Die Kinder- und Jugendliteratur (KJL) hat sich längst als legitimer und faszinierender Forschungsgegenstand etabliert, der weit über die Grenzen der Literaturwissenschaft hinaus Beachtung findet. Dieser Band widmet sich intensiv den transkulturellen Prozessen, die bei der Übersetzung und Rezeption von KJL eine zentrale Rolle spielen. Im Fokus steht dabei die Kulturelle Diversität und Alterität – also das Fremde und Andere. Im Kern untersucht die Arbeit, wie Heranwachsende in der KJL an das Fremde herangeführt werden, wie kulturelle Vielfalt erlebt und eingeübt wird und inwieweit die Begegnung mit anderen Kulturen funktionalisiert, ideologisiert oder gelenkt wird.
Die Komplexität dieser Fragestellungen erfordert einen interdisziplinären Ansatz, der rezeptionsästhetische, übersetzungswissenschaftliche, literatur- und medientheoretische sowie soziologische Perspektiven miteinander verbindet. Die Übersetzung und Rezeption von KJL wird aus einer breiten komparatistischen Perspektive betrachtet, wobei die Texte stets im Kontext ihrer jeweiligen epochalen Codes analysiert werden. Asymmetrien in den Traditionsbildungen können Rezeptionsbarrieren schaffen, doch können sich Traditionslinien auch gegenseitig bereichern. Übersetzte Literatur kann Lücken füllen, indem sie Bedürfnisse von Lesern befriedigt, die die eigene Literatur nicht abdeckt. Umgekehrt können divergierende Wertvorstellungen zu Rezeptionsbarrieren führen, wobei Übersetzungen kulturelle Unterschiede offenlegen und entweder festigen oder ausgleichen können.
Bedauerlicherweise steht der natürliche kindliche Wunsch nach Erfahrungen mit dem Fremden oft einer ethnozentrischen Übersetzungspraxis gegenüber. Die Homogenisierung oder Nivellierung kultureller Vielfalt, wie sie Lawrence Venuti als Effekt einbürgernder Übersetzungsstrategien beschreibt und die oft an die Grenze zur Adaptation geht, wird durch die Verknüpfung von Literatur mit anderen Medien wie dem Film noch verstärkt. Angesichts der zunehmenden Einbettung von KJL-Werken in globale Superproduktionen stellt sich die Frage, ob kulturelle Vielfalt in der KJL in einer globalen Hyperkultur überhaupt noch Bestand hat. Die Existenz eines internationalen Marktes für KJL bedeutet keineswegs automatisch eine Begegnung zwischen den Kulturen, wie Emer O’Sullivan nachgewiesen hat. Ob unter den Bedingungen des globalen Marktes und weltumspannender Superproduktionen überhaupt noch Raum für Alteritätserfahrungen und genuine Kulturkontakte bleibt, kann am Beispiel der Übersetzung und Rezeption von KJL zugespitzt werden. Die Analyse von Fallbeispielen muss zeigen, ob Kulturtransfer stattfindet, ob differierende kulturelle Systeme im globalen Intertext aufgelöst werden, oder ob im Gegenteil der Gegensatz zweier divergenter Kulturverständnisse – einer globalen Hyperkultur und eines kulturessentialistischen Kulturbegriffs – ausgetragen wird. Folglich muss die Frage gestellt werden, ob Übersetzungen und andere Rezeptionsphänomene als Aushandlungszonen kultureller Differenzen wirksam werden können oder ob angesichts neuer medialer Rahmenbedingungen das Konzept der Übersetzung als Kulturvermittlung neu überdacht werden muss.
Als interessanter Aspekt erweist sich auch die Frage, wie innerhalb neuer medialer Gegebenheiten der Prozess der Kanonisierung verläuft und wie sich dies auf das Veralten von Übersetzungen und die Entscheidung für Neuübersetzungen auswirkt. Welche Buch- und Lesekulturen werden reaktiviert, um das traditionelle Kinderbuch gegenüber anderen Medienformaten zu positionieren? Das Aufkommen neuer multimedialer und multimodaler Formen wie Comic und Graphic Novel erzwingt eine verstärkte Beachtung der Text-Bild-Relationen. Eine adäquate Untersuchung illustrierter Kinderbücher erfordert eine umfassende Perspektive, die verbale und non-verbale Komponenten gleichwertig betrachtet. Das „cultural filtering“ in KJL-Übersetzungen zeigt sich oft gerade am Text-Bild-Gefüge von Kinderbüchern oder dessen Missachtung. Nicht zuletzt aufgrund neuer medialer Formen muss auch das Konzept des kindlichen „Super-Adressaten“ neu zur Disposition gestellt werden – auch hier verwischen die Konturen, sodass der implizite Leser zunehmend nicht mehr klar als Kind identifiziert werden kann. Gerade die mehrfach adressierte KJL scheint beim kulturellen Transfer auf Barrieren zu stoßen. Es scheint kulturspezifische Ausprägungen der Doppeltadressiertheit von KJL zu geben, die Auswirkungen auf übersetzerische Entscheidungen haben. risikogesellschaft auf dem weg in eine andere moderne
Der Übersetzer von KJL, mit seinem Verständnis von Kultur, seinen Leseerfahrungen und seinen Vorstellungen vom Kind-Sein, ist nur eine von vielen Vermittlungsinstanzen, die bei der Rezeption von KJL wirken – wie Verlage, Eltern oder Literaturkritik. Die Analyse von Rezeptions- und Übersetzungsphänomenen muss daher die Frage stellen, inwieweit die einzelnen Instanzen rezeptionssteuernd agieren. Erst dann tritt KJL als komplexes Handlungsgefüge hervor, in das auch Übersetzung und Rezeption eingebettet sind. Zwar ist sie an den Peripherien des literarischen Polysystems angesiedelt, womit ihr traditionell mehr Freiheiten zugestanden werden. Kinderliterarische Texte werden daher einerseits zum Experimentieren mit literarischen Codes ermächtigt, andererseits sind sie besonders empfänglich für Manipulationen, sei es seitens der Autoren, der Übersetzer oder anderer Vermittlungsinstanzen. Mit dem Verweis auf das „Wohl“ des kindlichen Rezipienten wird oft die Vermittlung ganzer Wertecluster legitimiert. Zu den sprachlichen und ästhetischen treten sittliche und ethische Normen im Sinne einer „political correctness“, die als Metanormen wiederum in präskriptive Vorstellungen davon eingebettet sind, was Kinderliteratur leisten soll, etwa ob ihr eine edukative oder unterhaltende Funktion zukommt.
Deshalb muss die Frage nach dem Status und Selbstverständnis des Übersetzers stets neu gestellt werden. Übersetzer können sich „unsichtbar“ machen, zum „impliziten Erzähler“ werden, sich als belehrend, unterhaltend oder kritisch stilisieren, oder als Ordnungsfaktor und Machtdispositiv des literarischen Diskurses in Erscheinung treten. Die im Band untersuchten Übersetzungen realisieren diese Bandbreite möglicher Positionierungen zur Vorlage. Dabei sind differente Formen des Umgangs mit dem kulturellen Kanon zu verzeichnen. Das Spektrum reicht von einer Poetik der Partizipation als Weiterschreiben von Kinderbuchklassikern bis hin zu einem despektierlichen Umgang mit dem Literaturkanon. So kann die Übersetzung unter dem Zeichen der „Denkmalspflege“ kanonischer Texte stehen, von lokalen Interessen in Dienst genommen werden oder auf eine Metaebene schwenken und dazu einladen, die Mechanismen der Aneignung des Kulturerbes neu zu überdenken.
Die Beiträge des Bandes umfassen die vielfältigen Implikationen dieses Themenkomplexes sowohl aus theoretischer als auch gegenstandsorientierter Perspektive in ihren unterschiedlichen medialen Gestaltungsformen, also in Bezug auf Erzählungen, Bilderbücher, Comics oder Graphic Novels.
Hans Heino Ewers’ grundlegender Aufsatz zur „Internationalisierung von Nationalliteraturen durch Übersetzungen: Die deutsche Kinder- und Jugendliteratur als Vorreiter“ leitet den Band mit einem Votum gegen die Abschottung von Nationalliteraturen ein. In Zeiten wachsender Vernetzung kann sich eine nationale Kultur nur behaupten, wenn sie sich für fremdkulturelle Einflüsse öffnet. Der Autor fragt, wie sich die Globalisierung und Internationalisierung der KJL mit dem Erhalt von Sprachenvielfalt vermitteln lässt, wobei Übersetzungen eine prominente Rolle spielen. Übersetzte Literatur vermag jenseits aller Sprachbarrieren eine globale Orientierung zu verschaffen, hält aber auch das Bewusstsein für sprachliche und kulturelle Vielfalt lebendig und kann, sofern die Übersetzer nicht einbürgernd verfahren, eine Bereicherung der Zielkultur darstellen. Der Beitrag ist ein Plädoyer für sprachliche, ästhetische und Kulturelle Diversität in der KJL.
Brigitte Schultze widmet sich in ihrer Studie „Paratext and Main Text in Translated Graphic Novels (Comics): The Classics for Children and Adolescents in Russ Kick’s Graphic Canon – in German and French“ der Übersetzung oder Adaption von Comics und Graphic Novels. Die Analysen markieren die Schnittstelle zwischen graphischem Narrativ und Übersetzung. Anhand von zwölf Adaptionen von Klassikern für Kinder und Heranwachsende werden zwei Arten der Weiterverarbeitung erkundet: die Transformation literarischer Texte in verbal-bildliche, multimodale Adaptionen und die Übersetzung englischer Adaptionen in deutsche und französische Zieltexte. Dabei wird die Frage der Mehrfachadressiertheit mitbedacht und die Bedeutungsbildung für jüngere und ältere Rezipienten nachvollzogen.
Joanna Dybiec-Gajer untersucht die Laienübersetzung von Comics. In ihrem Beitrag „Fan Communities as Mediators of Cultural Diversity: Local Comics go English – a Case Study of Kajko and Kokosz Comic Translation“ beschreibt sie die kreative Beteiligung von Fan-Communities. Am Beispiel der ersten englischen Übersetzung der populären polnischen Comicserie Kajko i Kokosz wird gezeigt, wie kleine, aber engagierte Online-Communities als erfolgreiche Übersetzungskritiker und „Anwälte“ kultureller Vielfalt auftreten können. Gerade die nicht-professionellen Übersetzer, die am Rande des kinderliterarischen Systems agieren, werden so besonders „sichtbar“.
Der Aufsatz von Camilla Badstübner-Kizik, „Kinder- und Jugendliteratur als multimedialer Exportartikel?“, geht den Mechanismen der globalen Vermarktung von Kinderbuchklassikern nach. Ausgehend von der jüngsten Verfilmung des Kinderbuchklassikers Jim Knopf von Michael Ende fragt der Beitrag, wie KJL über Sprach-, Raum- und Mediengrenzen hinweg kommerzialisiert wird. Kinder- und jugendliterarische Texte werden dabei als potenziell multimediale „Waren“ fokussiert, die sich auf dem internationalen Markt vielfältiger Konkurrenz stellen müssen. Der literarische Ausgangstext und sein kulturell spezifischer Assoziationsgehalt treten in diesen komplexen „Exportverfahren“ jedoch nicht selten in den Hintergrund. Der Aufsatz untersucht den Einfluss der Vermittlung von Kinderliteratur im Medienverbund Buch, Film, Buch zum Film, in denen sich das traditionelle Kinderbuch gegenüber dem übermächtigen Filmmedium behaupten muss.
Michael Düring verfolgt in seiner Studie „Die Illustration im Kinderbuch: Anmerkungen zu den Illustrationen der Kleinen Hexe Otfried Preußlers in polnischer Übersetzung – Malutka Czarownica“ die kulturellen Implikationen von Bildbeigaben. Am Beispiel der Illustrationen zu Die kleine Hexe von Otfried Preußler und seiner polnischen Übersetzung weist der Autor nach, dass nicht nur der semantische Gehalt der Illustrationen, sondern auch ihr Stil und ihre materiellen Eigenschaften auf die zielkulturelle Wahrnehmung der literarischen Vorlage verweisen und ein komplexes Wechselspiel mit der verbalen Ebene der Übersetzung eingehen.
Katarzyna Lukas bleibt mit ihrem Aufsatz „Zur Erfahrung von Andersheit und Diversität in Iwona Chmielewskas Bilderbuch für Kinder abc.de (2015)“ im Bereich der bebilderten Kinderbücher. Sie führt vor, wie die polnische Autorin Iwona Chmielewska in ihrem Bilderbuch abc.de die Tradition des ABC-Buches nutzt, um Rezipienten durch die Geschichte der deutschen Kultur zu leiten und zur Auseinandersetzung mit Alterität anzuregen. Diese Begegnung wird in fünf Ebenen aufgegliedert: sprachlich, perzeptiv-kognitiv, ästhetisch, historisch und kulturell. Das altertümliche Genre der Lesefibel wird so als Erlebnisform kultureller Diversität wirksam, durch Parodieren wird zugleich ein Spiel mit den Rezipientenerwartungen betrieben und auf spielerische Weise eine Reflexion über die mediale Vermittlung und den Konstruktcharakter von Kulturen initiiert.
Die folgenden Beiträge befassen sich mit der Übersetzung und Rezeption kanonisierter KJL. Eliza Pieciul-Karmińska beleuchtet in ihrem Aufsatz „Die Rezeption der ‚Kinder- und Hausmärchen‘ in Polen: Historische Bedingungen, Vorurteile und ein editorischer Skandal“ die rezeptionssteuernde Funktion von Märchenübersetzungen. Die Autorin weist nach, inwieweit die polnischen Übersetzungen von Grimms Kinder- und Hausmärchen (KHM) deren Rezeption beeinflussen. Eine nicht zu vernachlässigende Rolle spielt dabei die KHM-Editionsgeschichte. In Polen kennt man bisher nur die letzte KHM-Ausgabe von 1857, die sogenannte Ausgabe letzter Hand. Stereotype Vorstellungen der Märchen, die sich auf die gesamte deutsche Kultur erstrecken, konnten sich somit verfestigen. Diese Vorurteile ergeben sich aus der deutsch-polnischen Geschichte und einer Tradition sentimentaler Übersetzungen. Sie können aber auch gezielt in einer Verkaufsstrategie missbraucht werden, wie der diskutierte Skandal um eine angebliche polnische Übersetzung der ersten KHM-Ausgabe zeigt.
Anna Loba befasst sich in ihrem Beitrag „Das seltsame Schicksal zweier rothaariger Mädchen: Die französische Übersetzung und Rezeption von Pippi Langstrumpf und Anne vom grünen Hügel“ mit den Mechanismen der Kanonisierung von Kinderliteratur. Ihr Text bewegt sich am Schnittpunkt literaturwissenschaftlicher, soziologischer und übersetzungswissenschaftlicher Fragestellungen. Am Beispiel der wechselhaften Rezeptionsgeschichte von Astrid Lindgrens Pippi-Langstrumpf-Zyklus und Maud Montgomerys Anne of Green Gables im französischen Kulturraum weist die Autorin nach, dass die Übersetzung nur einer von mehreren Faktoren ist, die die Rezeption von Kinderliteratur beeinflussen. Die französische Rezeption macht deutlich, dass vor allem auch außerliterarische Kontexte wie Verlags- oder Erziehungspolitik und das herrschende ideologische Klima darüber entscheiden, ob und in welchem Maße ein kinderliterarisches Werk in anderen Kulturen Fuß zu fassen vermag. In diesem komplexen Handlungsgefüge sind es kulturelle Asymmetrien, die Barrieren oder Defizite in der Rezeption bewirken oder zu Manipulationen der Textvorlagen im Sinne zielkultureller Werte und Normen führen.

