Mythos Bildung: Warum unser Schulsystem Ungleichheit schafft

Bildung in Deutschland: Ein kritischer Blick auf den Mythos der Chancengleichheit

Bildung gilt oft als Schlüssel zur sozialen Mobilität und als ultimatives Mittel zur Bekämpfung gesellschaftlicher Probleme. Doch was, wenn dieses Versprechen eine Illusion ist? Aladin El-Mafaalanis Buch “Mythos Bildung” rüttelt an diesem Glauben und legt schonungslos dar, wie das deutsche Bildungssystem trotz aller Reformen bestehende Ungleichheiten nicht nur fortbestehen lässt, sondern sie teilweise sogar verschärft. Als Lehrer an einem Gymnasium im Ruhrgebiet, selbst Sohn afghanischer Einwanderer, habe ich tagtäglich mit den Realitäten dieses Systems zu kämpfen und sehe, wie der Glaube an die Macht der Bildung für viele meiner Schülerinnen und Schüler zur Zerreißprobe wird.

Das Bildungssystem zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Der Titel von El-Mafaalanis Buch ist provokant: “Mythos Bildung”. Er argumentiert, dass Bildung oft als Lückenbüßer und Allheilmittel für gesellschaftliche Missstände missbraucht wird, was “völlig absurd” sei. Diese These stellt zunächst vieles in Frage, was mir als Pädagoge Hoffnung gibt: die Vorstellung, dass Bildung der Schlüssel zu einer besseren Zukunft für meine Schülerinnen und Schüler ist und letztlich die Gesellschaft positiv verändern kann. Doch gerade diese scheinbar naive Überzeugung ist es, die uns antreiben muss.

Trotzdem muss anerkannt werden, dass sich in Deutschland einiges bewegt hat. Massive Bildungsoffensiven haben ihre Spuren hinterlassen: Der Anteil derer, die die Hauptschule besuchen, ist von rund 70 Prozent im Jahr 1960 auf heute etwa zehn Prozent gesunken. Gleichzeitig hat sich der Anteil der Gymnasiasten von 16 auf über 40 Prozent erhöht. Die Durchschnittsbildung in der Bevölkerung ist gestiegen. Doch El-Mafaalani widerspricht entschieden der Annahme, dass dies zu mehr Gerechtigkeit geführt hat. Im Gegenteil: Ein System, das vorgibt, alle gleich zu fördern, begünstige paradoxerweise die Kinder aus privilegierten Verhältnissen, da ihr bereits vorhandener Vorsprung sich weiter vergrößert.

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Der persönliche Werdegang als Gegenbeweis?

Mein eigener Lebensweg scheint El-Mafaalanis These zu widerlegen. Als Kind von Einwanderern aus einem benachteiligten Viertel habe ich es zum Lehrer für Einwandererkinder im selben Viertel geschafft. Das Versprechen der Leistungsgesellschaft, dass Anstrengung sich auszahlt, hat für mich funktioniert. Doch El-Mafaalani bezeichnet Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit zu Recht als bloße Postulate – als immer wieder beschworene Ideale, die in der gesellschaftlichen Realität kaum Verankerung finden.

Bei genauerer Betrachtung greift seine Kritik auch in meinem Fall. Zwar war ich in vielerlei Hinsicht benachteiligt, doch meine Eltern, mein Vater Arzt und meine Mutter mit einem Schulabschluss ähnlich dem Abitur, legten stets großen Wert auf Bildung. Obwohl ich Deutsch als Zweitsprache lernte und mein Vater Erziehung mit Gewalt gleichsetzte, war es für uns Kinder selbstverständlich, ein Studium anzustreben. Meine Familie erkannte den Wert von Bildung und schuf die notwendigen Rahmenbedingungen – Zeit und Ruhe zum Lernen. El-Mafaalani betont, dass Armut und Bildungsferne Kindern weitaus mehr Nachteile bringen als ein Migrationshintergrund allein. Diese Erkenntnis bestätigt meine eigene Erfahrung: Das kulturelle Kapital, das meine Familie mitbrachte, war entscheidend.

Habitus: Das unsichtbare Band der Benachteiligung

El-Mafaalani identifiziert drei zentrale Ressourcen, die den schulischen Erfolg von Kindern maßgeblich beeinflussen: ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital. In meinem Fall mangelte es trotz des Aufwachsens in einem von Kriminalität geprägten Viertel und beengten Wohnverhältnissen nach der Trennung meiner Eltern an ökonomischem und sozialem Kapital. Das entscheidende Plus war jedoch das bereits erwähnte kulturelle Kapital.

Hier betritt El-Mafaalani den Kern seiner Analyse: den Habitus. Dieser, abgeleitet von Pierre Bourdieu, beschreibt eine tief verinnerlichte Grundhaltung, die unsere Wahrnehmung, unser Denken und Handeln prägt. Er entsteht aus dem Zusammenspiel von familiärem ökonomischem und kulturellem Hintergrund sowie der Ermutigung oder Entmutigung im Umfeld. Dieser Habitus vermittelt Sicherheit, ist aber schwer zu durchbrechen. Zwar bietet er Raum für Kreativität, doch seine Grenzen sind oft starr. Die Bedeutung des kulturellen Kapitals für den Bildungserfolg wird oft unterschätzt.

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Viele meiner Schülerinnen und Schüler stehen vor immensen Hürden. Sie sind oft die Ersten in ihrer Familie, die das Abitur anstreben oder ein Studium beginnen. Ihre Eltern, auch wenn sie die Bildungsziele ihrer Kinder unterstützen, können sie selten bei den Hausaufgaben helfen oder finanziell entlasten. Oft teilen sich mehrere Geschwister ein Zimmer, was konzentriertes Lernen unmöglich macht.

Sobald diese Jugendlichen die Oberstufe erreichen, sehen sie sich oft gezwungen, zum Familieneinkommen beizutragen. Ein Job in der Gastronomie, wie das Abwischen von Tischen in einem Fast-Food-Restaurant, fordert nicht nur enorm viel Zeit, sondern hinterlässt auch die Schüler erschöpft im Unterricht. El-Mafaalani bezeichnet sie treffend als “Insolvenzverwalter des Alltags”. Wie sollen sie langfristig planen, wenn sie aktuell dafür verantwortlich sind, die finanzielle Stabilität ihrer Familien zu sichern?

Politische Apathie als Produkt des Habitus?

Der Habitus erklärt auch die relative Apolitizität junger Menschen aus prekären Verhältnissen. Kürzlich besuchte ein engagierter Fridays-for-Future-Aktivist unsere Schule und predigte den Verzicht auf Fernreisen zur Rettung des Klimas. Er ahnte nicht, dass die meisten unserer Schüler ihre Ferien zu Hause verbringen oder sich Flugreisen schlichtweg nicht leisten können. Die Mahnung, auf etwas zu verzichten, das ohnehin unerreichbar ist, verfehlte ihre Wirkung. Dies erklärt auch, warum nur wenige meiner Schüler freitags auf die Straße gehen. Ihre Lebensrealität ist von anderen, drängenderen Sorgen bestimmt. Die Auseinandersetzung mit politischen Themen erscheint ihnen oft als Luxus, den sie sich nicht leisten können. Die Botschaft von Bildungsgerechtigkeit scheint hier oft ein ferner Traum zu bleiben, während der Fokus auf dem unmittelbaren Überleben liegt. Ein Beispiel hierfür ist das Konzept der politischen Bildung, das in solchen Kontexten oft schwer Anklang findet.

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Die Realität zeigt, dass das Bildungssystem trotz seines Fortschritts immer noch tiefgreifende Ungleichheiten produziert. El-Mafaalanis “Mythos Bildung” ist eine dringende Aufforderung, diese Muster zu erkennen und aktiv zu durchbrechen. Nur so kann Bildung ihr eigentliches Potenzial als Motor für soziale Gerechtigkeit entfalten. Es ist an der Zeit, den Glauben an den Mythos zu überwinden und die notwendigen strukturellen Veränderungen anzugehen.