Die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking begannen am 4. Februar unter dem Schatten massiver Menschenrechtsverletzungen durch das chinesische Regime. Mehrere Länder, darunter die USA, Kanada, Australien und Großbritannien, verkündeten einen diplomatischen Boykott, da sie die Menschenrechtslage in China, insbesondere die Behandlung der Uiguren in Xinjiang, verurteilen. Dieser Schritt wirft ein Schlaglicht auf die Geschichte der Olympischen Spiele, die wiederholt von Boykotten geprägt war, wie etwa in Montreal 1976, Moskau 1980 oder Los Angeles 1984. Eine Analyse dieser historischen Beispiele kann Aufschluss über die potenzielle Wirkung eines Boykotts geben, während die deutsche Bundesregierung eine eindeutige Haltung vermissen ließ. Dennoch tragen die Diskussionen dazu bei, die Aufmerksamkeit für Chinas Menschenrechtsverletzungen aufrechtzuerhalten.
Der diplomatische Boykott der Winterspiele 2022
Der diplomatische Boykott der Olympischen Winterspiele 2022 in Peking wurde mit den gravierenden Menschenrechtsverletzungen des chinesischen Regimes begründet. Im Fokus steht dabei vor allem die Situation der muslimischen Minderheit der Uiguren in der Region Xinjiang, wo über eine Million Menschen Berichten zufolge in Internierungslagern festgehalten, systematisch überwacht und assimiliert werden. Das Weiße Haus warf China Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord vor. Auch die Unterdrückung der Demokratiebewegung in Hongkong, die Situation in Tibet und das Verschwinden der chinesischen Tennisspielerin Peng Shuai wurden als Gründe für den Boykott angeführt. Während diese Länder ihre Regierungsvertreter*innen fernhalten, begründen andere Staaten ihre Nichtteilnahme mit der Corona-Pandemie.
Olympische Spiele: Eine Geschichte von Boykotten
Boykotte haben bei Olympischen Spielen eine lange Tradition. In den Jahren 1976, 1980 und 1984 blieben ganze Nationen den Spielen fern. Im Gegensatz zum aktuellen diplomatischen Boykott handelte es sich damals jedoch um sportliche Boykotte, bei denen Athlet*innen nicht teilnahmen. Diese Boykotte wurden oft als ineffektiv angesehen, da sie die politischen Ziele nicht erreichten und die Missstände nicht behoben. Dennoch hatten sie oft eine wichtige symbolische Funktion, beeinflussten sportliche Wettbewerbe und lenkten die Aufmerksamkeit auf bestimmte politische Themen.
Beim Boykott der Spiele 1976 in Montreal nahmen afrikanische Staaten nicht teil, da Neuseeland eine umstrittene Rugby-Reise nach Südafrika absolviert hatte. Südafrika selbst war wegen seines Apartheid-Regimes von den Spielen ausgeschlossen. Obwohl der Ausschluss Neuseelands nicht erreicht wurde, hatte der Boykott eine symbolische Bedeutung im Kampf gegen das Apartheid-Regime und lenkte die internationale Aufmerksamkeit auf die Situation in Südafrika.
Olympiaboykotte im Kontext des Kalten Krieges
Die wohl prominentesten Boykotte fanden im Kontext des Kalten Krieges statt: 1980 in Moskau und 1984 in Los Angeles. Die USA forderten den Rückzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan und riefen zum Boykott der Spiele in Moskau auf. Diesem Aufruf schlossen sich 65 Nationen an, darunter auch die BRD. Der Boykott hatte keinen Einfluss auf den sowjetischen Einsatz in Afghanistan, führte jedoch zu ökonomischen Kosten und Prestige-Verlusten für die UdSSR, da sie sich nicht wie geplant international präsentieren konnte. Die sportlichen Wettbewerbe wurden in mehreren Disziplinen durch die fehlenden Athlet*innen beeinträchtigt.
Als Vergeltung boykottierten die UdSSR und 13 weitere Staaten des Ostblocks, darunter die DDR, die Spiele 1984 in Los Angeles. Offiziell wurden Sicherheitsbedenken und anti-sowjetische Hysterie als Gründe genannt. Die Auswirkungen dieses Boykotts auf die gastgebenden USA waren jedoch deutlich geringer als erhofft.
Die Wirkung eines politischen Boykotts der chinesischen Winterspiele
Ein rein politischer Boykott, an dem sich nur wenige Nationen beteiligen, wird wahrscheinlich nicht zur Verbesserung der Menschenrechtslage der Uiguren, in Tibet oder Hongkong beitragen. Menschenrechtsorganisationen warnten im Vorfeld der Spiele vor “Sportswashing”, also davor, dass das chinesische Regime die Olympischen Spiele zur Imagepflege und zur Ablenkung von Menschenrechtsverletzungen nutzen könnte.
Es ist fraglich, ob der Boykott die Wahrnehmung der Spiele durch die chinesische Bevölkerung beeinflusst. Viele politische Vertreter*innen reisen ohnehin nicht an, und die sportlichen Wettbewerbe werden kaum beeinträchtigt. Selbst beim umfassenden Boykott 1980 in Moskau gelang es dem Regime, die Spiele als Propagandamittel zu nutzen.
Olympia im Schatten von Corona und Menschenrechtsverletzungen
International dürfte es dem chinesischen Regime jedoch schwerfallen, die Spiele für “Sportswashing” zu nutzen. Die mediale Berichterstattung konzentriert sich sowohl auf die Herausforderungen durch die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Maßnahmen als auch auf die anhaltenden Menschenrechtsverletzungen. Ein politischer Boykott sollte nicht isoliert betrachtet werden, sondern als Teil einer umfassenderen Politik. Im Fall Chinas hat die Situation in Xinjiang in den letzten Jahren internationale Aufmerksamkeit erregt, was zu Sanktionen der USA und der EU sowie zum Stopp des EU-China-Investitionsabkommens führte. Ein Boykott wäre eine weitere symbolische Maßnahme gewesen.
Die Entscheidung über die Teilnahme an einem Boykott wird in Peking genau beobachtet. Ein Boykott ist eine konfrontative Maßnahme, die China eher zu einer Verhärtung der Positionen bewegen könnte, anstatt zu einem Einlenken. China lehnt Einmischungen in seine inneren Angelegenheiten vehement ab und hat boykottierenden Staaten mit Gegenmaßnahmen gedroht.
Peking 2022 – Ein Prüfstein für eine wertegebundene Außenpolitik?
Die deutsche Bundesregierung konnte sich nicht zu einer klaren Entscheidung durchringen, was auf unterschiedliche grundsätzliche Positionen der Regierungsparteien im Umgang mit China zurückzuführen sein dürfte. Während die Bundesregierung auf eine Koordination innerhalb der Europäischen Union verwies, lehnten Länder wie Frankreich und Italien einen Boykott ab. Nur wenige Staaten wie Dänemark schlossen sich dem diplomatischen Boykott an. Eine geeinte europäische Haltung war damit unwahrscheinlich. Eine frühere und klarere Haltung der Bundesregierung wäre wünschenswert gewesen. Historische Beispiele zeigen, dass ein Boykott eine symbolische Bedeutung als Teil der Chinapolitik haben kann und die öffentliche Diskussion über Menschenrechte aufrechterhält. Wenn die sportlichen Wettbewerbe beginnen, rücken diese politischen Diskussionen jedoch oft in den Hintergrund. Es bleibt zu hoffen, dass sich die deutsche Bundesregierung und auch Sportverbände wie der Deutsche Fußball-Bund vor der bevorstehenden Weltmeisterschaft in Katar frühzeitiger und deutlicher positionieren werden.

