oft unterschätzter, aber dominanter Beitrag der Privathaushalte ist die Produktion von Gütern für den unmittelbaren Konsum. Gemessen am Zeitaufwand macht die Haushaltsarbeit, einschließlich ehrenamtlicher Tätigkeiten, rund 60 Prozent der gesamten gesellschaftlichen Arbeitszeit aus, während Erwerbsarbeit etwa 40 Prozent beansprucht. Dies unterstreicht die wirtschaftliche Relevanz von Tätigkeiten, die traditionell nicht als “Produktion” im ökonomischen Sinne betrachtet werden.

Humankapitalbildung: Die Kernfunktion der Haushalte

Die traditionellen Familienfunktionen – Prokreation, Sozialisation und Versorgung – sind eng mit der Bildung von Humankapital verknüpft. Die Fortpflanzung und insbesondere die Erziehung von Nachwuchs dienen nicht nur der Reproduktion der Arbeitskraft, sondern der “Produktion” von Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die das Fundament menschlicher Gesellschaften bilden. Angesichts der wachsenden Bedeutung von Wissen sind die Haushalte die wichtigsten Institutionen für die Sicherung und den Ausbau dieses kritischen gesellschaftlichen Kapitals.

Obwohl moderne und Postmoderne Gesellschaften stark von externen Institutionen wie Schulen und Universitäten geprägt sind, bleiben Haushalte die primären Orte der Sozialisation. In diesen intimen und kommunikationsintensiven Kontexten werden die grundlegenden Fähigkeiten für den Wissenserwerb und dessen Anwendung in einer immer komplexer werdenden Welt erlernt. Modellrechnungen zur Humankapitalbildung verdeutlichen die immense ökonomische Bedeutung der familiären Leistungen: Bis zum 19. Lebensjahr eines Kindes belaufen sich die Ausgaben für Konsumgüter und die anteilig bewerteten Leistungen der Haushaltsproduktion auf Billionen von Euro – ein Wert, der den des reproduzierbaren Sachvermögens bei weitem übersteigt.

Doch Humankapitalbildung ist nicht allein auf Prokreation und Sozialisation beschränkt. Haushaltsproduktion und Konsum tragen ebenfalls wesentlich zur Erhaltung und Entwicklung der Vitalfunktionen der Haushaltsmitglieder bei, kompensieren Energieverlust und fördern Lebenszufriedenheit. Auch wenn nicht jeder Konsum direkt zur Humankapitalbildung beiträgt, so ist doch Konsum die notwendige Voraussetzung für jegliche Form von Arbeit, einschließlich der Erwerbsarbeit.

Aus einer umfassenderen Perspektive ist die traditionelle Trennung zwischen produzierenden Unternehmen und konsumierenden Haushalten sowie die Vorstellung von Produktion als Gütererzeugung und Konsum als Gütervernichtung zu eng gefasst. Vielmehr sind Haushalte zentrale Akteure in einem Transformationsprozess, der durch die Kombination von Vorleistungen und eigenem Haushaltsproduktionsprozess Humanvermögen und Lebenszufriedenheit generiert. Konsum kann und sollte als ein “Prozess der schöpferischen Zerstörung” verstanden und gestaltet werden, der Bildung und Beratung erfordert.

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Die Neue Hauswirtschaft in der schulischen Bildung

Die bisherige schulische Allgemeinbildung greift die Bedeutung von Haushalten und deren ökonomischer Rolle für die Gesellschaft viel zu kurz. Lehrpläne und Schulbücher sind oft defizitär und berücksichtigen die Veränderungen in der Lebensrealität der Schülerinnen und Schüler nur unzureichend. Wirtschaftliche Themen werden häufig nur am Rande behandelt, und das Fach Hauswirtschaft konzentriert sich oft auf die Binnenperspektive des Haushalts und die Beschaffung von Marktgütern.

Das vorherrschende Bild von Haushalt und Familie in den Wirtschaftsfächern basiert oft noch auf dem Modell der traditionellen Kernfamilie mit einem Hauptverdiener und einem haushaltsführenden Partner, abgesichert durch den Sozialstaat. Dieses Modell wird den vielfältigen Lebensformen und der zunehmenden Eigenverantwortung in der postmodernen Gesellschaft nicht mehr gerecht. Reformvorschläge von Wirtschaftsverbänden blenden diese Entwicklungen ebenfalls weitgehend aus und betrachten Haushalte primär als Arbeitnehmer und Konsumenten im klassischen Kreislauf von Geld und Gütern. Wichtige Aspekte wie Haushaltsproduktion, Humankapitalbildung und das Engagement in Vereinen oder sozialen Netzen finden kaum Beachtung.

Um Schülerinnen und Schülern zu ermöglichen, ihren individuellen Lebensweg erfolgreich zu gestalten und ihre gesellschaftlichen Funktionen zu erkennen und zu erfüllen, ist eine fundierte Orientierung unerlässlich. Diese muss die Voraussetzungen und Folgen der strukturgebenden Funktion von Individuen, Haushalten und Familien aufzeigen. Angesichts der zentralen Rolle der Wirtschaft und der Privathaushalte in modernen Gesellschaften ist die Einführung eines eigenständigen Fachs oder Lernfelds “Sozioökonomie/Wirtschaft” oder alternativ “Haushalt/Hauswirtschaft/Familie” auf allen Schulstufen und in allen Schulformen dringend geboten. Dies würde eine angemessene Thematisierung der Hauswirtschaft in ihrer Bedeutung für Individuen und Gesellschaft ermöglichen. Die anstehenden Revisionen von Lehrplänen und die Einführung von Ganztagsschulen bieten dafür gute Gelegenheiten, über die Verankerung im Unterricht und die Ausbildung von Lehrkräften nachzudenken.

Die Konzepte der Neuen Hauswirtschaft bieten eine wertvolle Grundlage, um Menschen auf die ökonomischen Herausforderungen des Lebens vorzubereiten und ihnen die Werkzeuge an die Hand zu geben, ihre Finanzen und ihren Haushalt erfolgreich zu gestalten. Das Engagement der Deutschen Gesellschaft für Hauswirtschaft e.V. unter https://www.dghev.de und Initiativen wie die auf der Webseite https://www.neuehauswirtschaft.de vorgestellte Umsetzung ab Februar 2003 sowie Informationen unter https://www.lernerfolg.vzbv.de zeigen Wege auf, wie dieses wichtige Thema in der Bildung und Erwachsenenbildung verankert werden kann.