Adipositas-Medikamente: Ein umfassender Ratgeber

Adipositas, oder krankhaftes Übergewicht, ist ein komplexes Gesundheitsproblem, das zunehmend im Fokus der öffentlichen und medizinischen Aufmerksamkeit steht. Insbesondere die Entwicklung und Verfügbarkeit neuer Medikamente zur Gewichtsreduktion hat in den letzten Monaten zu einer Welle von Fragen und Diskussionen geführt. Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) hat es sich zur Aufgabe gemacht, Klarheit in diese Thematik zu bringen und häufig gestellte Fragen umfassend zu beantworten. Dieser Ratgeber beleuchtet die Rolle von Medikamenten in der Adipositas-Behandlung, stellt die aktuell verfügbaren und in Entwicklung befindlichen Wirkstoffe vor und erklärt deren Wirkungsweise, erwartete Effekte sowie potenzielle Nebenwirkungen. Ziel ist es, Betroffenen und Interessierten eine fundierte Informationsgrundlage zu bieten und die oft einseitige mediale Darstellung zu ergänzen. Die Bedeutung einer ärztlichen Begleitung und die Abgrenzung von Lifestyle-Produkten wird dabei ebenso thematisiert wie die Frage nach den Kosten und der Kostenübernahme durch Krankenkassen.

Die Rolle von Medikamenten in der Adipositas-Behandlung

Die Basistherapie bildet nach wie vor das Fundament jeder Behandlung von starkem Übergewicht und Adipositas. Sie umfasst entscheidende Interventionen wie Anpassungen der Ernährung, Steigerung der körperlichen Aktivität und verhaltensbezogene Veränderungen. Erst wenn diese Basistherapie nicht zu einer ausreichenden Gewichtsreduktion führt, kommen begleitende medikamentöse Therapien ins Spiel, um die Gewichtsabnahme zu unterstützen. Lange Zeit war die medikamentöse Behandlung von Adipositas durch einen Mangel an hochwirksamen Medikamenten mit einem günstigen Risiko-Nutzen-Profil eingeschränkt. Dies ändert sich jedoch grundlegend mit der Einführung moderner Wirkstoffe, insbesondere aus der Gruppe der Inkretin-Mimetika, die ursprünglich aus der Diabetestherapie stammen. Diese neuen Substanzen eröffnen vielversprechende Perspektiven für eine effektivere Behandlung.

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Aktuell zugelassene Medikamente und ihre Unterschiede

In Deutschland sind derzeit die verschreibungspflichtigen Medikamente Orlistat und Liraglutid 3,0 mg zur Unterstützung der Gewichtsreduktion zugelassen. Ein weiterer wichtiger Wirkstoff, Semaglutid 2,4 mg, wird ebenfalls noch in diesem Jahr auf den Markt kommen und ist bereits seit Januar 2022 EU-weit für die Behandlung von Adipositas zugelassen. Ältere Mittel, die Amphetamin enthielten wie Amfepramon, sind aufgrund von Sicherheitsbedenken nicht mehr verfügbar und gelten als nicht mehr zeitgemäß. Aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht wird Semaglutid 2,4 mg aktuell als erste Wahl mit dem besten Risiko-Nutzen-Profil angesehen. Darüber hinaus befindet sich Tirzepatid, ein weiterer Wirkstoff, in fortgeschrittener Entwicklung. Erste Studien deuten darauf hin, dass Tirzepatid möglicherweise eine noch stärkere Gewichtsreduktion erzielen könnte als bisherige Medikamente. Derzeit ist Tirzepatid in der EU jedoch nur für Typ-2-Diabetes zugelassen und in Deutschland noch nicht verfügbar. Sollte eine Zulassung für Adipositas erfolgen, werden entsprechende Informationen ergänzt.

Orlistat: Wirkungsweise und Effektivität

Orlistat, das bereits 1998 zur Adipositas-Therapie in Deutschland zugelassen wurde, wirkt, indem es die Lipasen im Magen und oberen Dünndarm hemmt. Dies verhindert, dass Triglyceride in Fettsäuren und Monoglyzeride aufgespalten werden können, was zu einer reduzierten Fettaufnahme und einem Kalorienverlust über den Stuhl führt. Die empfohlene Dosierung liegt bei dreimal täglich 60 bis 120 mg zu den Mahlzeiten, eine höhere Dosis bringt keinen zusätzlichen Effekt. Die durchschnittliche Gewichtsreduktion in klinischen Studien beträgt nach einem Jahr etwa 4 Kilogramm. Unerwünschte Wirkungen manifestieren sich hauptsächlich im Magen-Darm-Trakt, wie zum Beispiel Fettstühle, Bauchschmerzen, Blähungen und häufiger Stuhldrang. Diese Nebenwirkungen führen nicht selten dazu, dass Patienten die Therapie abbrechen.

Liraglutid: Ein GLP-1-Rezeptor-Agonist

Liraglutid, ein sogenannter GLP-1-Rezeptor-Agonist, ist seit 2015 für die Behandlung von Adipositas zugelassen, entweder ab einem BMI von 27 kg/m² mit Begleiterkrankungen oder ab einem BMI von 30 kg/m² ohne Begleiterkrankungen. Neben der blutzuckersenkenden Wirkung besitzt Liraglutid auch einen gewichtsreduzierenden Effekt, der primär auf einer zentralnervösen Wirkung beruht. Es reduziert Hunger und Appetit, was zu einer geringeren Nahrungsaufnahme führt. Bei Typ-2-Diabetes-Patienten konnte zudem eine signifikante kardiovaskuläre Risikoreduktion nachgewiesen werden. Die empfohlene Dosis zur Gewichtsreduktion beträgt 3 mg subkutan einmal täglich, wobei die Therapie schrittweise mit 0,6 mg beginnt und im 4-Wochen-Rhythmus gesteigert wird. Nach 56-wöchiger Behandlung mit 3 mg täglich wurde eine durchschnittliche Gewichtsabnahme von etwa 8 Prozent des Ausgangsgewichts erreicht, die nach etwa einem Jahr ein Plateau erreicht. Zu den häufigsten unerwünschten Wirkungen zählen gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit und Bauchschmerzen, die meist zu Beginn der Therapie auftreten. Schwerwiegende Ereignisse wie eine akute Pankreatitis sind selten.

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Semaglutid: Der aktuelle Hoffnungsträger

Semaglutid gehört ebenfalls zur Gruppe der Inkretin-Mimetika und wirkt als GLP-1-Rezeptor-Agonist. Als Nachbildung eines Darmhormons verstärkt es das Sättigungsgefühl, senkt das Hungergefühl und verlangsamt die Magenentleerung, was die Gewichtsabnahme unterstützt. Die Verabreichung erfolgt wöchentlich mittels einer subkutanen Injektion. Semaglutid 2,4 mg ist für Patient:innen mit einem BMI ≥ 30 kg/m² oder einem BMI von ≥ 27 kg/m² mit mindestens einer gewichtsassoziierten Begleiterkrankung zugelassen. In Kombination mit einer Basistherapie zeigte sich in Zulassungsstudien bei nicht-diabetischen Adipositas-Patient:innen nach einem Jahr eine durchschnittliche Gewichtsreduktion von etwa 15 Prozent des Ausgangsgewichts. Dies übertrifft die Effekte älterer Wirkstoffe wie Orlistat oder Liraglutid deutlich und erklärt das große Interesse an Semaglutid.

Nebenwirkungen und Verträglichkeit von Semaglutid

Semaglutid gilt insgesamt als relativ gut verträglich, vorausgesetzt, die Dosis wird langsam gesteigert. Die häufigsten Nebenwirkungen sind gastrointestinaler Natur, wie Übelkeit, Erbrechen, Verstopfung und Durchfall, oft begleitet von Kopfschmerzen. In der Zulassungsstudie brachen etwa 7 Prozent der Patient:innen die Behandlung aufgrund von Nebenwirkungen ab, verglichen mit 3 Prozent unter Placebo. Daten zur kardiovaskulären Sicherheit bei Adipositas-Patient:innen stehen noch aus, obwohl positive Einflüsse auf Risikofaktoren bereits gezeigt wurden. Bei Typ-2-Diabetes-Patient:innen ist das günstige Nutzen-Risiko-Profil durch Endpunkt-Daten belegt. Eine neue Studie deutet jedoch auf ein möglicherweise erhöhtes Risiko für Schilddrüsenkrebs bei der Behandlung mit GLP-1-Medikamenten hin, was die EMA derzeit prüft.

Für wen sind die Medikamente geeignet?

Die modernen Adipositas-Medikamente sind keine leichtfertig einzusetzenden “Abnehm-Spritzen” für die Allgemeinbevölkerung, sondern verschreibungspflichtige Arzneimittel zur ergänzenden Behandlung von krankhaftem Übergewicht und Adipositas. Trotz der guten Verträglichkeit von Semaglutid muss eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen. Die Anwendung muss unter ärztlicher Kontrolle stehen und darf nicht ohne Vorliegen einer entsprechenden Indikation als Lifestyle-Mittel missbraucht werden.

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Dauer der Einnahme und Kostenübernahme

Aktuelle Daten deuten darauf hin, dass nach Absetzen von Semaglutid eine signifikante Gewichtszunahme erfolgen kann, was für viele Betroffene eine dauerhafte Einnahme zur Gewichtserhaltung notwendig macht. Intervalltherapien sind denkbar, hierfür fehlen jedoch noch wissenschaftliche Daten. Die Kosten für eine Behandlung mit Semaglutid in Deutschland sind noch unklar, dürften aber von den Betroffenen in der Regel selbst getragen werden müssen. Das deutsche Sozialgesetzbuch schließt Arzneimittel zur “Regulierung des Körpergewichts” und “Appetitzügelung” von der Kostenerstattung durch gesetzliche Krankenkassen aus. Eine Änderung dieser Regelung ist derzeit nicht absehbar.

Die Auseinandersetzung mit Adipositas und deren Behandlungsmöglichkeiten ist komplex. Medikamente wie Semaglutid stellen zwar eine bedeutende Weiterentwicklung dar, ersetzen jedoch nicht die Notwendigkeit einer umfassenden Basistherapie und einer engmaschigen ärztlichen Betreuung. Der verantwortungsvolle Umgang mit diesen potenten Wirkstoffen sowie eine transparente Aufklärung über ihre Indikationen, Wirkungen und Grenzen sind entscheidend für den Therapieerfolg und die Gesundheit der Patientinnen und Patienten.