Der 1. FC Lok Stendal blickt auf eine lange und ereignisreiche Geschichte zurück, die tief in der Fußballtradition der DDR verwurzelt ist. Von den bescheidenen Anfängen als SG Nord bis hin zu Erfolgen in der höchsten Spielklasse hat der Verein zahlreiche Meilensteine erreicht und sich als fester Bestandteil der deutschen Fußballlandschaft etabliert.
Die Anfänge: Von der Gründung bis zur DDR-Oberliga
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der traditionsreiche Fußball in Stendal, einst vertreten durch Viktoria Stendal, neu organisiert. Aufgrund der politischen Gegebenheiten mussten bestehende Vereine aufgelöst werden, und in Stendal formierte sich 1945 die Sportgemeinschaft Stendal-Nord. Diese entwickelte sich weiter zur SG Blau-Weiß und später zur SG Eintracht. Im September 1949 fusionierte die SG Eintracht mit anderen Betriebssportgemeinschaften zur BSG Eintracht „Hans Wendler“ Stendal, die kurz darauf in BSG Lokomotive Stendal umbenannt wurde.
Der Aufstieg in die höchste DDR-Fußballklasse, die Oberliga, gelang im Jahr 1950. In den folgenden Jahren etablierte sich Lok Stendal im unteren bis mittleren Tabellenbereich. Ein erster sportlicher Höhepunkt war die Saison 1956, in der die Mannschaft unter Trainer Gerhard Gläser den vierten Tabellenplatz erreichte – die beste Platzierung in der Geschichte der BSG. Diese Erfolgsphase wurde von durchschnittlich 8.200 Zuschauern in der Wilhelm-Helfers-Kampfbahn bejubelt. Ernst Lindner avancierte zum Torschützenkönig der Oberliga und trat damit in die Fußstapfen von Kurt Weißenfels.
Doch die Freude währte nicht lange: Nach einer enttäuschenden Saison 1957 stieg Lok Stendal ab. Es folgte eine Zeit als „Fahrstuhlmannschaft“ mit ständigen Auf- und Abstiegen. Erst Mitte der 1960er Jahre konnte sich das Team stabilisieren und spielte vier Jahre lang im Mittelfeld der Oberliga. Regelmäßig ausverkaufte Spiele, insbesondere die Derbys gegen den 1. FC Magdeburg, zogen Tausende von Zuschauern an.
Der letzte Auftritt in der DDR-Oberliga fand in der Saison 1967/68 statt. Nach einem letzten Tabellenplatz musste Lok Stendal den Gang in die DDR-Liga antreten, aus der die Erstklassigkeit nie wieder erreicht werden sollte.
FDGB-Pokal: Triumphe und Enttäuschungen
Der FDGB-Pokal war Schauplatz einiger denkwürdiger Momente für Lok Stendal. Bereits 1952 erreichte die Mannschaft das Halbfinale, wurde jedoch kurz vor dem Endspiel wegen eines nicht freigegebenen Spielers disqualifiziert. Ein besonderer Erfolg gelang in der Saison 1965/66, als Lok Stendal nach Siegen gegen namhafte Oberligisten wie den FC Carl Zeiss Jena, Berliner FC Dynamo und den FC Hansa Rostock das Finale erreichte. In Bautzen unterlag die Mannschaft jedoch knapp mit 0:1 gegen die BSG Chemie Leipzig.
Zwischen 1950 und 1990 erreichte Lok Stendal insgesamt sechsmal das Achtelfinale, viermal das Viertelfinale, einmal das Halbfinale und einmal das Pokalfinale.
Die Ära nach der Wende: Neuanfang und Herausforderungen
Mit dem Fall der Mauer und dem Ende der DDR standen auch Lok Stendal vor tiefgreifenden Veränderungen. Die Unterstützung durch das Reichsbahnausbesserungswerk entfiel, und die BSG-Sektion Fußball gründete am 6. Februar 1990 den FSV Lok Altmark Stendal. Nach einer Fusion mit dem 1. FC Stendal entstand 2002 der 1. FC Lok Stendal, der jedoch in den folgenden Jahren mit finanziellen Schwierigkeiten und Insolvenzverfahren konfrontiert war.
Sportlich qualifizierte sich der Verein nach der Wende zunächst für die neu gegründete drittklassige NOFV-Liga Nordost. Das beste Ergebnis in dieser Liga war Platz 5 im Jahr 1992. Ein Höhepunkt war 1995 das Erreichen des Viertelfinales im DFB-Pokal, wo sich der damalige Regionalligist erst im Elfmeterschießen dem Bundesligisten Bayer 04 Leverkusen geschlagen geben musste.
Seit 2003 spielte der 1. FC Lok Stendal in der Verbandsliga Sachsen-Anhalt, die nach der Einführung der 3. Liga zur sechstklassigen Liga wurde. Nach 14 Jahren gelang 2017 als Verbandsligameister die Rückkehr in die Oberliga Nordost. Im Jahr 2018 erreichte Stendal das Landespokalfinale und qualifizierte sich für die Hauptrunde des DFB-Pokals 2018/19, wo man dem Zweitligisten DSC Arminia Bielefeld unterlag.
Der 1. FC Lok Stendal hat trotz aller Herausforderungen seine Tradition bewahrt und kämpft weiterhin um sportliche Erfolge, wobei die Unterstützung der treuen Fans stets ein wichtiger Rückhalt ist. Die Geschichte des Vereins ist ein lebendiges Zeugnis für die Leidenschaft und den Zusammenhalt im deutschen Fußball.

