Umweltdimensionen der Public Health: Ein komplexes Zusammenspiel für Gesundheit und Wohlbefinden

Die Public Health steht vor der Herausforderung, eine Fülle von wissenschaftlichen Disziplinen – von den Sozial- und Geisteswissenschaften bis hin zu den Lebens- und Naturwissenschaften – zu vereinen, um komplexe Gesundheitsfragen zu bearbeiten. Diese methodische Vielfalt ermöglicht zwar eine fruchtbare Zusammenarbeit mit Bereichen wie Medizin, Stadtplanung oder Bildung, birgt jedoch auch die Gefahr divergierender Umweltverständnisse. Vor diesem Hintergrund hat sich die umweltbezogene Gesundheitsförderung als neue, essenzielle Subdisziplin herauskristallisiert, die als zentraler Ankerpunkt für die dringende Auseinandersetzung mit dem Umweltbegriff dient.

Die umweltbezogene Gesundheitsförderung hat sich von einem Nischenthema zu einem breit anerkannten Forschungs- und Praxisfeld entwickelt. Das Spektrum reicht heute von grünen Verordnungsangeboten in der hausärztlichen Versorgung über Waldtherapieprogramme in der Rehabilitation, betriebliches Gesundheitsmanagement in WELL-zertifizierten Arbeitswelten und evidenzbasiertes Health-Care Design in Krankenhäusern bis hin zu kommunalen Hitzeschutzplänen und naturbasierten Lösungsansätzen für klimaresiliente Städte. Diese Entwicklung unterstreicht die Anschlussfähigkeit des Fachgebiets für Prävention, Gesundheitsschutz, Rehabilitation, Urban Health, Gesundheitsbildung und Gesundheitspolitik. Gleichzeitig verdeutlicht sie die Notwendigkeit eines kohärenten, gemeinsamen Umweltverständnisses, um Forschung und Praxis effektiv zu verzahnen.

Zentrale Konzepte wie One Health, EcoHealth und Planetary Health prägen die moderne Gesundheitsförderung, ergänzt durch die Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Agenda 2030. Sie beschreiben das vielschichtige Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt und leiten daraus Maßnahmen für Public Health, Global Health und Environmental Health ab. Dennoch bestehen Unterschiede in der Definition von “Umwelt”, was den Untersuchungsgegenstand beeinflusst. Während sich die genannten Konzepte inhaltlich annähern, bleibt das Umweltverständnis der WHO uneinheitlich und weicht teilweise vom Ursprung der Disziplin ab, wie er in der Ottawa-Charta von 1986 dargelegt wurde.

Das Umweltverständnis der Ottawa-Charta: Ein sozio-ökologischer Grundstein

Die Ottawa-Charta von 1986 legt nicht nur das Fundament für die Gesundheitsförderung, sondern beschreibt auch die grundlegenden Bedingungen für Gesundheit. Sie betont die Bedeutung von sozio-kulturellen Faktoren wie sozialer Gerechtigkeit und Chancengleichheit sowie umweltbezogener Bedingungen wie stabilen Ökosystemen, angemessenen Wohnverhältnissen und der sorgfältigen Nutzung natürlicher Ressourcen. Damit legte sie den Grundstein für das Fachgebiet der umweltbezogenen Gesundheit.

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Die Genfer Charta für Well-being (2021) ergänzt die Ottawa-Charta durch das Leitbild “Well-being Societies”, das planetare Belastungsgrenzen, soziale Gerechtigkeit und die Sustainable Development Goals (SDG) hervorhebt, ohne jedoch eine neue, allgemeingültige Umweltdefinition einzuführen. Im Einklang mit dem Nachhaltigkeitsbegriff unterstreicht die Charta die enge Bindung zwischen Mensch und Umwelt als Grundlage für einen sozio-ökologischen Weg zur Gesundheit. Sie formuliert das menschliche Bedürfnis, sich um andere, Gemeinschaften und die natürliche Umwelt zu sorgen, als oberstes Leitprinzip. Ganzheitlichkeit und ökologisches Denken werden als Kernelemente für die Entwicklung von Strategien zur Gesundheitsförderung identifiziert. Dies wird mit den Aufgaben des umweltbezogenen Gesundheitsschutzes verknüpft, indem die systematische Erfassung gesundheitlicher Folgen einer sich wandelnden Umwelt als Grundvoraussetzung für Gesundheitsförderung anerkannt wird. Das Umweltverständnis der Ottawa-Charta kann somit als sozio-ökologischer Nukleus für eine umweltbezogene, gesundheitsförderliche Strategieentwicklung betrachtet werden, was durch die Genfer Charta ausdrücklich bestärkt wird.

Das Umweltverständnis der Weltgesundheitsorganisation (WHO): Ein Fokus auf Gesundheitsschutz

International definiert die WHO das Feld der Environmental Health primär als umweltbezogenen Gesundheitsschutz. Dieser konzentriert sich auf physikalische, chemische, biologische und arbeitsbezogene Umweltrisikofaktoren außerhalb des Menschen, mit dem Ziel, Krankheiten vorzubeugen und ein gesundheitsförderndes Umfeld zu schaffen. Verhaltensweisen, die nicht mit der definierten Umwelt zusammenhängen, sowie soziale, kulturelle oder genetische Faktoren werden explizit ausgeschlossen. Diese Definition wird auf den aktuellen WHO-Webseiten verwendet und war Gegenstand des Fortschrittsberichts zur Global Strategy on Health, Environment and Climate Change. Das Umweltverständnis bleibt somit auf eine pathogene Perspektive beschränkt, bei der die Umwelt als Ursprung von Risikofaktoren betrachtet wird. Eine ganzheitliche Betrachtung der Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Umwelt unter salutogener Perspektive findet hierbei kaum statt; Verhaltensweisen und soziale Umwelt werden primär unter den Social Determinants of Health behandelt.

Das Umweltverständnis des WHO Regionalbüros Europa: Ein breiterer Ansatz

Das WHO Regionalbüro Europa vertritt ein deutlich breiteres Verständnis von “gesundheitlichem Umweltschutz” (Umwelthygiene), das näher an der Ottawa-Charta liegt. Diese Definition umfasst nicht nur die direkten pathologischen Auswirkungen von Umwelteinflüssen, sondern auch die indirekten Auswirkungen physikalischer, psychosozialer und ästhetischer Faktoren wie Wohnungswesen, Stadtentwicklung, Raumplanung und Transport auf Gesundheit und Wohlbefinden. Die Europäische Charta für Umwelt und Gesundheit betont explizit die Intention zur umweltbezogenen Gesundheitsförderung: Um Menschen zu einer gesunden Lebensweise in einer reinen und harmonischen Umwelt anzuhalten, soll zum Gesundheitsschutz die Gesundheitsförderung treten. Dieser umfassende Ansatz wurde in der Budapester Erklärung zu Umwelt und Gesundheit bekräftigt und mit Klimaschutz, Verkehrswende und Jugendpartizipation verknüpft.

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Aufbauend auf dieser Definition wurden umfassende Situationsanalysen und Aktionspläne für Umwelt und Gesundheit etabliert, auch auf nationaler und regionaler Ebene, wie im Masterplan Umwelt und Gesundheit NRW. Dieser fordert die Gestaltung gesundheitsförderlicher Umwelten als Querschnittsaufgabe, insbesondere im Hinblick auf Umweltgerechtigkeit, um soziale Ungleichheit bei Umweltrisiken und -ressourcen zu verringern. Dies unterstreicht, dass das Umweltverständnis für Gesundheitsförderung auch soziale, ökonomische, rechtliche und politische Strukturen umfassen muss, um gesundheitliche Mehrfachbelastungen zu identifizieren und in einer sektorübergreifenden, sozialräumlichen Umweltpolitik zu berücksichtigen. Dennoch orientieren sich die Aufgaben des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) in Deutschland im Bereich umweltbezogener Gesundheit bis heute überwiegend am engeren internationalen Umweltverständnis der WHO.

Auswirkungen divergierender Umweltverständnisse auf Praxis und Forschung

Die unterschiedlichen Umweltverständnisse beeinflussen maßgeblich das Verständnis von Gesundheit und Krankheit sowie die Forschung und Praxis in den Bereichen Gesundheitsschutz, Prävention und Gesundheitsförderung. Die Praxis des ÖGD konzentriert sich fast ausschließlich auf den umweltbezogenen Gesundheitsschutz, während Umweltbehörden den gesundheitsbezogenen Umweltschutz bewerten. Berichte zur Luftreinhaltung im ÖGD fokussieren beispielsweise auf Emissionsüberwachung und Grenzwertkontrollen, während das Umweltbundesamt große Gewichtung auf Monitoring von Bodenbelastungen und gesundheitliche Risikobewertungen legt.

Sozio-kulturelle und sozio-ökonomische Umweltaspekte werden oft vernachlässigt, was dazu führt, dass die Praxis des ÖGD eher dem internationalen WHO-Verständnis entspricht als dem des europäischen WHO Regionalbüros. Für die umweltbezogene Gesundheitsförderung bedeutet dies einen Mangel an Förderprogrammen und Initiativen sowie eine Abhängigkeit von intersektoraler Zusammenarbeit zwischen den Sektoren Gesundheit, Umwelt und Soziales.

In der Public Health-Forschung hat sich die Situation glücklicherweise verbessert. Zwar betrachten einige Disziplinen die Physische Umwelt weiterhin nur als räumlichen Kontext für psychosoziale und sozio-kulturelle Gesundheitsförderung. Doch in den Bereichen Urban Health und humanökologische Gesundheitsforschung hat sich in den letzten 20 Jahren ein erweitertes Umweltverständnis etabliert, das die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt ganzheitlich betrachtet. Konzepte wie Green Infrastructure und Environmental Justice finden in der Stadtplanung Anwendung, um gesunde und nachhaltige Stadtquartiere zu gestalten.

Systematisierung der Umwelt: Brücken bauen für eine ganzheitliche Gesundheit

Es besteht ein klares Spannungsfeld zwischen der engen, risikoorientierten WHO-Globaldefinition und dem breiten, salutogenetisch geprägten Umweltverständnis des WHO Regionalbüros Europa. Während im öffentlichen Sektor in Deutschland überwiegend Risiken und Belastungsquellen in den Blick genommen werden, stehen salutogene Umweltressourcen weniger im Fokus. Dennoch wurde im Rahmen regionaler Programme im Urban Health-Kontext Forschungs- und Entwicklungsarbeit zu den gesundheitsförderlichen Effekten von Stadtnatur geleistet. Der Fokus liegt hierbei auf grüner und blauer Infrastruktur als Gesundheitsressource. International verdeutlicht die Agenda 2030 die enge Verflechtung von Gesundheitszielen mit Klima, Biodiversität und sozialer Gerechtigkeit.

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Die zentrale Frage ist, wie Umwelt systematisiert werden kann, um soziale, physische und psychosoziale Wechselwirkungen gleichermaßen abzubilden. Seit den 1990er Jahren werden hierzu Modelle entwickelt, die jedoch oft einen Schwerpunkt setzen oder aufgrund ihrer Komplexität schwer operationalisierbar sind. Neuere Ansätze wie ein standardisiertes, vierdimensionales Umweltschema (Health-Oriented Environmental Categories, HEC) kombiniert mit einem salutogenetischen Prozessmodell (Salutogenic Environmental Health Model, SEHM) versprechen, die Vergleichbarkeit von Studien zu erhöhen und Interventionen zielgenauer zu gestalten. Aus einer Systemperspektive wird die Notwendigkeit eines integrierten Rahmenwerks betont, das Klima, Biodiversität und Umweltverschmutzung umfassend berücksichtigt.

Ein zukünftiger globaler Konsens sollte auf einer gemeinsamen Taxonomie aller physischen, sozialen und ökologischen Determinanten beruhen, um Forschung, Politik und Praxis kohärent auszurichten. Eine HEC-basierte Kategorisierung der Evidenz könnte Lücken aufzeigen, während das SEHM den Transfer in eine ganzheitliche Praxis erleichtert.

Die Health Map von Barton & Grant: Ein Modell für systemische Stadtentwicklung

In sieben Sphären – von “People” bis “Natural Environment” – beschreiben Barton & Grant (2006) die gesundheitsrelevanten Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt. Die Health Map stellt verschiedene räumliche Ebenen dar, von der Nachbarschaft bis zur Metropolregion, und dient als Grundlage für die Entwicklung systemischer und nachhaltiger Stadtquartierskonzepte. Sie skizziert die Wechselwirkungen des Menschen mit seiner Umwelt sowie deren individuelle Modulation durch genetische Prädispositionen und Lebensstil. Jede Sphäre repräsentiert sowohl einen Prozess als auch einen Zustand, deren Qualität sich ständig weiterentwickelt und andere Sphären beeinflusst.

Die vollständige Operationalisierung der Health Map stellt für Forschung und Praxis eine Herausforderung dar. Oft wird sie vereinfacht oder regional angepasst, um relevante Teilsphären und Indikatoren abzubilden. Die Auswahl passender Indikatoren aus den sieben Sphären führt zu hoher Komplexität und Abgrenzungsschwierigkeiten, insbesondere bei der Unterscheidung von baulichen und sozialen Faktoren oder der gleichzeitigen Erfassung von Prozess- und Zustandsaspekten. Dennoch bietet das Modell einen wertvollen Rahmen, um die Vielschichtigkeit der Beziehungen zwischen Umwelt und Gesundheit zu verstehen und darauf aufbauend gesündere Lebensräume zu gestalten.