Das Überleben einer kritischen COVID-19-Erkrankung markiert oft nur den Beginn eines langen und herausfordernden Weges. Körperliche, kognitive und psychologische Nachwirkungen sind realistische Konsequenzen, die das Leben der Betroffenen auch nach der akuten Phase maßgeblich beeinflussen können. Doch was genau verbirgt sich hinter den Begriffen “Post-COVID-Syndrom” oder “Long COVID”, und welche Symptome sind typisch? Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Erkenntnisse und gibt Einblicke in die potenziellen Langzeitfolgen einer SARS-CoV-2-Infektion.
Was ist ein Post-COVID-Syndrom?
In der Medizin bezeichnet ein “Syndrom” das gemeinsame Auftreten mehrerer Symptome, die auf eine gemeinsame Ursache zurückgeführt werden können. Ein Post-COVID-Syndrom würde demnach das Fortbestehen mehrerer Symptome nach Abklingen der akuten Krankheitsphase bedeuten, deren Ursache die ursprüngliche SARS-CoV-2-Infektion ist. Aktuell ist es jedoch in vielen Fällen noch zu früh für eine definitive Diagnose eines solchen Syndroms, da die Symptome laut Definition mindestens sechs Monate andauern müssten. Daher spricht man oft zunächst von postinfektiöser Fatigue.
Die Symptome können vielfältig sein und reichen von anhaltender Müdigkeit (Fatigue) über Atemnot (Dyspnoe) bis hin zu neuropsychologischen Beeinträchtigungen. Studien zeigen, dass ein signifikanter Anteil der an COVID-19 erkrankten Patienten auch nach der Genesung von diesen Langzeitfolgen betroffen ist, wobei die Prävalenz je nach Studiengruppe variiert.
Parallelen zu früheren viralen Erkrankungen
Die Erfahrungen mit früheren Viruspandemien, wie der SARS-Epidemie im Jahr 2003, liefern wichtige Anhaltspunkte. Nach der SARS-Pandemie berichteten zahlreiche Überlebende noch Monate und Jahre nach der Infektion über anhaltende gesundheitliche Probleme. Dazu zählten insbesondere Fatigue, Muskelschmerzen, Schwäche, Depressionen und Schlafstörungen, Symptome, die unter dem Begriff “chronisches Post-SARS-Syndrom” zusammengefasst wurden. Diese Beobachtungen legen nahe, dass auch COVID-19 zu ähnlichen langfristigen Beschwerden führen kann.
Fatigue als zentrales Symptom
Fatigue, eine ausgeprägte und oft lähmende Erschöpfung, ist eines der häufigsten und belastendsten Symptome nach einer COVID-19-Erkrankung. Die Ursachen für diese anhaltende Müdigkeit sind komplex und oft multifaktoriell. Mögliche Erklärungsansätze umfassen Veränderungen im Stoffwechsel und Hormonhaushalt, fehlgeleitete Entzündungsreaktionen des Immunsystems sowie Beeinträchtigungen der Hirnfunktion.
Studien deuten darauf hin, dass die Zellen von COVID-19-Patienten mit Fatigue Schwierigkeiten haben könnten, Energie effizient zu gewinnen, was zu einem Zustand des “Winterschlafs” im Körper führt. Eine verminderte Aktivität der Stresshormonachse kann ebenfalls zur Erschöpfung beitragen, indem sie Entzündungsreaktionen unzureichend dämpft und zu niedrigem Blutdruck führt.
Darüber hinaus spielen Entzündungsbotenstoffe, sogenannte Zytokine, eine Rolle. Bei postinfektiöser Fatigue können diese Botenstoffe, wie Interleukin-6 und -10, teilweise noch erhöht sein, selbst wenn die akute Infektion abgeklungen ist. Es wird vermutet, dass diese Zytokine die Blut-Hirn-Schranke passieren und autonome Dysfunktionen verursachen können, die sich in Schlafstörungen, kognitiven Defiziten und Antriebslosigkeit äußern.
Langfristige Organschäden und psychische Gesundheit
Neben Fatigue können auch schwerwiegende Organschäden nach einer COVID-19-Erkrankung auftreten. Thromboembolische Komplikationen, wie Lungenembolien oder Schlaganfälle, können zu dauerhaften Schäden führen. Selbst nach körperlicher Erholung sind Betroffene einem erhöhten Risiko für lang anhaltende psychische Gesundheitsprobleme ausgesetzt. Bei SARS wurde beobachtet, dass mehr als ein Drittel der Überlebenden ein Jahr nach körperlicher Genesung noch an moderaten bis schweren Depressionen und Angstzuständen litt.
Hyperinflammatorische Zustände und “Inflammaging”
Zustände, die mit einer überschießenden Entzündungsreaktion einhergehen, wie der sogenannte “Zytokinsturm” bei COVID-19 oder das Post-Intensivpflege-Syndrom (PICS), werfen Fragen nach möglichen Langzeitfolgen auf. Eine Hypothese besagt, dass ein Post-COVID-Syndrom mit einer chronischen subklinischen systemischen Entzündung, dem sogenannten “Inflammaging”, einhergehen könnte. Dieses Phänomen, das auch im natürlichen Alterungsprozess auftritt, kann bestehende Komorbiditäten verschlimmern und altersbedingte Probleme verstärken.
Die durch SARS-CoV-2 ausgelöste Entzündungsantwort kann zu Gewebeschäden führen. Hält diese Entzündung über lange Zeit an, kann dies zu zellulärer Seneszenz führen, was die Zellteilung hemmt und die Apoptose (programmierter Zelltod) erschwert.
Kognitive, psychologische und physische Einschränkungen
Ähnlich wie nach einem schweren akuten respiratorischen Distress-Syndrom (ARDS) können auch nach COVID-19 kognitive, psychologische und physische Einschränkungen sowie eine reduzierte Lebensqualität persistieren, selbst wenn sich Lungenfunktionswerte normalisiert haben. Das Post-Intensivpflege-Syndrom (PICS), das sich durch eben diese Beeinträchtigungen manifestiert, ist auch bei anderen kritisch kranken Patienten bekannt und bildet sich nicht immer vollständig zurück. Es ist daher denkbar, dass COVID-19-Infektionen ebenfalls Spuren hinterlassen können.
Lungenparenchymveränderungen
Auch strukturelle Veränderungen im Lungengewebe sind nach schweren viralen Pneumonien möglich. Bei SARS wurden noch Monate nach der Entlassung Einschränkungen der Diffusionskapazität und Auffälligkeiten im Röntgenbild festgestellt. Bei ARDS muss bei etwa 25 % der Überlebenden mit bleibenden Lungenschäden gerechnet werden.
Faktoren wie Alter, Vorerkrankungen, Rauchstatus, Dauer des Krankenhausaufenthalts und die Schwere der Erkrankung beeinflussen das Risiko für bleibende Lungenschäden. Radiologisch sichtbare Langzeitfolgen, wie Narbengewebe in der Lunge, müssen nicht zwangsläufig mit klinischen Symptomen einhergehen, können aber die Lungenfunktion beeinträchtigen.
Rehabilitationsprogramme als Schlüssel zur Genesung
Gezielte Rehabilitationsmaßnahmen können entscheidend zur vollständigen Genesung und zur Linderung eines Post-COVID-Syndroms beitragen. Diese Programme können sowohl direkt vor Ort als auch “remote” durchgeführt werden und sind effektiv. Neben pneumologischen Aspekten sollten Rehabilitationsprogramme auch extrapulmonale Manifestationen wie neurologische, muskuloskelettale und kardiovaskuläre Folgen berücksichtigen. Unabhängig vom Vorliegen eines Post-COVID-Syndroms sind alle Anstrengungen gerechtfertigt, die eine vollständige funktionelle Wiederherstellung und eine Rückkehr in ein Leben nach Corona ermöglichen.
Fazit für die Praxis
Bei kritisch kranken COVID-19-Patienten sind körperliche, kognitive und psychologische Folgen realistisch. Für eine definitive Diagnose eines Post-COVID-Syndroms ist es in den meisten Fällen noch zu früh; aktuell spricht man eher von postinfektiöser Fatigue. Es gibt jedoch ausreichend Hinweise auf die mögliche Existenz eines solchen Syndroms. Um eine vollständige funktionelle Wiederherstellung und eine Rückkehr in ein Leben nach Corona zu ermöglichen, sollten gezielte Rehabilitationsmaßnahmen in Erwägung gezogen werden.

