Wie gefällt Ihnen das Anthropozän bisher? Ein Gespräch mit John Green über sein erstes Sachbuch

John Green, bekannt für seine gefeierten Jugendromane, wagt sich mit “Wie gefällt Ihnen das Anthropozän bisher?” erstmals an ein Sachbuch für Erwachsene. Dieses Werk ist nicht nur eine Reflexion über die tiefgreifenden Veränderungen unserer Zeit, sondern auch ein persönlicher Versuch, die eigene Existenz im Kontext des Anthropozäns – des Zeitalters, in dem der Mensch zum bestimmenden Faktor für das globale Klima und die Ökosysteme geworden ist – besser zu verstehen. In einem exklusiven Gespräch teilt Green seine Gedanken über die größten Unterschiede zum Romanschreiben, die treibenden Kräfte unserer Ära und die essenzielle Rolle von Aufmerksamkeit.

Vom Fiktiven zum Persönlichen: Eine neue Schreibperspektive

Der größte Unterschied beim Schreiben von Fiktion im Vergleich zu “Wie gefällt Ihnen das Anthropozän bisher?” liegt für Green darin, die Vorstellungskraft zu nutzen, um das Leben anderer zu erforschen. Dieses Sachbuch verfolgt jedoch einen anderen Ansatz: Es ist ein bewusster Versuch, das eigene Leben und die prägenden Kräfte, die es beeinflussen, besser zu durchdringen. “Ich wollte einige der großen Kräfte abbilden, die das Leben der Menschen heute prägen”, erklärt Green. Während des Schreibprozesses trat eine dieser Kräfte besonders hervor: das neuartige Coronavirus, das die Welt im Sturm eroberte und die menschliche Existenz auf unvorhergesehene Weise beeinflusste.

Aufmerksamkeit als Währung im Anthropozän

Auf die Frage, was er damit meine, dass das Buch ein Versuch sei, “sein Leben zu leben”, antwortet Green, dass er lange Zeit versucht habe, sich durch Ironie und Zynismus zu schützen. In diesem Buch strebt er danach, auf eine Weise zu schreiben, die er auch im Leben anstrebt: enthusiastisch und mit offenem Herzen. Er betont die Wichtigkeit, dem Leben aufmerksam zu begegnen, da Aufmerksamkeit letztlich unsere kostbarste Ressource ist. “Dieses Buch ist mein Versuch, der Außenwelt achtsam und stetig meine Aufmerksamkeit zu schenken. Aber auch der Welt in meinem Inneren.” Diese Achtsamkeit gilt sowohl den externen Phänomenen als auch den internen Gedanken und Gefühlen.

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Macht und Ohnmacht im Angesicht globaler Krisen

“Wie gefällt Ihnen das Anthropozän bisher?” beleuchtet verschiedene Facetten des menschlichen Daseins im größeren Kontext unserer Zeit und ihrer inhärenten Widersprüche. Green thematisiert, wie die Menschheit gleichzeitig eine beispiellose Macht über den Planeten erlangt hat und doch einer tiefen Ohnmacht gegenübersteht. Wir ro tten Arten im Dutzend aus, scheitern aber daran, uns selbst zu retten. Die Pandemie und der Klimawandel haben dieses Spannungsfeld noch verschärft. Green erkennt an, wie wir radikal in die Biodiversität und das Klima eingreifen, aber dennoch zerbrechlich und verletzlich bleiben. Ein einzelner RNA-Strang kann uns zerstören, und die großen Herausforderungen wie Covid-19 und der Klimawandel erfordern ein kollektives, globales Engagement, bei dem die Menschheit bisher kläglich versagt hat. Dennoch will Green die Hoffnung nicht aufgeben, denn er glaubt, dass es immer Gründe zur Hoffnung gibt. Sein Buch ist auch eine Untersuchung, warum wir die existenziellen Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht, immer wieder unterschätzen.

Die allumfassende Schönheit der Sonnenuntergänge

Trotz der Auseinandersetzung mit menschlichen Widersprüchen und dem Scheitern durchzieht das Buch eine Fülle von Momenten voller Hoffnung und Schönheit – von atemberaubenden Sonnenuntergängen bis hin zum Flüstern geliebter Menschen. Auf die Frage nach seinem Lieblingskapitel hebt Green den Essay über Sonnenuntergänge hervor. Diese seien nicht nur schön, sondern ihre Schönheit sei allumfassend und transzendiere kulturelle und zeitliche Grenzen. Jeder Mensch, der je auf diesem Planeten gelebt hat, habe wahrscheinlich schon einmal innegehalten, um die Schönheit eines Sonnenuntergangs zu bewundern. Zugleich kritisiert Green, wie diese Schönheit zu einem kitschigen Klischee verkommen sei. Sein Anliegen war es, Sonnenuntergänge mit neuen Augen zu betrachten und sie auf eine Art zu lieben, die weder sentimental noch kitschig ist. Diese Auseinandersetzung mit der Schönheit im Angesicht globaler Krisen spiegelt sich auch in unserem Artikel über die schönsten Naturphänomene Deutschlands wider.

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Die persönliche Reise ins Anthropozän

Green erzählt die Geschichte der Menschheit auf eine persönliche und tief bewegende Weise. Ursprünglich wollte er neutral und unpersönlich bleiben, doch seine Frau ermutigte ihn, sich selbst in das Buch einzubringen. “Im Anthropozän gibt es keine unbeteiligten Beobachter, sondern nur Teilnehmer”, sagte sie, und dies half ihm zu verstehen, dass seine eigene Perspektive und seine Erfahrungen die Welt, die ihn umgibt, prägen. “Es ist mit Abstand mein bisher persönlichstes Buch, und mein erster Versuch, wirklich über mich als Person zu schreiben.” Diese persönliche Herangehensweise macht “Wie gefällt Ihnen das Anthropozän bisher?” zu einem eindringlichen Plädoyer für Achtsamkeit, Hoffnung und die Notwendigkeit, sich den Herausforderungen unserer Zeit mit offenem Herzen zu stellen.