Die 60. Ausgabe der Venedig Biennale, mit dem Titel „Foreigners Everywhere“, eröffnet eine komplexe und oft unbequeme Betrachtung globaler Identitäten, kolonialer Hinterlassenschaften und aktueller politischer Spannungen. In einer Zeit, die von nationalen Konflikten, historischer Aufarbeitung und einem wachsenden Bewusstsein für koloniale Ungerechtigkeiten geprägt ist, dient die Biennale als Spiegel der zerrissenen Welt. Dieses Jahr liegt ein besonderer Fokus auf der Auseinandersetzung mit dem Fremden, dem Marginalisierten und den Stimmen, die in der Kunstwelt oft überhört werden.
Historische Wurzeln und aktuelle Verwerfungen
Schon die Eröffnungswoche der Biennale legte den Grundstein für eine intensive Debatte. Die nationalen Pavillons, einst Symbole des Stolzes, wirken heute oft wie verblasste Denkmäler. Sandra Gamarra Heshikis Installation „Pinacoteca Migrante“ im spanischen Pavillon beleuchtet die oft übersehenen Aspekte der spanischen Kolonialgeschichte, wie die Praxis des Verzehrs von Tongefäßen aus der Neuen Welt, die nicht nur ein modisches Statement war, sondern auch gesundheitliche Risiken barg. Dies wirft ein Schlaglicht auf die komplexen Verflechtungen von Kultur, Handel und Ausbeutung, die die goldene Ära Spaniens prägten. Die Biennale wird somit zu einem Ort der Konfrontation mit der Vergangenheit, an dem die „plötzliche Leere des imperialen Glanzes“ (J. H. Elliott) deutlich spürbar wird.
Kolonialismus und seine Folgen im Fokus
Besonders eindrücklich wird die Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus im niederländischen Pavillon thematisiert. Skulpturen aus Palmöl und Kakao des Cercle d’Art des Travailleurs de Plantation Congolaise (CATPC) erinnern an die gewaltsame Unterdrückung der Pende im Kongo in den 1930er Jahren und die fortwährende Ausbeutung von Plantagenarbeitern. Die Rückgabe der Effigie des belgischen Steuereintreibers Maximilien Balot, die nun als Symbol der Befreiung dient, verdeutlicht den Kampf um kulturelle Aneignung und die Forderung nach einer gerechteren Verteilung von Reichtum und Privilegien. Künstler wie Ced’art Tamasala betonen, dass die Befreiung solcher heiligen Objekte entscheidend ist, um „ungesunde Privilegien“ zu überwinden, die zur Ausgrenzung und Versklavung geführt haben.
Politische Spannungen und künstlerische Antworten
Die Biennale 2024 ist auch von politischen Spannungen durchzogen. Die Schließung des israelischen Pavillons und die Debatten um die Darstellung Spaniens als „Vicereinheiten“ statt Kolonien spiegeln die globalen politischen Verwerfungen wider. Inmitten dieser aufgeladenen Atmosphäre versuchen Künstler und Kuratoren, Brücken zu bauen und zur kritischen Reflexion anzuregen. Der deutsche Pavillon mit Ersan Mondtags Installation „Thresholds“ thematisiert die Erfahrungen von Gastarbeitern und die Herausforderungen der Integration in Deutschland. Mondtags Werk, das den Wohnraum seines Großvaters, eines Gastarbeiters aus Anatolien, nachbildet, konfrontiert die Besucher mit den Versäumnissen des Landes bei der Integration von Bevölkerungsgruppen, die das wirtschaftliche und kulturelle Rückgrat bilden.
Die Biennale als Spiegelbild einer fragmentierten Welt
Adriano Pedrosas Ausstellung „Foreigners Everywhere“ selbst thematisiert die Vielfalt und die Fragmentierung der heutigen Welt. Die Kunstwerke stammen aus zahlreichen Ländern und erzählen von Migration, Identität und dem Gefühl, ein Fremder zu sein. Gleichzeitig zeigt die Biennale auch die Machtdynamiken innerhalb der Kunstwelt auf: von gut finanzierten nationalen Pavillons bis hin zu Collateral-Ausstellungen in luxuriösen Palazzi. Die zahlreichen Partys und Veranstaltungen, die oft im Vordergrund stehen, werfen die Frage auf, wo und wie authentische Erfahrungen und Gemeinschaften in diesem Spektakel gefunden werden können.
Die Künstlerin Michèle Lamy feierte ihren 80. Geburtstag mit einer Party, die ungewollt zu einem Ort der Begegnung für Menschen aus aller Welt wurde. Dies steht im Kontrast zu den oft von nationalen Identitäten geprägten Pavillons und wirft die Frage auf, was Gemeinschaft und Zugehörigkeit in einer globalisierten Welt bedeuten. Die Biennale 2024 ist somit mehr als nur eine Kunstausstellung; sie ist ein komplexes kulturelles Ereignis, das uns zwingt, über unsere eigene Herkunft, unsere Privilegien und die Beziehungen, die uns miteinander verbinden, nachzudenken. In einer Welt, die von Konflikten und Spaltungen geprägt ist, bietet die Biennale eine Plattform für Dialog und Auseinandersetzung, auch wenn die Antworten nicht immer einfach sind.

