Karl Schlögels 2015 erschienenes Werk “Entscheidung in Kiew. Ukrainische Lektionen” hat im März 2022, angesichts der russischen Invasion, eine bemerkenswerte Aktualität erlangt. Das Buch, das unlängst als “Buch der Stunde” bezeichnet wurde, beleuchtet mit beunruhigender Präzision die politischen Entwicklungen und liefert gleichzeitig tiefgehende Einblicke in ukrainische Städte. Schlögels Analyse seiner eigenen Rolle als Historiker und Beobachter historischer Wendepunkte wirft die dringende Frage auf, welche konkreten Beiträge Zeithistoriker*innen in Krisenzeiten leisten können.
Die Ukraine im Fokus: Eine prophetische Warnung
Bereits 2014, nach der Annexion der Krim und der Besetzung von Teilen der Ostukraine, erkannte Karl Schlögel die existenzielle Bedrohung für den ukrainischen Staat. Seine einführenden Worte “Wir wissen nicht, wie der Kampf um die Ukraine ausgehen wird; ob sie sich gegen die russische Aggression behaupten oder ob sie in die Knie gehen wird, ob die Europäer, der Westen, sie verteidigen oder preisgeben wird. Nur so viel ist gewiss: Die Ukraine wird nie mehr von der Landkarte in unseren Köpfen verschwinden.” (S. 9) klingen heute, im Jahr 2022, wie eine unheilvolle Vorahnung. Seine Mahnung, dass wir uns in einem “Ernstfall” befänden, für den wir “denkmittel und Verhaltensformen … denkbar schlecht gerüstet” seien, und dies gelte umso mehr für praktische Friedenssicherung und militärische Wehrhaftigkeit (S. 289), hat sich auf tragische Weise bestätigt.
Die scheinbar prophetischen Einschätzungen Schlögels werfen die Frage auf, warum die von ihm so eindringlich beschriebenen Bedrohungsszenarien für die Ukraine nicht schon früher im kollektiven Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit verankert waren. Schlögel und andere warnten wiederholt vor dem aggressiven Charakter Putins, doch weite Teile der deutschen Politik und Gesellschaft wollten diese Gefahr lange Zeit nicht wahrhaben. Seine Warnungen wurden oft ignoriert oder nur von wenigen ernst genommen, was auch an der Struktur seines Buches lag.
Selbstreflexion und Neubewertung
Der erste Teil des Buches gleicht einer akribischen Selbstbefragung Schlögels. Er räumt ein, die Ukraine und ihre Geschichte lange Zeit vernachlässigt zu haben. Angesichts von Euro-Maidan und russischer Besetzung sei nun seine “Stunde der Wahrheit” gekommen. Kritiker*innen bezeichneten das Buch als “Zeugnis der Desillusion – und der Empörung”, verfasst in der Form eines Vorwurfs, auch gegen sich selbst. Diese Interpretation übersah jedoch Schlögels eigentliche Absicht: die Auseinandersetzung mit der überraschenden Rückkehr der Bedrohung im Europa des 21. Jahrhunderts. Er beschreibt, wie die “Geschichtszeit mit einem großen Knall zurück” kehrte und einen Grund zur “Beunruhigung” gab, der als “unheimlich” bezeichnet werden könne (S. 290).
Gleichzeitig strebte Schlögel eine Neujustierung des Verhältnisses zwischen russischer/sowjetischer und ukrainischer Geschichte an. Er plädierte dafür, die ukrainische Geschichte eigenständig zu betrachten und die Ukraine nicht länger als bloße “Hinterhof, Glacis, Einflusssphäre, Pufferzone und Objekt anderer” zu sehen. Stattdessen müsse sie als Subjekt mit einer eigenen Vorstellung von ihrer Geschichte anerkannt werden, so wie jeder anderen Nation (S. 38f.). Im Deutschland des Jahres 2015, das vom Thema Flüchtlingskrise und dem Projekt “Nord Stream 2” dominiert wurde, fand diese Perspektive jedoch kaum Gehör. Die Berichte über Nationalisten auf dem Majdan und Kämpfer in der Ostukraine prägten das Bild, und Schlögels bedingungsloses Eintreten für die ukrainische Nation als Teil des europäischen Projekts wurde von manchen als einseitig und pathetisch empfunden.
Urbane Einblicke und historische Meisterschaft
Wer sich weniger für die politischen Implikationen interessierte, konnte “Entscheidung in Kiew” für seine literarischen Annäherungen an ukrainische Städte schätzen. Die acht Stadtporträts, verfasst zu unterschiedlichen Zeiten – vor dem Fall des Eisernen Vorhangs, um die Jahrtausendwende sowie in den Krisenjahren 2014/15 – demonstrieren Schlögels meisterhaftes Können als Historiker. Seine radikale Subjektivität und Sprachkunst faszinieren, doch manchmal lässt er sich so sehr vom Gegenstand mitreißen, dass er mehr als dessen Anwalt denn als Analytiker erscheint. Angesichts der aktuellen Zerstörungen in Charkiw und der Bedrohung Kyjiws gewinnen diese Texte eine beklemmende Dringlichkeit, die auf das Ausmaß kommender Katastrophen und Verluste hindeutet.
Die Rolle der Zeithistoriker*innen in der Krise
Der Krieg Russlands in der Ukraine markiert einen Epochenbruch von globaler Bedeutung. Doch was können Zeithistoriker*innen in einer solchen Krise konkret tun? Schlögels Antwort aus den Jahren 2014/15 lautete: Schritt halten mit den Ereignissen und moralisch Partei ergreifen. Diese Haltung gilt bis heute.
Konkret bedeutet dies, dass Historikerinnen gefordert sind, die Ereignisse einzuordnen, historische Kontexte zu erklären und Falschinformationen entgegenzutreten. Dies kann in verschiedensten Medien geschehen, von Fernsehsendungen bis hin zu Schulklassen-Diskussionen. Es ist zudem unerlässlich, Quellen für zukünftige Analysen zu sichern – Videos, Social-Media-Beiträge und Chatverläufe werden die Basis für die Geschichtsschreibung dieses Krieges bilden. Angesichts der Bedrohung ukrainischen Kulturerbes durch den Krieg sind globale Initiativen zur Sicherung von Bibliotheken und Archiven von entscheidender Bedeutung. Vor allem aber benötigen Kolleginnen aus der Ukraine, die ihre Heimat verlassen mussten, Perspektiven zur Fortsetzung ihrer Arbeit. Gleiches gilt für jene aus Russland und Belarus, die den Krieg ablehnen. Hier ist unkomplizierte und langfristige Unterstützung durch Fellowships und Stipendien gefragt. Auch wenn institutionelle Kooperationen mit russischen Einrichtungen ruhen, dürfen die Verbindungen zu russischen Kolleg*innen nicht abbrechen; gerade jetzt ist Solidarität wichtig.
Ein Appell an die Zukunft
Alle diese Aktivitäten sind relevant, doch ihr Erfolg ist ungewiss. Schlögel mahnt, dass dem Aufbau von Gegenwehr eine lange und qualvolle Zeit der Destabilisierung, Fragmentierung und Atomisierung vorausgeht. Die Frage, ob wir diese Übergangszeit in ein anderes Europa “aushalten, ob wir sie durchstehen?” (S. 17), ist heute dringlicher denn je. Die Antwort darauf liegt in der Hoffnung und im gemeinsamen Handeln.
