Der Journalist und Autor Thilo Mischke hat sich nach der Kontroverse um seine geplante Moderation der Kultursendung „ttt – titel, thesen, temperamente“ erstmals ausführlich geäußert und schwere Vorwürfe gegen die ARD erhoben. Mischke, der ab Februar die Sendung hätte übernehmen sollen, wurde nach einer Debatte über sein früheres Buch „In 80 Frauen Um Die Welt“ (2010) von der ARD freigestellt. Er kritisiert, dass die ARD die Angelegenheit ohne vorherige Absprache mit ihm und ohne Auseinandersetzung mit dem betreffenden Werk entschieden habe.
Mischke wirft der ARD in einem Interview mit der „Zeit“ Versagen vor und bemängelt, dass die Verantwortlichen das Buch vor der Entscheidung weder gelesen noch sich mit ihm besprochen hätten. „Die ARD hat versagt“, so Mischke. Diese Haltung stehe im Gegensatz zu seinem Verständnis von journalistischer Sorgfalt und Diskussionskultur.
Die Kontroverse um “In 80 Frauen um die Welt”
Im Kern der Kritik steht Mischkes Buch „In 80 Frauen Um Die Welt“ aus dem Jahr 2010, in dem er das Liebesleben in verschiedenen Ländern schildert. Mehr als 100 Vertreter aus der Kulturszene forderten in einem offenen Brief Mischkes Absetzung, was schließlich zum Rückzieher der ARD führte, nachdem diese zunächst an ihm festhalten wollte. Mischke räumt ein, dass das Buch sexistisch und rassistisch sei und Passagen enthalte, die er heute kritisch sieht. Er erklärt, dass er damals noch nicht das nötige sprachliche Bewusstsein gehabt habe und einige der beschriebenen Szenen, wie die Begegnung mit einer indischen Flugbegleiterin, ausgedacht oder auf Erzählungen von Freunden basierten.
Der 43-Jährige betont, dass er dem Verlag und der ARD im Vorfeld offen die Problematik des Buches kommuniziert habe. „Meines Wissens hat niemand von denen das Buch gelesen oder mit dem Verlag gesprochen“, zitiert die „Zeit“ aus dem Interview. Er beschreibt das Buch als Darstellung einer unsicheren Figur, die durch die Abwertung von Frauen ihr Selbstbewusstsein zu steigern versuche, verteidigt aber auch das literarische Recht, solche Charaktere darzustellen.
Vorwürfe gegen ARD und die Sendung “ttt”
Mischke kritisiert die Art und Weise, wie die Debatte geführt wurde, als unsachgemäß und diffamierend. „Diese Debatte, ob ich eine Kultursendung moderieren darf, wurde ohne mich geführt. Das hat mir die Beine weggerissen“, erklärt er. Er habe der Redaktion von „ttt“ vorgeschlagen, sich selbstkritisch mit seinem Buch auseinanderzusetzen, was jedoch abgelehnt worden sei. Mischke äußert zudem den Verdacht, dass es der ARD nicht mehr nur um das Buch ging, sondern um eine pauschale Aburteilung seiner Person. Er schildert ein Gespräch mit einem ARD-Chefredakteur, in dem dieser fragte, ob „etwas rauskommen könne“, was Mischke als implizite Unterstellung einer schweren Straftat deutet.
Auch seine designierte Co-Moderatorin, Siham El-Maimouni, habe sich geweigert, mit ihm zu sprechen oder das Buch zu lesen, und sei von der Richtigkeit der im Internet kursierenden Darstellungen seines Frauenbildes überzeugt gewesen. Mischke hebt hervor, dass er sich seit Jahren von solchen Themen distanziert habe und sich stattdessen auf Filme, Reportagen, Podcasts und weitere Bücher konzentriert, darunter ein Spiegel-Bestseller.
Kritik am Kulturbetrieb und Vergleich mit Privatsendern
Mischke wirft dem Kulturbetrieb und insbesondere der Sendung „ttt“ Arroganz vor, nachdem ihm nahegelegt wurde, lieber im Privatfernsehen zu arbeiten. Er empfindet diese Aussage als Ausdruck von Ausgrenzung und meint, dass dies durch einen Blick auf die Sendung „ttt“ deutlich werde. Ironischerweise stellt er fest, dass ProSieben, wo er auch als Investigativreporter tätig ist, höhere journalistische Standards an den Tag lege und sich seine dortigen Kollegen intensiver mit seinem Schaffen auseinandergesetzt hätten.
Juristisches Nachspiel und interne Aufarbeitung
Für die ARD könnte der Rauswurf Mischkes noch ein juristisches Nachspiel haben. Mischke bestätigte, dass die ARD ihm 6500 Euro gezahlt und die Angelegenheit damit als vertraglich geklärt betrachtet habe. Ob es zu einem Rechtsstreit kommen wird, ließ er offen. Eine Sprecherin der ARD wollte sich zu Details aufgrund eines laufenden internen Aufarbeitungsprozesses nicht äußern. Dieser Fall wirft ein Schlaglicht auf die Herausforderungen im Umgang mit kontroversen Inhalten und die Bedeutung einer fairen und transparenten Diskussionskultur im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

