Die bevorstehende Fußball-Weltmeisterschaft 2026 wirft lange Schatten voraus, denn in unmittelbarer Nähe eines der geplanten Austragungsorte in Zapopan, Jalisco, wurden in den letzten Monaten erschütternde Funde gemacht. Mehr als 500 Müllsäcke mit menschlichen Überresten haben Kollektive rund um das Akron-Stadion entdeckt, was die ohnehin schon angespannte Situation in Bezug auf Gewalt und das Verschwinden von Personen in Mexiko weiter verschärft. Diese Entdeckungen werfen ein dunkles Licht auf die Austragungsorte und die Realität der Menschen vor Ort.
Ein Bundesstaat im Griff der Gewalt
Jalisco gehört zu den Bundesstaaten mit der höchsten Rate an vermissten Personen in Mexiko. Laut dem Nationalen Register werden dort 16.041 Menschen vermisst. Jaime Aguilar von den “Guerreros Buscadores de Jalisco” (GBJ), einer Organisation, die sich der Suche nach vermissten Angehörigen widmet, beschreibt die Situation treffend: “In Jalisco lassen sie die Verschwundenen verschwinden. Da sie nicht wollen, dass etwas bekannt wird, versuchen sie, alle Spuren der Vermissten zu beseitigen.” Allein in der Hauptstadt Guadalajara gibt es über 20 ähnliche Gruppierungen, die im Verborgenen nach Antworten suchen.
Die Funde konzentrieren sich insbesondere auf die Umgebung des Stadtteils Las Agujas, wo laut José Raúl Servín García, ebenfalls Mitglied von GBJ, allein 290 Säcke entdeckt wurden. Diese wurden von Arbeitern einer Baufirma während der Errichtung einer neuen Wohnsiedlung gefunden. Weitere Kollektive berichten von der Entdeckung eines geheimen Friedhofs in der Nähe des Stadions mit rund 300 Körpern sowie von Überresten in angrenzenden Gebieten wie Tlaquepaque, Arroyo Hondo und Nextipac.
Verborgene Gräber und erschreckende Methoden
Ein Großteil der aufgefundenen Überreste ist bisher nicht identifiziert. “Die Überreste umfassen vollständige Leichen, zerstückelte Leichen und Skelette”, erklärt García. Die erschreckende Realität ist, dass die meisten Säcke zerstückelte Körperteile enthielten. Aguilar erläutert, dass das Verpacken der Überreste in Säcken eine neuere Taktik krimineller Gruppen darstellt, um das Verschwinden von Menschen zu verschleiern. In einigen Fällen stießen die Suchteams bei Ausgrabungen zunächst auf Tierkadaver, was als bewusst eingesetztes Ablenkungsmanöver interpretiert wird.
Die Unterstützung durch die “Madres Buscadoras de Sonora” vor vier Jahren markierte einen Wendepunkt für die lokalen Suchorganisationen. Sie zeigten, wie effektiv im Gelände gesucht und Gräber ausgehoben werden können. Seitdem wurden zahlreiche Leichen in verlassenen Häusern, Garagen, Höfen und sogar Badezimmern entdeckt, insbesondere in vernachlässigten Gebieten, die von schneller und unkontrollierter Bautätigkeit betroffen sind.
Kritik an staatlichen Institutionen und die WM 2026
Suchorganisationen üben scharfe Kritik an der mangelnden Transparenz und Unterstützung seitens staatlicher Institutionen. Die Behörden werden beschuldigt, undurchsichtig bei der Bearbeitung der Gräber und der Identifizierung der Toten vorzugehen und nur unzureichend mit den Angehörigen zu kommunizieren. Es gibt zudem Spekulationen über mögliche Verbindungen zwischen Staatsbediensteten und organisierten kriminellen Gruppen, die auch das Institut für Forensik von Jalisco unter Druck setzen sollen.
Die jüngsten Funde sind leider kein Einzelfall. Zwischen November 2024 und Januar 2025 wurden mindestens 100 Säcke mit Überresten in einem geheimen Grab in Lomas del Refugio entdeckt, rund 19 Kilometer vom Stadion entfernt. Im März 2025 stieß die GBJ nach einem anonymen Hinweis auf versteckte Krematorien auf der Ranch Izaguirre, die vom Kartell Jalisco Nueva Generación (CJNG) als Trainingszentrum genutzt worden sein soll. García beklagt, dass die Behörden sogar Vermisstenanzeigen entfernen, um das Ausmaß der Krise vor den erwarteten Besuchern der Weltmeisterschaft zu verbergen.
Die bevorstehende WM erhöht die politische Brisanz der jüngsten Entdeckungen. Die Behörden investieren massiv in Infrastruktur- und städtebauliche Aufwertungsmaßnahmen in Guadalajara, was von Aktivisten als “Gentrifizierung” und “Verschönerung der Stadt” kritisiert wird. Sie werfen der Regierung von Jalisco vor, die Arbeiten an den Gräbern zu überstürzen, um vor der Weltmeisterschaft “Ordnung zu schaffen”. Auch die Bundesregierung unter Präsidentin Claudia Sheinbaum sei ihrem Versprechen weiterer Gespräche bisher nicht nachgekommen. Die WM 2026 steht somit unter dem dunklen Stern der verborgenen Gräber und der Suche nach Gerechtigkeit in einem von Gewalt geplagten Land.

