Kultur: Mehr als nur ein Wort – Ein tiefgreifender Einblick in den Kulturbegriff

Das Wort “Kultur” ist allgegenwärtig, doch seine genaue Bedeutung bleibt oft vage. In der heutigen Gesellschaft und in den Geisteswissenschaften wird es häufig verwendet, ohne dass eine klare Definition zugrunde liegt. Während die Kulturwissenschaften eine Renaissance erleben und den Kulturbegriff neu beleuchten, führt die Vielzahl an Definitionen in verschiedenen Disziplinen zu einer zunehmenden Unübersichtlichkeit. Im Alltag sind wir mit Komposita wie Alltagskultur, Diskussionskultur oder Fußballkultur konfrontiert, was die breite und manchmal undefinierte Anwendung des Begriffs verdeutlicht.

Der Ursprung des Wortes “Kultur” liegt im lateinischen “colere”, was so viel wie “pflegen” oder “bearbeiten” bedeutet und ursprünglich auf den Ackerbau verweist. Diese landwirtschaftliche Wurzel spiegelt einen zentralen Aspekt wider: Kultur bezeichnet das vom Menschen Geschaffene, im Gegensatz zum Natürlichen. Die Entwicklung des modernen Kulturbegriffs markiert eine Erweiterung dieses Sinns von der reinen Landwirtschaft hin zur “pädagogischen, wissenschaftlichen und künstlerischen ‘Pflege’ der individuellen und sozialen Voraussetzungen des menschlichen Lebens selbst”. Kultur wird somit zum Modell für die Kultivierung von Gesellschaften, eine “Kunst”, durch die Menschen ihr Überleben und ihre Entwicklung sichern. Im weitesten Sinne umfasst Kultur die vom Menschen geschaffene Welt der geistigen Güter, materiellen Artefakte und sozialen Institutionen – die Gesamtheit der erworbenen Denk- und Handlungsweisen, Werte und Lebensformen einer Gemeinschaft.

Es ist daher sinnvoll, von verschiedenen Kulturbegriffen im Plural zu sprechen, da unterschiedliche Disziplinen wie Anthropologie, Soziologie oder Geschichtswissenschaft den Begriff jeweils anders definieren. Diese Vielfalt spiegelt sich auch in den gesellschaftlichen und sozialen Gruppen wider, was die Bedeutungsvielfalt des Kulturbegriffs weiter erhöht. Andreas Reckwitz hat eine nützliche Typologie entwickelt, die vier Hauptarten von Kulturbegriffen unterscheidet:

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Der normative Kulturbegriff

Dieser Ansatz ist wertend und unterscheidet zwischen als hochgeschätzt anerkannten ästhetischen Phänomenen und Praktiken – der sogenannten “Hochkultur” – und Alltags-, Massen- oder Populärkultur, die hierbei ausgegrenzt werden. Die historische Entwicklung zeigt jedoch eine Überwindung dieser engen Definition hin zu einem breiteren, wertneutraleren Verständnis, das sowohl die Hochkultur als auch die Volkskultur einschließt.

Der totalitätsorientierte Kulturbegriff

Im Gegensatz zum normativen Ansatz konzentriert sich dieser Begriff auf “ganze Lebensformen” und rückt die Gesamtheit der Denk-, Handlungs- und Wahrnehmungsmuster von Kollektiven in den Mittelpunkt. Er erkennt die Vielfalt und Gleichwertigkeit von Kulturen an und versteht Kultur als die Summe aller kollektiv verbreiteten Glaubens-, Lebens- und Wissensformen, die eine Gesellschaft prägen. Dieses Verständnis ist beispielsweise in der Anthropologie und Ethnologie verbreitet, während die anglo-amerikanischen “Cultural Studies” sich oft auf Alltags- und Populärkultur konzentrieren. Feiern und Rituale spielen hierbei eine wichtige Rolle bei der Vermittlung und Erneuerung kultureller Werte.

Der differenztheoretische Kulturbegriff

Dieses Konzept, das aus der Soziologie stammt und in der Systemtheorie ausgearbeitet wurde, grenzt Kultur stark auf den Bereich der Kunst, Bildung, Wissenschaft und anderer intellektueller Aktivitäten ein. Kultur wird hier als ein spezialisiertes Teilsystem der modernen Gesellschaft betrachtet, das funktionale Leistungen im Bereich intellektueller und ästhetischer Weltdeutungen erbringt. das kulturelle gedächtnis ist ein Beispiel für die Auseinandersetzung mit diesen intellektuellen und wissenschaftlichen Aspekten von Kultur.

Der bedeutungs- und wissensorientierte Kulturbegriff

In den letzten Jahren hat sich eine fachübergreifende Präferenz für diesen Ansatz gezeigt, der Kultur als den von Menschen erzeugten Komplex von Vorstellungen, Denkformen, Werten und Bedeutungen begreift, der sich in Symbolsystemen materialisiert. Dieser semiotische Ansatz erkennt an, dass Kultur sowohl eine materielle (Kulturgüter) als auch eine soziale und mentale Dimension hat. Konzepte wie “Kultur als Text” oder “Kultur als Zeichensystem” fallen in diese Kategorie.

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Akzeptanz der Vielfalt und Funktionen von Kultur

Trotz der verschiedenen Definitionen besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass Kultur vom Menschen gestaltet wird und nicht auf elitäre Formen beschränkt werden darf. Die erweiterte Betrachtung schließt bewusst Medienkultur ein und entprivilegiert die sogenannte “hohe Kultur”. Insgesamt fungiert Kultur sowohl integrativ nach innen, indem sie zur Identitätsbildung beiträgt, als auch hierarchisch und ausgrenzend nach außen. Die Fokussierung auf Standardisierungen des Denkens, Fühlens und Handelns kann jedoch dazu führen, Kulturen als homogen wahrzunehmen, was durch Ansätze zur Inter-, Multi- und Transkulturalität entgegengewirkt wird. Ein Verständnis von Kultur, das die Vielfalt und Dynamik innerhalb von Gemeinschaften betont, ist entscheidend für ein umfassendes Bild.

Die Auseinandersetzung mit verschiedenen Kulturbegriffen ist unerlässlich, um die Komplexität und Vielschichtigkeit des Phänomens “Kultur” in Deutschland und weltweit zu erfassen. Indem wir die unterschiedlichen Perspektiven verstehen, können wir die Rolle der Kultur in Gesellschaft, Wissenschaft und im alltäglichen Leben besser einordnen und würdigen.