Die Unvermeidliche Spezifität von Städten: Ein Gespräch mit Jacques Herzog

Einführung

In einer globalisierten Welt, in der sich Städte scheinbar immer ähnlicher werden, betont der renommierte Schweizer Architekt Jacques Herzog die einzigartige Identität jedes städtischen Raumes. In einem tiefgehenden Gespräch beleuchtet er die Faktoren, die zur “Spezifität” von Städten beitragen, die Rolle der Architektur bei der Gestaltung des Lebens und die Herausforderungen des Städtebaus in der modernen Schweiz. Herzog, Mitbegründer des Büros Herzog & de Meuron, teilt seine Einsichten zu Themen wie Urbanisierung, kulturelle Identität und die Notwendigkeit einer ständigen Weiterentwicklung städtischer Gebiete. Seine Perspektive bietet einen faszinierenden Einblick in die Denkweise eines Architekten, der die gebaute Umwelt als lebendiges System betrachtet, das sich ständig wandelt und weiterentwickelt.

Die Dualität der Stadtgestaltung: Funktionalität und Identität

Jacques Herzog beginnt das Gespräch mit einer Reflexion über zwei seiner Projekte für Prada in Tokio: Ein kristallartiges Gebäude und eine geheimnisvolle Stahlkiste. Diese Bauten, so Herzog, verleihen einer unscheinbaren Straße Identität und zeigen, wie Architektur über die reine Funktionalität hinausgehen kann, um einen Ort zu definieren. Er kritisiert die Konventionellen Weltausstellungen als “Geld- und Ressourcenverschwendung”, bei denen es mehr um protzige Pavillons als um Inhalte geht. Die Eiffel-Turm und der Kristallpalast seien Ausnahmen, die technische Errungenschaften darstellten. Bei der Mailänder Expo 2015 sei der Fokus auf Inhalte und Nachhaltigkeit gelegt worden, mit dem Ziel, eine “Gartenstadt” für die Lebensmittelproduktion zu schaffen.

Herzog betont, dass die Individualisierung von Nationalpavillons die Idee eines globalen Austauschs untergrabe. Er argumentiert, dass es keinen “nationalen Designstil” gibt, der eine “nationale Identität” ausdrücken kann, und dass solche Versuche in der heutigen globalisierten Welt zum Scheitern verurteilt seien. Stattdessen schlägt er standardisierte Pavillons vor, die eine flexible Nutzung ermöglichen. Die individualisierten Pavillons, so bedauert er, hätten die ursprüngliche Idee der Expo untergraben.

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Schweizer Urbanismus: Zwischen Selbstbehauptung und Nachbarschaft

Ein zentrales Thema des Gesprächs ist die Haltung der Schweiz zur Urbanität. Herzog stellt fest, dass die Schweiz trotz ihrer fortschreitenden Urbanisierung keine Metropolen im klassischen Sinne habe und wahrscheinlich auch nie haben werde. Er beschreibt die Schweizer als ein Volk, das seinen Nachbarn gegenüber eine gewisse Distanz wahrt, was sich in ihrer Tendenz äußert, sich abzugrenzen und nichts zu überstürzen. Dies spiegele sich auch in der politischen Haltung wider, die oft von einem tiefen Wunsch nach Freiheit geprägt sei.

Im Gegensatz dazu basiere das Wesen einer Stadt auf der Pflege von Kontakten, dem Überbrücken von Gräben und dem Suchen der öffentlichen Arena. Laut dem französischen Soziologen Henri Lefebvre entsteht Urbanität durch das Zusammentreffen und den produktiven Austausch von Unterschieden. Dies erfordere Dichte und eine gewisse Masse, beides Elemente, die in der Schweiz auf erheblichen Widerstand stoßen. Die Verabschiedung von Bebauungsplänen zur Erhöhung der Dichte oder zur Genehmigung höherer Gebäude sei in der Schweiz ein Tabu.

Der Architekt als Gestalter einer lebenswerten Zukunft

Herzog räumt ein, dass eine Zunahme der städtischen Dichte auch Verdrängung bedeuten könne, da Städtebau oft auf Kosten der weniger Wohlhabenden erfolge. Er betont jedoch, dass sozialer Ausgleich die Stärke der Schweiz sei und dass Raum und Wohnraum für alle Gesellschaftsschichten benötigt würden. Die Architekten und Stadtplaner müssten attraktive Wohnmöglichkeiten schaffen, um Ghettos für Arme und Reiche zu verhindern. Er kritisiert, dass politische Extreme die Entwicklung solcher Projekte blockierten.

Angesichts des schwindenden politischen Zeitrahmens und der steigenden Erwartungen an Architekten und Planer äußert Herzog die Sorge, dass die Schweiz keine klaren Leitlinien für die Zukunft biete. Er betont, dass man eine Stadt nicht einfach bewahren könne, ohne sie zu verändern, da sie sonst sterben würde. Dieser Prozess sei für die Bewohner schwer zu verstehen, obwohl verschiedene Modelle der Bürgerbeteiligung bereits umgesetzt seien.

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Er erinnert sich an seine Kindheit und die Bewunderung für moderne Architektur, wie die der Schule für angewandte Kunst in Basel in den 1960er Jahren. Heute sei die Haltung kritischer und skeptischer, was angesichts der “Hässlichkeit”, die die Schweiz seit den Sechzigern überschwemmt habe, verständlich sei. Er warnt jedoch davor, dass mangelnde Freude, Begeisterung und die Bereitschaft, Neues willkommen zu heißen, die Planung in der Schweiz lähmen und zu einem “freudlosen, technokratischen Gezänk” führen könnten.

Strategie statt Stil: Die Essenz der Architektur bei Herzog & de Meuron

Herzog lehnt die Idee eines “typischen Stils” oder einer erkennbaren “Handschrift” ab. Er und Pierre de Meuron seien stets experimentierfreudig gewesen und hätten sich nie einer bestimmten Ästhetik verpflichtet gefühlt. Für sie stehe die Neugier und die Freude am Ausprobieren im Vordergrund. Sie möchten keine ikonischen Gebäude schaffen, die sofort als “Herzog & de Meuron” erkennbar seien, sondern Gebäude, die sich in den neuen, spezifischen Ort einfügen und dessen Identität prägen.

Sie sehen Architektur als einen Versuch, das Leben angenehmer zu gestalten. Ohne Gebäude müssten wir im Freien leben, schutzlos vor Wind und Wetter. Seit die Menschen sesshaft geworden seien, versuchten sie, etwas Dauerhaftes zu schaffen, das sie nicht nur nutzen, sondern auch genießen können. Das grundlegendste Element der Architektur sei die Mauer, die Innen und Außen definiere und “Deins und Meins” trenne. Ohne Mauern gäbe es keine Menschliche Zivilisation.

Die Praxis von Herzog & de Meuron sei von einer “Strategie” geprägt, die auf präziser Beobachtung ohne vorgefasste Meinungen und Annahmen basiere. Sie betrachten Architektur als eine künstliche Topografie, in der sich Menschen wohlfühlen. Bei großen, öffentlichen und sichtbaren Projekten in verschiedenen Gesellschaften weltweit sei entscheidend, dass diese Projekte gut funktionierten und von der Bevölkerung angenommen würden. Sie seien nicht “ihre” Gebäude, sondern müssten ohne sie funktionieren.

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Als Beispiel für “permanente Veränderung” nennt Herzog die Tate Modern in London. Das Gebäude habe einen neuen öffentlichen Raum geschaffen und sei zu einem Treffpunkt für ganz London geworden, der jährlich 5 Millionen Besucher anziehe. Die Erweiterung des städtischen Lebens durch Architektur sei von entscheidender Bedeutung, damit Gebäude überleben und von bleibender Bedeutung sein könnten. Die Integration in das soziale Leben einer Stadt sei der Schlüssel zum Erfolg.

Schlussfolgerung

Jacques Herzogs Perspektive auf Architektur und Städtebau unterstreicht die Notwendigkeit, die Einzigartigkeit jedes Ortes zu erkennen und zu fördern. Seine Betonung von präziser Beobachtung, strategischer Planung und der Vermeidung eines starren Stils zeigt einen innovativen Ansatz, der die gebaute Umwelt als dynamisches System betrachtet. Die fortwährende Auseinandersetzung mit den spezifischen Gegebenheiten eines Ortes und die Bereitschaft zur Veränderung sind unerlässlich, um Städte zu schaffen, die nicht nur funktional, sondern auch lebendig und identitätsstiftend sind. Die Architekten stehen vor der Herausforderung, Räume zu gestalten, die den Menschen dienen und gleichzeitig die Verbindung zur Welt im Großen aufrechterhalten.

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