Die globale Gesellschaft der Gegenwart ist von einem zentralen Widerspruch geprägt: der Ambivalenz zwischen Öffnungs- und Schließungsprozessen. Diese Zwiespältigkeit manifestiert sich auf mehreren Ebenen. Einerseits zeigt sich eine Dichotomie in der sozialen Ungleichheit, mit dem Aufstieg einer globalen Mittelklasse in Asien und Lateinamerika und der gleichzeitigen Zementierung einer postindustriellen Unterschicht in den Industriegesellschaften. Andererseits ist diese Ambivalenz auch auf der Ebene kultureller Lebensformen und der sie tragenden Institutionen spürbar. Während sich in der Spätmoderne eine historisch außergewöhnliche kulturelle Öffnung vollzieht – eine Pluralisierung von Lebensstilen, Geschlechternormen und individuellen Identitäten, getragen von der globalen Mittelklasse und konzentriert in globalen Metropolen – beobachten wir weltweit Tendenzen kultureller Schließung. Diese reichen von partikularen Identitätsgemeinschaften über Neo-Nationalismus bis hin zu religiösem Fundamentalismus. Die Öffnung der Kontingenz von Lebensformen und der Versuch ihrer moralischen Schließung, die seit der Jahrtausendwende zu beobachten sind, erscheinen unvereinbar.
Die Suche nach Erklärungen: Jenseits des “Kulturkampfes”
In der öffentlichen Debatte wird häufig Samuel Huntingtons These vom „Kampf der Kulturen“ herangezogen, um diesen Widerspruch zu erklären. Huntingtons Modell, das eine Konfrontation westlicher liberaler Kultur mit kollektivistischen Kulturen des Ostens und Südens postuliert, hat in den letzten Jahren an Überzeugungskraft gewonnen. Anstatt jedoch Huntingtons unterkomplexes Modell eines antagonistischen Kulturkampfes zu übernehmen, bedarf es einer alternativen Lesart, die das Konzept der Kultur zwar weiterhin als zentral erachtet, jedoch in einer anderen Weise als Huntington.
Zwei Regime der Kulturalisierung: Der Kern des Widerstreits
Die analytische Durchdringung der globalen Spätmoderne offenbart einen grundlegenderen Widerstreit zwischen zwei konträr aufgebauten Regimen der Kulturalisierung. Nicht Kulturen stehen einander gegenüber, sondern zwei grundlegend unterschiedliche Auffassungen davon, was Kultur überhaupt bedeutet und wie die Kultursphäre organisiert ist.
Kulturalisierung I: Hyperkultur und die Ästhetisierung des Lebens
Das erste Regime, Kulturalisierung I, manifestiert sich als Kulturalisierung der Lebensformen im Gewand von „Lebensstilen“. Getragen vom globalen Kulturkapitalismus und der Mittelklasse, nimmt sie die Form einer expansiven Ästhetisierung und teilweise Ethizisierung des Alltags an – sei es im Beruf, in persönlichen Beziehungen, beim Essen, Wohnen, Reisen oder der Körperpflege. Kultur wird hier zur Hyperkultur, in der potenziell alles auf höchst variable Weise kulturell wertvoll werden kann. Entscheidend sind hier Objekte, die auf kulturellen Märkten um Aufmerksamkeit und Valorisierung wetteifern, und Subjekte, die diesen Objekten mit dem Wunsch nach individueller Selbstverwirklichung begegnen. Medien und der globale Wettbewerb zwischen Städten und Regionen um Bewohner und Besucher stützen diesen Prozess. Die Subjekte nutzen kulturelle Güter als Ressourcen zur Entfaltung ihrer Besonderheit und Expressivität. „Diversität“ und „Kosmopolitismus“ avancieren zu Leitsemantiken, wobei kulturelle Güter unabhängig von ihrer Herkunft als potenzielle Mittel der Selbstentfaltung betrachtet werden. Diese Kulturalisierung I bewirkt eine soziale Öffnung, indem sie die Aufmerksamkeit- und Valorisierungsmärkte ergebnisoffen und mobil gestaltet und die variable Objektbesetzung durch den Selbstentfaltungswunsch der Individuen ermöglicht.
Kulturalisierung II: Kulturessenzialismus und die Stärkung kollektiver Identitäten
Das zweite Regime, Kulturalisierung II, zeigt sich in neuen Bewegungen und Gemeinschaften, die kollektive Identität beanspruchen – die Kultur der Identitären. Dies umfasst moderate Formen der identity politics, neue Nationalismen und fundamentalistische religiöse Bewegungen. Diese Gemeinschaften reaktivieren nicht einfach Alltagskulturen der Vormoderne, sondern werten die in der Moderne vorgefundenen Lebenswelten aktiv um. Kulturalisierung II steht Kulturalisierung I in dreierlei Hinsicht entgegen:
- Antagonismus statt Differenz: Kultur wird nicht als unendliches Spiel der Differenzen auf einem offenen Bewertungsmarkt organisiert, sondern modelliert die Welt in Form eines Antagonismus zwischen Innen (ingroup) und Außen (outgroup), zwischen dem Wertvollen und dem Wertlosen. Dies stabilisiert die Eindeutigkeit wertvoller Güter und betreibt nach außen eine konsequente Devalorisierung (z. B. die eigene Nation gegen fremde, die eigene Religion gegen Ungläubige).
- Kollektiv statt Individuum: Die Instanz, die Kultur genießt und den Referenzpunkt der Kultursphäre bildet, ist nicht das Individuum, sondern das Kollektiv – die Community, die sich über das als wertvoll Anerkannte vergewissert.
- Tradition statt Innovation: Anstelle von ständiger Selbstüberbietung und Neuheit wird das vermeintlich „Alte“ und die „Tradition“ prämiert, was zu einer Essenzialisierung von Kultur durch Kollektiv und Geschichte führt.
Kulturalisierung II bewirkt somit eine Schließung von Kontingenz, indem sie die Valorisierung der Güter stabilisiert und die Verhaltensspielräume für Individuen durch die Orientierung am Kollektiv verengt.
Interaktionsmöglichkeiten: Koexistenz und Konflikt
Der Widerstreit zwischen Hyperkultur (Kulturalisierung I) und Kulturessenzialismus (Kulturalisierung II) prägt die Spätmoderne. Dieses Verhältnis ist kein einfacher „Kampf der Kulturen“ im Sinne Huntingtons, sondern ein Konflikt zweier Kulturalisierungsregime. Beide Regime können dem jeweils anderen auf zwei Arten begegnen: durch Koexistenz qua Verähnlichung oder durch Verwerfung als absoluten Gegner.
Die Strategie der Verähnlichung versucht, Phänomene des anderen Regimes in die Perspektive des eigenen zu integrieren. So kann die Hyperkultur Identitätsgemeinschaften als kulturelle Optionen im Spiel der Selbstverwirklichung betrachten (Multikulturalismus der 1980er Jahre), während Kulturessenzialismus die Hyperkultur als partikulare Eigenschaft einer anderen Identitätsgemeinschaft (z.B. des Westens) wahrnimmt.
Sobald jedoch die beiden Regime einander als Kulturalisierungsregimes wahrnehmen, entsteht ein Konflikt. Die Hyperkultur sieht im Kulturessenzialismus einen totalitären Gegner, der das plurale Spiel der Differenzen durch homogenisierenden Antagonismus eliminiert. Dies ist die Perspektive großer Teile der liberalen Öffentlichkeit auf identitäre Bewegungen, religiösen Fundamentalismus oder Rechtspopulismus. Umgekehrt begreift Kulturessenzialismus die Hyperkultur als expansive Bedrohung, die die eigene Identitätsgemeinschaft aufzulösen droht – die Perspektive auf die vermeintliche Dekadenz und Morallosigkeit des Westens.
Seit der Jahrtausendwende scheinen die Strategien der Koexistenz auf dem Rückzug, während jene des „Culture War“ Zulauf gewinnen. Dies führt dazu, dass Differenzen innerhalb der einzelnen Regime an Bedeutung verlieren, während die Feindbilder nach außen hin geschärft werden. Moderaten politischen Strömungen rücken zusammen, und unterschiedliche identitäre Gruppierungen finden sich zu überraschenden Allianzen gegen die als dekadent empfundene Hyperkultur.
Fazit: Eine offene Büchse der Pandora
Was die Spätmoderne charakterisiert, ist ein Konflikt zwischen zwei Kulturalisierungsregimes, die sich gegenseitig dementieren. Beide laden das Soziale affektiv deutlich stärker auf als die standardisierenden und versachlichenden Prozesse der formalen Rationalisierung. Die globale Valorisierungskonflikte der „Kultur“ sind damit entfesselt und es gibt keine Anzeichen dafür, dass sie bald geschlossen werden.
Dieser Text ist die überarbeitete Fassung eines Vortrags auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Bamberg am 27. September 2016. Die Argumentation greift auf das Buchprojekt „Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne“ zurück, das 2017 im Suhrkamp Verlag veröffentlicht wurde.
