Die Lausitzer Kultur, ein faszinierendes archäologisches Phänomen, prägt bis heute unser Verständnis der Bronzezeit in Mitteleuropa. Benannt nach der Region der Niederlausitz, wo sie im 19. Jahrhundert erstmals von Rudolf Virchow identifiziert wurde, erstreckt sich ihr Einfluss weit über die ursprüngliche Namensgebung hinaus. Dieser Artikel beleuchtet die Entstehung, Charakteristika und die tiefgreifende Bedeutung der Lausitzer Kultur für die Archäologie Deutschlands, Polens, Tschechiens und der Slowakei. Wir tauchen ein in eine Welt befestigter Siedlungen, einzigartiger Bestattungsriten und hochentwickelter Handwerkskunst, die Zeugnis einer komplexen bronzezeitlichen Gesellschaft ablegt.
Die Entdeckung und Namensgebung
Die Reise der Lausitzer Kultur in das Bewusstsein der Wissenschaft begann im Jahr 1872. Bei einer archäologischen Exkursion in die Niederlausitz stieß Rudolf Virchow auf eine Keramikgruppe, die sich deutlich von bereits bekannten Funden unterschied. Diese Keramik fand sich sowohl in befestigten Siedlungen, tief unter slawischen Schichten, als auch auf Urnengräberfeldern. Virchow erkannte, dass diese Funde älter sein mussten und eine bronzezeitliche Herkunft vermuten ließen. Er schlug den Begriff „Lausitzer Typus“ vor, um diese neue Entdeckung zu kennzeichnen. Seine weiteren Reisen in die Oberlausitz, nach Schlesien und Großpolen offenbarten verwandte Keramikgruppen, was ihn dazu veranlasste, den Begriff „Lausitzer Typus“ auf ein erweitertes Gebiet auszudehnen. Als charakteristische Merkmale nannte er die Errichtung von Wehrsiedlungen, spezifische Bestattungssitten in Form von Urnengräbern auf großen Friedhöfen und einen charakteristischen Keramikformenkreis.
Obwohl Virchow selbst erkannte, dass der Begriff „Lausitzer Typus“ zur Bezeichnung einer ganzen archäologischen Kultur unzureichend war, setzte er sich durch. Spätere Forscher, insbesondere in Polen, erweiterten den Begriff „Lausitzer Kultur“ auf andere Gruppen, teils aus nationalistischen Motiven, indem sie diese mit den Urslawen gleichsetzten. Um diese Verwirrung zu vermeiden und sich auf die ursprüngliche Definition von Virchow zu konzentrieren, wurde für das Kerngebiet der Begriff „Lausitzer Gruppe“ von Buck (1986) eingeführt.
Charakteristika der Lausitzer Kultur
Die Lausitzer Kultur ist durch eine Reihe von Merkmalen gekennzeichnet, die sie archäologisch eindeutig identifizierbar machen:
Siedlungswesen
Ein prägnantes Merkmal sind die sogenannten Wehrsiedlungen. Diese oft auf Anhöhen oder strategisch wichtigen Plätzen errichteten Befestigungen dienten dem Schutz der Bewohner. Ihre Anlage, Größe und Funktion lassen auf eine gut organisierte Gemeinschaft schließen. Die Wehrbauten, oft bestehend aus Palisaden und Wällen, zeugen von einem Bewusstsein für Sicherheit. Innerhalb der Siedlungen finden sich Spuren von Brücken, Wegen und Plätzen, die auf eine geplante Infrastruktur hindeuten. Neben den befestigten Siedlungen gab es auch Vorburgsiedlungen und unbefestigte Siedlungen, was auf eine differenzierte Siedlungsstruktur und möglicherweise auf unterschiedliche soziale Schichten oder Funktionen hinweist.
Wirtschaft
Die Wirtschaft der Lausitzer Gruppe basierte auf einer Kombination aus Nahrungsmittelproduktion (Ackerbau, Viehhaltung), Jagd, Fischfang und Sammelwirtschaft. Die Rohstoffquellen wurden intensiv genutzt, was sich in der Metallproduktion und -verarbeitung widerspiegelt, insbesondere von Bronze. Auch die Verarbeitung von Stein, Knochen, Holz, Ton (Töpferei) sowie die Herstellung von Textilien, Lederwaren und Seilen waren von großer Bedeutung. Die Salzproduktion und die Gewinnung von Pech und Harz deuten auf spezialisierte Wirtschaftszweige hin. Der Austausch und Handel spielten eine wichtige Rolle, belegt durch Hortfunde und die Verbreitung von Gütern über weite Distanzen.
Gesellschaftliche Verhältnisse
Die gesellschaftliche Organisation war komplex. Hinweise auf soziale Differenzierung finden sich in unterschiedlichen Grabausstattungen und der Größe von Siedlungsstrukturen. Die Existenz von Produktionskollektiven und spezifischen Arbeitsteilungen ist wahrscheinlich. Auch Eigentumsverhältnisse und die Möglichkeit von Migration sind Aspekte, die bei der Untersuchung der gesellschaftlichen Strukturen berücksichtigt werden müssen.
Geistige Kultur
Die geistige Kultur umfasst Kunst, Musik und vor allem die Kult- und Bestattungssitten. Große Gräberfelder mit Urnengräbern sind charakteristisch. Kultstätten deuten auf religiöse Praktiken hin, und die archäologischen Funde erlauben Rückschlüsse auf die Vorstellungswelt der Menschen. Darüber hinaus geben Funde Aufschluss über die Bewaffnung und Kampftechnik sowie über die Tracht der damaligen Bevölkerung.
Chronologie und Verbreitung
Die genaue Chronologie der Lausitzer Kultur ist Gegenstand intensiver Forschung. Sowohl die relative als auch die absolute Chronologie werden anhand von Funden und Vergleichen mit anderen Kulturen bestimmt. Die regionale Gliederung in Untergruppen wie die Mittelspree-Untergruppe, Oberspree-Untergruppe oder Elbe-Untergruppe ermöglicht eine detailliertere Betrachtung der regionalen Ausprägungen. Das tatsächliche Verbreitungsgebiet der Lausitzer Kultur war offenbar weitaus größer als die ursprüngliche Niederlausitz und umfasste weite Teile des heutigen Deutschlands, Polens, der Tschechischen Republik und der Slowakei.
Fazit
Die Lausitzer Kultur repräsentiert eine bedeutende bronzezeitliche archäologische Kultur, deren Einfluss und Komplexität bis heute faszinieren. Von den befestigten Siedlungen über die ausgefeilten Handwerkstechniken bis hin zu den einzigartigen Bestattungsritualen zeichnet sie das Bild einer fortschrittlichen und dynamischen Gesellschaft im Herzen Europas. Die fortlaufende Erforschung und die Rückbesinnung auf die ursprünglichen Definitionen, wie die von Rudolf Virchow, sind entscheidend, um unser Verständnis dieses wichtigen Kapitels der europäischen Geschichte zu vertiefen.

