Milchbildung anregen und aufrechterhalten: Ein Leitfaden für stillende Mütter

Die ersten Wochen mit einem Neugeborenen sind eine Zeit intensiver Veränderungen und neuer Erfahrungen. Für stillende Mütter stellt sich oft die Frage, ob die Milchproduktion ausreichend ist und wie sie diese am besten fördern können. Dieser Leitfaden bietet umfassende Informationen und praktische Tipps zur Milchbildung, basierend auf der Expertise von Apotheker Hartmut Kleis.

Die Bedeutung des frühen Stillens und der ersten Milchbildungstage

Unmittelbar nach der Geburt beginnt der angeborene Suchreflex des Säuglings, der ihn zur Brust führt. Ein frühes Anlegen ist entscheidend, um den Milchbildungsprozess zu initiieren und zu beschleunigen. In dieser sensiblen Phase sind Geduld und Ruhe für Mutter und Kind essenziell. Die Milchbildung wird in den ersten Tagen durch die Hormone Oxytocin und Prolaktin angeregt und entwickelt sich von der nährstoffreichen Vormilch (Kolostrum) zu einer Milchmenge von etwa 500 Millilitern. Hebammen empfehlen, das Neugeborene in den ersten 24 Stunden mindestens acht bis zwölf Mal anzulegen, gegebenenfalls auch im Schlaf zu wecken, um eine kontinuierliche Stimulation zu gewährleisten.

Von Kolostrum zur reiferen Muttermilch: Den Milchstau vermeiden

Das Kolostrum, auch als Biestmilch bekannt, ist in den ersten Tagen reich an Eiweiß und Antikörpern, die das Neugeborene vor Infektionen schützen. Nach etwa zwei bis fünf Tagen setzt der Milcheinschuss ein, der die Milchmenge deutlich erhöht und die Zusammensetzung der Milch verändert, indem sie mehr Fette und Kohlenhydrate enthält. In dieser Phase ist regelmäßiges Stillen wichtig, um die Brüste zu entleeren und so einem Milchstau vorzubeugen sowie die Milchmenge konstant zu halten. Nach etwa vier Wochen stabilisiert sich die Milchmenge auf rund 750 Milliliter pro Tag.

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Häufige Mythen: Kleine Brüste und Milchmenge

Die Größe der Brüste hat keinen Einfluss auf die produzierte Milchmenge, sofern keine medizinischen oder anatomischen Besonderheiten vorliegen. Die Körbchengröße ist somit kein Indikator für die Fähigkeit, ausreichend Muttermilch zu produzieren.

Wie viel Muttermilch ist genug? Signale des Babys deuten

Die ersten Wochen sind eine Herausforderung, doch Entspannung und Vertrauen in den eigenen Körper sind essenziell. Muttermilch ist optimal auf die Bedürfnisse des Babys abgestimmt und passt sich dessen Wachstum an. Stillen bietet auch Vorteile für die Mutter, wie die Rückbildung der Gebärmutter und ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, Eierstock- und Brustkrebs. Bei Unsicherheiten bezüglich der Milchmenge ist es ratsam, Rat bei einer Hebamme, Stillberaterin oder dem Kinderarzt zu suchen.

Anzeichen für eine ausreichende Milchbildung:

  • Aktives Baby: Das Baby wirkt in den Wachphasen vital und hat eine rosige Haut.
  • Zufriedenheit nach dem Stillen: Es ist nach dem Stillen für eine Weile ruhig und zufrieden.
  • Gewichtszunahme: Nach zwei Wochen hat das Baby sein Geburtsgewicht wieder erreicht und nimmt danach mindestens 20 Gramm pro Tag (140 Gramm pro Woche) zu.
  • Ausreichend Windeln: Regelmäßige Urinausscheidung (anfangs ein- bis zweimal, später fünf- bis sechsmal täglich) mit farb- und geruchlosem Urin, dessen Menge kontinuierlich zunimmt.
  • Stuhlentwicklung: Der Stuhl verändert sich von Mekonium über grünliche zu gelblichen, breiigen Konsistenzen.

Milchbildung fördern: Praktische Maßnahmen und Unterstützung

Um die Milchbildung zu fördern, sind folgende Punkte zentral:

  • Regelmäßiges Stillen nach Bedarf: Das Baby bestimmt den Rhythmus und die Dauer.
  • Beide Brüste anbieten: Die erste Brust sollte vollständig entleert werden.
  • Körperkontakt: Viel Haut-zu-Haut-Kontakt ist wichtig.
  • Saugverwirrung vermeiden: In der Anfangszeit auf Flaschenfütterung und Schnuller verzichten.
  • Zufüttern: Falls notwendig, mittels Fingerfeeding an der Brust.
  • Stillhütchen: Können das Saugen für das Baby erleichtern.
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Medizinische und anatomische Unterstützung

Manchmal können medizinische Probleme bei der Mutter wie Plazentareste, Schilddrüsenunterfunktion, Diabetes mellitus, Brustoperationen oder das Polyzystische Ovarialsyndrom die Milchbildung beeinträchtigen. In solchen Fällen kann unter ärztlicher Aufsicht eine medikamentöse Behandlung (z.B. mit Domperidon, Off-Label-Use in Deutschland) erwogen werden. Auch anatomische Besonderheiten im Kieferbereich des Babys oder gesundheitliche Probleme können das Stillen erschweren. Hier kann Pump-Stillen mit einer elektrischen Milchpumpe helfen, die Milchbildung aufrechtzuerhalten oder anzuregen. Milchpumpen sind frei verkäuflich, in Apotheken leihbar oder bei medizinischer Notwendigkeit auf Rezept erhältlich.

Hausmittel und Alternativen: Was ist ratsam?

Von Hausmitteln wie Alkohol zur Milchförderung ist dringend abzuraten, da Alkohol die Milchbildung hemmt und schädlich für das Baby ist. Stilltees, die meist Fenchel, Anis, Kümmel, Mariendistel oder Bockshornklee enthalten, können durch ihre wärmende und entspannende Wirkung sowie die Unterstützung der Verdauung eine sanfte Hilfe sein und den Flüssigkeitsbedarf decken. Ein Milchbildungsöl mit ätherischen Ölen kann die Durchblutung und den Stoffwechsel in der Brust fördern.

Brustwarzenpflege und Stillkomfort

Bei geröteten, rissigen oder wunden Brustwarzen sollte zunächst die Anlagetechnik von einer Fachperson überprüft werden. Wärme vor dem Stillen, Lufttrocknung danach und die Anwendung einer Brustwarzensalbe sind empfehlenswert. Kühlende Hydrogele, Brusthütchen und spezielle Stilleinlagen können Schmerzen lindern und Reibung verhindern. Ein Stillkissen erleichtert das Stillen, entlastet die Mutter und kann durch verschiedene Anlegetechniken indirekt die Milchbildung steigern.

Ob Stillkissen, Stilltee, Medikamente oder Milchpumpe – wir beraten Sie gerne zu allen Fragen rund um das Stillen. Sprechen Sie uns an!

Ihr Apotheker Hartmut Kleis