Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit: Wie wir unsere Realität erschaffen

Peter L. Berger, 2010

Die soziale Realität, wie wir sie tagtäglich erleben, ist keine feste Gegebenheit, sondern ein fortlaufendes Produkt menschlicher Interaktion, Deutung und Institutionalisierung. Dieses grundlegende Prinzip entfalten Peter L. Berger und Thomas Luckmann in ihrem wegweisenden Werk “Die gesellschaftliche Konstruktion Der Wirklichkeit” aus dem Jahr 1966. Das Buch ist weit mehr als nur ein theoretischer Grundpfeiler der Wissenssoziologie; es hat die Kommunikationswissenschaften, die Medientheorie und die Kulturwissenschaften maßgeblich beeinflusst und unsere Sicht auf die soziale Ordnung fundamental verändert. Berger und Luckmann verdeutlichen, dass der Alltag eine Bühne ist, auf der soziale Ordnung permanent erschaffen, verhandelt und stabilisiert wird.

Der soziologische und historische Kontext des Werkes

Entstanden in den dynamischen 1960er-Jahren, spiegelte das Buch den gesellschaftlichen Umbruch wider: Demokratisierung, die Betonung des Individuums, neue soziale Bewegungen und die Entstehung vielfältiger Öffentlichkeiten führten zu einer intensiven Auseinandersetzung mit den Fundamenten sozialer Ordnung. Berger und Luckmann bauten auf den Ideen der phänomenologischen Soziologie Alfred Schütz’ auf, grenzten sich jedoch vom Strukturfunktionalismus ab, der soziale Ordnung als Ergebnis funktionaler Beiträge einzelner Elemente sah. Stattdessen favorisierten sie eine Mikroperspektive, die das Alltagswissen und die soziale Interaktion in den Mittelpunkt rückte. Damit schlossen sie an den Symbolischen Interaktionismus (George Herbert Mead) und die Ethnomethodologie (Harold Garfinkel) an.

Die Kernfrage, die Berger und Luckmann umtreibt, lautet: Wie kann es sein, dass Menschen ihre eigene Schöpfung – die soziale Wirklichkeit – als objektiv und selbstverständlich erfahren? Sie untersuchen, wie durch alltägliches Handeln, Sprache und die Bildung von Institutionen stabile Ordnungsstrukturen entstehen, die wir als „Realität“ wahrnehmen. Die Wirklichkeit des Alltags ist somit ein soziales Konstrukt, das jedoch nicht willkürlich, sondern als historisch gewachsene und intersubjektiv geteilte Konstruktion zu verstehen ist.

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Peter L. Berger, 2010Peter L. Berger, 2010© Foto: Felix Grünschloss/ ZAK – Zentrum für Angewandte Kulturwissenschaft und Studium Generale des KIT – Karlsruher Institut für Technologie

Die zentralen Thesen: Externalisierung, Objektivierung, Internalisierung

Berger und Luckmann beschreiben die Entstehung von Gesellschaft als einen dialektischen Prozess, der sich in drei Stufen vollzieht:

  1. Externalisierung: Menschen handeln, schaffen Bedeutungen und gestalten aktiv die soziale Wirklichkeit.
  2. Objektivierung: Diese Bedeutungen verfestigen sich und nehmen Gestalt an – sei es in Rollen, Normen oder festen Institutionen.
  3. Internalisierung: Nachfolgende Generationen übernehmen diese verfestigten Bedeutungen und verinnerlichen sie als scheinbar objektive, gegebene Wirklichkeit.

Dieser Prozess erklärt, wie beispielsweise eine einfache Norm wie das Ausziehen der Schuhe vor dem Betreten eines Hauses zur sozialen Selbstverständlichkeit wird. Zunächst ist es die Idee einer Gruppe, die durch Wiederholung und sprachliche Verstärkung („Das macht man hier so“) objektiviert wird. Kinder, die in diesem Umfeld aufwachsen, internalisieren diese Norm und erleben sie als natürlichen Teil ihrer Realität, selbst wenn sie sich in einem anderen kulturellen Kontext befinden.

Institutionalisierung und Legitimation

Institutionen sind für Berger und Luckmann nichts anderes als verfestigte Handlungsmuster, die durch Regeln, Symbole und zugewiesene Rollen abgesichert werden. Sie dienen der Stabilisierung der sozialen Ordnung und schaffen Verlässlichkeit und Vorhersehbarkeit im Alltag. Über Legitimationssysteme – seien es Religion, Wissenschaft, Recht oder Tradition – wird die bestehende Ordnung gerechtfertigt und als notwendig oder richtig dargestellt. Auch die anerkannte Autorität der Polizei, wie im zweiten Beispiel skizziert, ist keine naturgegebene Größe, sondern das Ergebnis eines sozialen Konstruktionsprozesses, bei dem bestimmte Verhaltensweisen als respektvoll oder angemessen etabliert werden und in der Gesellschaft verinnerlicht werden.

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Die Schlüsselrolle der Sprache

Die Sprache ist für Berger und Luckmann das primäre Medium, durch das Wirklichkeit strukturiert und tradiert wird. Sie ermöglicht nicht nur die Kommunikation, sondern auch die Speicherung und Weitergabe von sozialem Wissen über Generationen hinweg. Erst durch Sprache können komplexe soziale Ordnungen überhaupt erst entstehen und aufrechterhalten werden.

Sozialisation als Wirklichkeitsvermittlung

Der Prozess der Sozialisation ist entscheidend für die Verinnerlichung der sozialen Ordnung. Die primäre Sozialisation in der Kindheit legt die grundlegende Struktur der erlebten Wirklichkeit fest. Die sekundäre Sozialisation, beispielsweise durch die Übernahme von Berufsrollen oder die Integration in spezifische soziale Gruppen, differenziert und erweitert diese Wirklichkeitsstruktur. Hier entsteht, was Berger und Luckmann als “subjektive Wirklichkeit” bezeichnen – die persönliche Wahrnehmung und Interpretation der Welt.

Rezeption und anhaltende Bedeutung

“Die gesellschaftliche Konstruktion Der Wirklichkeit” gilt als ein Meilenstein der modernen Soziologie. Das Werk hat den Sozialkonstruktivismus maßgeblich geprägt und beeinflusst bis heute die Diskursanalyse, Cultural Studies und die Medienwissenschaften. Kritiker merkten an, dass das Buch Machtverhältnisse und materielle Bedingungen tendenziell unterbeleuchtet, was spätere kritische Theorien aufgriffen.

Dennoch bleibt die zentrale These von Berger und Luckmann – dass soziale Ordnung nicht gegeben, sondern gemacht ist – von immenser Aktualität. In einer Welt zunehmend pluraler, sich digital beschleunigender und oft konkurrierender Wirklichkeiten ist das Verständnis der Prozesse ihrer sozialen Konstruktion unerlässlich. Das Buch ist ein Schlüsseltext für jeden, der verstehen möchte, wie Gesellschaft im Alltag durch Sprache, Routinen, Institutionen und geteilte Deutungsmuster kontinuierlich reproduziert wird.