Der Begriff “Kultur” ist allgegenwärtig und fasziniert zugleich durch seine Vielschichtigkeit und die zahlreichen Interpretationen, die ihm in Gesellschaft und Wissenschaft zuteilwerden. Ob im Alltag oder in akademischen Diskursen, die Bedeutung von Kultur entzieht sich oft einer einfachen Definition. Dennoch ist sie ein zentraler Ankerpunkt für das Verständnis menschlichen Zusammenlebens und individueller Identität. Dieser Artikel beleuchtet die Entwicklung und die verschiedenen Facetten des Kulturbegriffs, um ein tieferes Verständnis für seine Bedeutung in unserer heutigen Welt zu schaffen.
Die Entwicklung des modernen Kulturbegriffs: Von der Landwirtschaft zur Geisteswissenschaft
Die Wurzeln des Wortes “Kultur” reichen bis ins Lateinische zurück, wo “colere” so viel wie “pflegen” oder “bebauen” bedeutete. Ursprünglich auf die Landwirtschaft bezogen, beschreibt der Begriff heute das “vom Menschen Gemachte” – im Gegensatz zum Natürlichen. Diese Metapher der Kultivierung hat sich im Laufe der Zeit erweitert und umfasst nun die bewusste Formung und Gestaltung menschlichen Lebens in all seinen Facetten, von geistigen Gütern über materielle Artefakte bis hin zu sozialen Institutionen.
Vielfalt der Definitionen: Ein Spektrum an Perspektiven
Im Laufe der Geschichte und in verschiedenen Disziplinen haben sich zahlreiche Definitionen von Kultur herausgebildet. Diese Vielfalt spiegelt sich auch in der heutigen wissenschaftlichen Landschaft wider. Kroeber und Kluckhohn identifizierten bereits Mitte des 20. Jahrhunderts über 175 verschiedene Definitionen, eine Zahl, die seitdem weiter angewachsen ist. Andreas Reckwitz hat eine Typologie entwickelt, die vier Hauptarten von Kulturbegriffen unterscheidet:
- Der normative Kulturbegriff: Diese Perspektive wertet und zeichnet bestimmte ästhetische Phänomene und Praktiken aus, die als “Hochkultur” gelten. Sie grenzt sich von Alltags-, Massen- und Populärkultur ab.
- Der totalitätsorientierte Kulturbegriff: Im Gegensatz dazu betrachtet dieser Ansatz “ganze Lebensformen” und rückt die Gesamtheit der Denk-, Handlungs- und Wahrnehmungsmuster von Kollektiven in den Mittelpunkt. Hierbei werden kulturelle Ausdrucksformen als gleichwertig anerkannt, wie es beispielsweise in der Anthropologie und Ethnologie der Fall ist. Dies schließt populäre und alltägliche Formen mit ein, wie sie auch in den Cultural Studies untersucht werden.
- Der differenztheoretische Kulturbegriff: Aus der Soziologie stammend, fokussiert dieser Ansatz Kultur auf spezifische Teilsysteme der modernen Gesellschaft, insbesondere auf intellektuelle und ästhetische Weltdeutungen und deren funktionale Leistungen.
- Der bedeutungs- und wissensorientierte Kulturbegriff: Dieser semiotisch und konstruktivistisch geprägte Ansatz versteht Kultur als einen Komplex von Vorstellungen, Denkformen und Bedeutungen, der sich in Symbolsystemen materialisiert. Sowohl materielle Kulturgüter als auch soziale und mentale Dimensionen werden hierbei berücksichtigt. Konzepte wie “Kultur als Text” und “Kultur als Zeichensystem” fallen in diese Kategorie.
Die Debatte um die richtige Definition von Kultur zeigt, dass es sich um ein dynamisches und sich ständig weiterentwickelendes Konzept handelt. Die Akzeptanz dieser Vielfalt ist entscheidend, um die Komplexität menschlicher Gesellschaften zu erfassen und eine überholte Engführung auf eine elitäre “Hochkultur” zu vermeiden.
Die Funktionen von Kultur in Gesellschaft und Identitätsbildung
Kultur erfüllt eine Vielzahl von Funktionen, die für das Funktionieren von Gesellschaften und die Bildung individueller Identitäten von zentraler Bedeutung sind. Einerseits wirkt Kultur integrativ, indem sie gemeinschaftliche Werte, Normen und Identitäten stiftet. Sie schafft ein Gefühl der Zugehörigkeit und Orientierung für Individuen innerhalb einer Gruppe.
Andererseits kann Kultur auch hierarchisierend und ausgrenzend wirken. Die Standardisierungen des Denkens, Fühlens und Handelns, die für Kulturen charakteristisch sind, können leicht zu einer Abgrenzung gegenüber dem “Anderen” führen. Neue Ansätze, die sich mit Inter-, Multi- und Transkulturalität beschäftigen, versuchen, dieser Tendenz zur Homogenisierung von Kulturen entgegenzuwirken und die inhärente Heterogenität innerhalb von Kulturen stärker zu betonen.
Kultur in Deutschland: Ein facettenreiches Erbe
Deutschland selbst ist ein Land reich an kulturellen Traditionen und regionalen Besonderheiten. Von den historischen Städten mit ihren beeindruckenden Bauwerken bis hin zur lebendigen Kunst- und Musikszene bietet Deutschland eine Fülle an Erlebnissen für Kulturinteressierte. Die deutsche Kultur ist geprägt von einer Mischung aus Tradition und Moderne, von regionaler Vielfalt und nationaler Identität. Ob kulinarische Genüsse, literarische Meisterwerke oder innovative wissenschaftliche Errungenschaften – die Kulturlandschaft Deutschlands ist vielfältig und spannend.
Die Bedeutung von Kultur für Reisende und Einheimische
Für Besucher Deutschlands eröffnet die Auseinandersetzung mit der Kultur ein tieferes Verständnis für das Land und seine Menschen. Museen, Theater, Konzerte und historische Stätten laden dazu ein, die reiche Geschichte und die künstlerische Vielfalt zu entdecken. Aber auch im Alltag lassen sich kulturelle Besonderheiten erfahren, sei es in der Architektur, der Gastronomie oder den gelebten Traditionen. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Kultur kann somit die Reiseerfahrung bereichern und zu einem besseren Verständnis der deutschen Lebensart führen. Die Erkundung der vielfältigen kulturellen Angebote ist ein wesentlicher Bestandteil jedes Deutschlandbesuchs und bietet unzählige Möglichkeiten, Neues zu lernen und zu erleben.
Literatur
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- Ders./Peter Matussek/Lothar Müller: Orientierung Kulturwissenschaft. Was sie kann, was sie will, Reinbek bei Hamburg 2000.
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- Ders./Vera Nünning (Hrsg.): Einführung in die Kulturwissenschaften: Theoretische Grundlagen – Ansätze – Perspektiven, Stuttgart 2008 (aktualisierter Nachdruck des Bandes Konzepte der Kulturwissenschaften: Theoretische Grundlagen – Ansätze – Perspektiven, Stuttgart 2003).
- Ort, Claus-Michael: “Kulturbegriffe und Kulturtheorien”, in: Ansgar Nünning/Vera Nünning (Hrsg.), a.a.O., S. 19-38.
- Posner, Roland: “Kultursemiotik”, in: Ansgar Nünning/Vera Nünning (Hrsg.), a.a.O., S. 39-72.
- Reckwitz, Andreas: Die Transformation der Kulturtheorien. Zur Entwicklung eines Theorieprogramms, Weilerswist 2000.
- Reckwitz, Andreas: “Die Kontingenzperspektive der ‘Kultur’. Kulturbegriffe, Kulturtheorien und das kulturwissenschaftliche Forschungsprogramm”, in: Friedrich Jaeger/Jörn Rüsen (Hrsg.): Handbuch Kulturwissenschaften. Band 3: Themen und Tendenzen, Stuttgart/Weimar 2004, S. 1-20.
- Schmidt, Siegfried J.: Kalte Faszination. Medien, Kultur, Wissenschaft in der Mediengesellschaft, Weilerswist 2000.
- Sommer, Roy: Fictions of Migration: Ein Beitrag zur Theorie und Gattungstypologie des zeitgenössischen interkulturellen Romans in Großbritannien, Trier 2001.

