Michel Foucaults “Wahnsinn und Gesellschaft”: Eine neue Perspektive auf die Geschichte des Wahnsinns

Vor 50 Jahren veröffentlichte der französische Philosoph und Historiker Michel Foucault sein bahnbrechendes Werk “Wahnsinn und Gesellschaft – Eine Geschichte des Wahnsinns im Zeitalter der Vernunft”. Mit seiner These vom “eingesperrten Wahnsinn” revolutionierte Foucault das Verständnis von Psychopathologie und deren historische Entwicklung. Das Buch hinterfragt die traditionelle Geschichtsschreibung der Psychiatrie, die oft als reine Fortschrittsgeschichte erzählt wurde, und fordert eine kritische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen und machtpolitischen Kontexten, in denen psychiatrisches Wissen entstand.

Die traditionelle Sichtweise der Psychiatriegeschichte

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurde die Geschichte der Psychiatrie primär als eine Erfolgsgeschichte der wissenschaftlichen Erkenntnis und der humanitären Behandlung psychisch kranker Menschen dargestellt. Historiker wie Erwin Ackerknecht und Edward Shorter argumentierten, dass die Psychiatrie als eigenständige Wissenschaft erst im späten 18. Jahrhundert mit der Gründung erster Heil- und späterer Nervenanstalten ihren Anfang nahm. Diese “Fortschrittsgeschichte” sah eine kontinuierliche Entwicklung von primitiven Methoden hin zu einer wissenschaftlich fundierten, biologisch orientierten Psychiatrie des 20. und 21. Jahrhunderts. Unter dieser Einteilung wäre Foucault den “Revisionisten” zuzuordnen, die den vermeintlichen Fortschritt in der Behandlung psychisch Kranker in Frage stellen.

Foucaults radikaler Bruch mit der Tradition

Michel Foucault, der ursprünglich Psychologe war und sich intensiv mit Psychopathologie und experimenteller Psychologie beschäftigte, verfolgte mit “Wahnsinn und Gesellschaft” einen gänzlich anderen Ansatz. Anstatt die Entwicklung psychiatrischer Theorien und Methoden nachzuzeichnen, konzentrierte er sich auf den sozialen, moralischen und imaginären Kontext, in dem der Wahnsinn historisch betrachtet wurde und wird. Foucaults zentrale These ist, dass die Trennung von Vernunft und Wahnsinn keine natürliche Gegebenheit, sondern eine historische Konstruktion ist. Diese Trennung, die er als “die Geste, die den Wahnsinn abtrennt” beschreibt, brachte beide Konzepte gleichzeitig hervor und schuf ein Schweigen, in dem die Vernunft begann, über den Wahnsinn zu monologisieren.

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Die Archäologie des Schweigens

Foucaults Vorgehensweise beschreibt er selbst als “Archäologie des Schweigens”. Er untersuchte, wie in verschiedenen Epochen der europäischen Geschichte mit dem Phänomen des Wahnsinns umgegangen wurde. Seine Analyse beginnt im späten Mittelalter, wo Menschen mit psychischen Erkrankungen oft stigmatisiert, in Türme gesperrt oder als Teil des “Narrenschiffs” von Stadt zu Stadt transportiert wurden. Mit dem Zeitalter der Klassik, insbesondere ab dem 17. Jahrhundert, setzte eine systematische Internierung ein. Das Pariser Hôpital général, gegründet 1656, diente als Sammelstelle für verschiedenste Randgruppen, darunter auch psychisch Kranke, Arbeitsunwillige und Kriminelle. Diese “große Einsperrung” war für Foucault ein entscheidender Schritt in der Ausgrenzung und Unterdrückung des Wahnsinns.

Die moderne Geschichte der Psychiatrie beginnt üblicherweise mit der „Befreiung“ der Wahnsinnigen in den Pariser Krankenhäusern Bicêtre und Salpêtrière durch den Arzt Philippe Pinel. Foto: picture alliance

Die von der traditionellen Geschichtsschreibung gefeierte “Befreiung der Wahnsinnigen” durch Ärzte wie Philippe Pinel im späten 18. Jahrhundert interpretiert Foucault kritisch. Er sieht darin keine Befreiung, sondern lediglich eine Umformung der Repression. Die Einführung psychiatrischer Klassifikationen und das “moral treatment” seien neue Formen der Kontrolle und Unterwerfung gewesen, die das Subjekt der Psyche erst schufen. Für Foucault ist der Wahnsinn nicht primär eine Krankheit, sondern eine kontingente Erfahrung, die im Verhältnis zur Vernunft steht. Er betont, dass der Wahnsinn seine eigene, wenn auch unkonventionelle, Wahrheit besitzt, die sich aus der “Bosheit im Naturzustand” speist und der menschlichen Freiheit erst Sinn verleiht.

Die Rezeption und Wirkung von Foucaults Werk

Bei seinem Erscheinen wurde “Wahnsinn und Gesellschaft” vor allem im akademischen Milieu rezipiert und für seine bemerkenswerte Gelehrsamkeit gelobt. Später spaltete das Buch die Gemüter: Liberale Mediziner zeigten sich interessiert, während konservative Kreise es ablehnten. Für die Vertreter der Antipsychiatrie-Bewegung lieferte Foucaults Analyse eine wichtige Grundlage für ihren Protest gegen die Praktiken psychiatrischer Institutionen. Obwohl Historiker Foucaults These von der “großen Einsperrung” im 17. Jahrhundert mehrheitlich ablehnen, hat seine Idee vom “eingesperrten Wahnsinn” das Geschichtsverständnis nachhaltig verändert. Sie fordert eine kritische Untersuchung psychiatrischen Wissens und seiner “Machteffekte”, anstatt dessen vermeintliche Humanität und Fortschritt blind zu akzeptieren. Foucaults Werk ermutigt uns, hinter die etablierten Diskurse zu blicken und die historischen Bedingungen zu hinterfragen, die unser heutiges Verständnis von Vernunft und Wahnsinn geprägt haben.

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