„Ihr glücklichen Augen, was je ihr gesehen, es sei wie es wolle. Es war doch so schön.“
Johann Wolfgang von Goethe
Das Reisen hat für jeden von uns eine einzigartige Bedeutung. Momente, in denen man sich kneifen muss, um die Realität des eigenen Standorts zu begreifen – tausende Kilometer von zu Hause entfernt – sind oft von tiefer Dankbarkeit erfüllt. Diese Dankbarkeit muss sich nicht auf weite Entfernungen beschränken; sie ist eine Frucht des Erlebens selbst, unabhängig von der zurückgelegten Strecke. Interessanterweise sehen wir selbst an denselben Orten nicht immer dasselbe. Die Aufnahmen meines Mannes und meine eigenen ähneln sich oft, doch durch seine Linse entdecke ich manchmal Dinge, die mir entgangen sind, und er fängt Gefühle ein, die ich hatte. Ähnlich verhält es sich mit Elke Heidenreichs neuestem Werk, das sich dem Unterwegssein und bleibenden Reiseeindrücken widmet. Es sind die Begegnungen, die Begleiter:innen, die eine Reise prägen. Ihr Buchtitel, ein Zitat aus Goethes Faust, fasst diese Essenz treffend zusammen.
Elke Heidenreich ist viel gereist, beruflich wie privat, und ihre Fähigkeit zu erzählen ist unbestritten. Mit Spannung darf man erwarten, was sie von ihren Exkursionen mitgebracht hat. Denn wie heißt es so schön: „Wer eine Reise tut, der kann was erzählen.“
Ihr glücklichen Augen von Elke Heidenreich – Kurze Geschichten zu weiten Reisen
Heidenreich liebt Menschen, doch manchmal gehen sie ihr auf die Nerven. Stellt sie sich die Frage: Reisen wir wegen der Orte oder wegen der Menschen? Und was bedeutet Heimat wirklich? Wir sind heute keine wurzellosen Nomaden mehr, doch die Sehnsucht nach dem Fortgehen bleibt. Was treibt uns an? Was ist der Motor unseres Reisens? Vieles ist heute möglich, was früher undenkbar oder unbezahlbar war. Ein Flug bringt uns binnen Stunden auf einen anderen Kontinent – eine Pandemie einmal ausgenommen. Wer es vermag, reale und geträumte Orte zu bewohnen, ist kein Tourist. Ein Gedanke, der mich begleitet, ebenso wie der, dass auch eine gedankliche Reise eine Reise ist.
Meine Reise beginnt mit Frau Heidenreich in Paris in den 70er Jahren. Sie nimmt mich mit zu Freunden, Theaterbesuchen und geselligen Runden in Restaurants mit rot-weiß karierten Tischdecken. Dann, nahtlos, geht es zum Nacktbaden nach Zürich. Sie poliert mein Italienisch auf, während ich mit ihr in Villen mit Zitronenhainen nahe Mailand zu Gast bin. Plötzlich ist Umberto Eco am Telefon, und die blauen Augen von Richard Ford lassen Frau Heidenreich erröten wie ein Backfisch. Dass sie Günter Grass nicht leiden kann, ist kein Problem – sie geht erst zur Einladung, wenn er weg ist. Dumm nur, dass er davon erfährt.
Wir sehen Gent, aber nur mit der großen Liebe, die uns nicht zurückliebt. Schade, aber schön war es trotzdem. Das ewig Böse wohnt vielleicht in Schottland. Wir durchqueren Schottland, auf den Spuren von Macbeth. Eine Landschaft lehrt uns Ehrfurcht vor der Schönheit, kurz nachdem in New York die Zwillingstürme explodierten. Wir erfahren, wer das Talent zum Glücklichsein hat und dass ein Schal aus feuerroter Seide und Ohrclipse an den Ballerinas gegen das „Mausigsein“ wirken – gerade so eben, vor einem Besuch der Scala.
Manches ist lange her, schon nicht mehr wahr. Schaufensterpuppen im heimischen Wohnzimmer und andere Mitbringsel erinnern an gemeinsame Abende. Opernbillets stehen für Nähe, wie sie nur die Musik schaffen kann. Frau Heidenreich wirkt plaudernd und herrlich unprätentiös. Sie erzählt, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, vom Hundertstel ins Tausendstel, humorvoll und augenzwinkernd. So viele kluge Gedanken und herrliche Sätze habe ich mir notiert. Ich könnte endlos zitieren. Doch wie schon bei ihren „Männern in Kamelhaarmänteln“ habe ich mich entschieden, ihre Geschichten von ihr selbst vorlesen zu lassen.
Elke Heidenreich, geboren am 15. Februar 1943 in Korbach, ist Journalistin, Schriftstellerin, Literaturkritikerin, Moderatorin und Kabarettistin – eine Frau mit vielen Talenten. Sie liest ihre Abenteuer gerne selbst ein, und das ist gut so. Wer könnte authentischer wiedergeben, was ihr in den Sinn gekommen ist? Die Hörbuchfassung, erschienen bei Random House Audio, ist schlichtweg unfassbar gut. Rund fünf Stunden dauert diese Hör- und Zeitreise, die eine unglaubliche Dichte an Eindrücken bietet.
Sie kann es einfach, die Frau Heidenreich. Sie lässt mich mitfühlen, mitlachen und erzählt vortrefflich. Ihr Literaturgeschmack ist erlesen – das wissen wir und schätzen ihn. Er begegnet uns auch auf ihren Reisen, wie sie vielen Menschen begegnet ist, wohin es auch ging. Mit Shakespeare wandernd durch die schottischen Highlands oder mit Pessoa von Peking nach Hause. Es sind die Begegnungen, die bereichern: die echten und die literarischen. Von den Fidschis geht es nach Danzig, über Stockholm, ein Gedicht von Joseph von Eichendorff begleitet uns. Wie meist nähert sich Elke Heidenreich ihren Reisezielen literarisch an und verschmäht Reiseführer. Auf rasender Fahrt durch Kairo im Taxi hat sie Rudyard Kipling im Hinterkopf. Mit dem Sportteam des ZDFs geht es zur Olympiade 1988 nach Seoul, und in Lissabon treffen wir Fernando Pessoa wieder, Heidenreichs sperrigen Lieblings-Poeten, und sein „Buch der Unruhe“ – das will ich jetzt lesen!
„Ich betrachte das Leben als eine Herberge, in der ich verweilen muss, bis die Postkutsche des Abgrunds eintrifft. Ich möchte heute, an diesem Tag, muss durch darf ersetzen.“
Zitat Fernando Pessoa
Einiges habe ich mit Frau Heidenreich gemeinsam entdeckt, und das Liebste ist mir: Wir sind beide im Petersdom gestanden und haben Tränen vergossen, weil es nicht anders geht, wenn man vor Michelangelos römischer Pietà steht. Es ist unglaublich, wie man einem Stein auf diese Weise Leben einhauchen kann. Michelangelo war Mitte Zwanzig, als er diese Skulptur 1499 fertigstellte und damit einen Skandal auslöste. Offenbar fühlte sich auch 1972 ein Attentäter provoziert, der das Kunstwerk mit 12 Hammerschlägen schwer beschädigte. Wie Frau Heidenreich konnte ich es nur noch in seiner restaurierten Form hinter Panzerglas bewundern. Doch selbst durch das Glas hindurch vermag es uns so sehr zu berühren, dass man die Fassung verliert.
Manchmal sei sie nur fortgegangen, um am Ende wieder hier zu sein – verrät sie. Zu Hause. Aber eben anders. Denn jede Reise verändert etwas mit uns, manchmal unbemerkt, aber immer. Unser Blickwinkel wandelt sich, weil wir jetzt dort gewesen sind, wo wir hin wollten. Angekommen vielleicht auch – sage ich. Denn das klappt nicht immer. Bei mir zumindest. Elke Heidenreich sucht im Spiegel in ihrem Gesicht nach den Spuren ihrer Reisen und fragt sich, wie sie aussehen würde ohne sie? Ihr Nachdenken gefällt mir sehr. Es wirft mich auf mich selbst zurück. Warum bin ich gerne unterwegs, komme aber mindestens genauso gerne wieder zu Hause an? Kann genau das genießen: Mich sortieren. Neuen Anlauf nehmen.
Wir erfahren viel von ihr, dem Ruhrpottgewächs, das gerne Piratin geworden wäre und auf Reisen immer Einkehr in einem der Opernhäuser dieser Welt hält. Denn, so sagt sie, die ganz große Musik verbindet Menschen – überall. Egal ob in Venedig, New York oder Havanna, aber besonders bei Wagner in Shanghai. Da ist kein Prahlen, nur Staunen. Überall das, was am Weg liegt, und die Kleinigkeiten abseits ausgetretener Pfade. Dankbarkeit auch für diesen Erlebensreichtum. Sie lässt uns hieran teilhaben, und ich war gerne dabei, wenn sie eloquent und von ihrem Standpunkt aus durchaus kritisch das Weltgeschehen hinterfragend plaudert. Sie geht zielstrebig auf die Achtzig zu, kokettiert dabei aber nie mit ihrem Alter; es spielt keine Rolle, es gehört zu ihr wie diese Geschichten, die sie uns nicht alle erzählen könnte, hätte sie weniger Meilen auf dem Tacho.
„Nie mehr wieder so etwas Schönes sehen“ – wie hier, in Neuseeland, dem „Sound of Silence“ lauschend, mit zugeschnürtem Herzen. Ich beneide Elke Heidenreich um viele ihrer Erlebnisse und erinnere mich gleichzeitig an ähnliche Momente an anderen Orten. Würde am liebsten sofort einen Koffer packen und Gedichte von Dylan Thomas lesen, der zeitlebens von Sehnsucht und Heimweh erfüllt war, während Heidenreich endet, wie sie begonnen hat: aus vollem Lauf und einfach mittendrin.

