Die Frage nach der Art des Markthandels ist durch jüngste Skandale in der Geschäftswelt, die die Medien hervorgehoben haben, aktueller denn je geworden. Die heutige Situation wirft Fragen nach dem Handel in früheren Gesellschaften auf. Gab es beispielsweise in der Wikingerzeit Markthandel? Wenn ja, wie wurde Markthandel in dieser Gesellschaft wahrgenommen und gehandhabt? Die Rolle des Handels für die Gesellschaft der Wikingerzeit in den nordischen Ländern ist ein Bereich, der Archäologen und Historiker seit langem beschäftigt. Im Laufe der Jahre haben sich zwei stark polarisierte Bilder entwickelt. Dies zeigt sich nicht zuletzt in der Forschung über Birka, wo der Warenaustausch oft nach einer von zwei Schablonen beschrieben wird. Die eine besagt, dass in Birka nur freier, marktgerichteter Handel betrieben wurde, während die andere behauptet, Birka sei ein Zentrum für verwalteten und von der königlichen Macht kontrollierten Handel gewesen und es seien keine Marktprinzipien angewendet worden. Die Dissertation untersucht, wie diese polarisierten Bilder entstanden sind, und präsentiert eine nuanciertere Alternative zu beiden Darstellungen. Darüber hinaus werden die Art und Praxis des Markthandels in der Wikingerzeit, die Akteure des Handels und wie Objekte auf verschiedene Weise genutzt wurden, um Vertrauen zwischen den Akteuren im Marktumfeld zu schaffen, diskutiert. Das archäologische Material, das die Grundlage für die Diskussionen über die Art und Praxis kommerzieller Transaktionen bildet, besteht hauptsächlich aus den normierten und standardisierten Gewichten in Form von Kugeln mit flachen Polen und Kubooktaedern, die im Ostseeraum und entlang der russischen Flüsse im 8. und 9. Jahrhundert auftraten. Weiteres analysiertes Material sind die Objektgruppen, die in der Wikingerzeit mit kubooktaedrischen und gewichtähnlichen Ornamenten versehen wurden. Dazu gehören einerseits Gegenstände mit Bezug zum Wiegen und Messen, andererseits Schmuckstücke, darunter Scharnierfibeln. Letztere können die Identität und Gruppenzugehörigkeit signalisiert und Botschaften darüber getragen haben. Scharnierfibeln mit gewichtähnlichen Knäufen bilden daher den Ausgangspunkt für Diskussionen über die Akteure des Handels und das Vorhandensein sozialer Beziehungen im Marktumfeld.
Handel und Vertrauen in der Wikingerzeit
Die Wikingerzeit, eine Periode, die grob vom späten 8. bis zum späten 11. Jahrhundert datiert wird, war eine Zeit bedeutender sozialer und wirtschaftlicher Umwälzungen in Nordeuropa. Handel spielte eine entscheidende Rolle in dieser Gesellschaft und prägte nicht nur die wirtschaftlichen Beziehungen, sondern auch die sozialen Strukturen und die kulturelle Entwicklung. Die Untersuchung des Handels während dieser Periode ist jedoch komplex, da die verfügbaren archäologischen und historischen Quellen oft Interpretationsspielraum lassen.
Birka: Ein Zentrum des Handels und der Debatte
Besonders die Handelsmetropole Birka auf der Insel Björkö im Mälaren, Schweden, ist ein Brennpunkt der archäologischen Forschung und wissenschaftlichen Debatte. Hier wurden zwei gegensätzliche Ansichten über die Natur des Handels in der Wikingerzeit formuliert:
- Freier Markthandel: Diese Perspektive beschreibt Birka als einen Ort, an dem frei und marktgerichtet gehandelt wurde, wobei Angebot und Nachfrage die Preise bestimmten.
- Administrierter Handel: Die entgegengesetzte Ansicht postuliert, dass Birka ein Zentrum für einen von der königlichen Macht kontrollierten Handel war, bei dem keine marktüblichen Prinzipien galten.
Diese Arbeit zielt darauf ab, eine differenziertere Sichtweise zu entwickeln, die über diese polaren Gegensätze hinausgeht und die Komplexität des wikingerzeitlichen Handels beleuchtet.
Die Rolle von Gewichten und Schmuckstücken
Ein Schlüssel zur Untersuchung der Handelsmechanismen in der Wikingerzeit liegt in der Analyse von Handelsartefakten. Insbesondere normierte Gewichte und bestimmte Schmuckstücke geben Aufschluss über die Praktiken und die zugrundeliegenden sozialen Beziehungen.
Normierte Gewichte als Indikatoren für Handelspraktiken
Die im Ostseeraum und entlang der russischen Flüsse verbreiteten normierten Gewichte – Kugeln mit flachen Polen und Kubooktaeder – deuten auf standardisierte Mess- und Wiegesysteme hin. Ihre Verbreitung über große geografische Gebiete hinweg legt nahe, dass es etablierte Handelsrouten und -normen gab, die den Austausch über verschiedene Gemeinschaften hinweg ermöglichten. Diese Gewichte waren nicht nur Werkzeuge, sondern auch Symbole für Ordnung und Zuverlässigkeit im Handel.
Scharnierfibeln: Mehr als nur Schmuck
Die Analyse von Schmuckstücken, insbesondere von Scharnierfibeln mit gewichtähnlichen Verzierungen, eröffnet weitere Einblicke. Diese Objekte trugen wahrscheinlich Botschaften über Identität und Gruppenzugehörigkeit. Sie könnten von Händlern getragen worden sein, um Vertrauen und eine gemeinsame Identität zu signalisieren, was für den Aufbau von Geschäftsbeziehungen in einer oft von persönlichen Kontakten geprägten Handelswelt unerlässlich war. Die gewichtähnlichen Ornamente auf diesen Fibeln könnten eine symbolische Verbindung zum Handel und zur Messung herstellen, und somit den Träger als vertrauenswürdigen Handelspartner ausweisen.
Vertrauen als Währung im Wikingerhandel
In einer Zeit, in der formelle Verträge und staatliche Regulierung des Handels begrenzt waren, spielte Vertrauen eine zentrale Rolle. Die Art und Weise, wie Objekte wie Gewichte und Schmuckstücke gestaltet und verwendet wurden, trug dazu bei, dieses Vertrauen zu etablieren und zu pflegen.
Soziale Beziehungen im Marktumfeld
Der Handel war nicht nur eine wirtschaftliche Transaktion, sondern oft auch ein soziales Ereignis. Die Beziehungen zwischen Händlern basierten auf gegenseitigem Vertrauen, das durch wiederholte Interaktionen und symbolische Gesten aufgebaut wurde. Die Analyse von Artefakten, die mit dem Handel in Verbindung stehen, hilft uns zu verstehen, wie diese sozialen Beziehungen gestaltet und aufrechterhalten wurden.
Ein nuancierter Blick auf den Wikingerhandel
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Handel in der Wikingerzeit ein vielschichtiges Phänomen war, das sowohl marktbezogene als auch sozial und administrativ geprägte Aspekte umfasste. Durch die Untersuchung von Handelsartefakten wie normierten Gewichten und verzierten Schmuckstücken können wir ein tieferes Verständnis für die Praktiken, die Akteure und die Bedeutung von Vertrauen in diesem dynamischen Wirtschaftssystem gewinnen. Die Wikinger waren nicht nur Krieger, sondern auch geschickte Händler, die komplexe Netzwerke aufbauten und durch Vertrauen und kulturellen Austausch ihre Welt prägten.

