Benjamin Ziemanns Werk “Gesellschaft ohne Zentrum. Deutschland in der differenzierten Moderne” unternimmt den ehrgeizigen Versuch, die Geschichte der modernen deutschen Gesellschaft aus der Perspektive der Theorie der funktionalen Differenzierung nach Niklas Luhmann zu beleuchten. Dieses Buch stellt eine direkte Herausforderung an etablierte Ansätze der Geschichtsschreibung dar, wie etwa die deutsche Gesellschaftsgeschichte von Hans-Ulrich Wehler, die sich primär auf Max Webers soziologische Konzepte stützt. Ziemann argumentiert, dass die funktionale Differenzierung ein überlegenes Werkzeug zum Verständnis moderner Gesellschaften bietet.
Das Buch gliedert sich in neun Kapitel, die zunächst (Kapitel 1-4) die deutsche Gesellschaft zwischen 1871 und 1980 als zunehmend funktional differenziert darstellen. Darauf folgen drei Kapitel, die spezifische gesellschaftliche Teilsysteme wie Religion, Politik und Sport untersuchen. Die letzten beiden Kapitel widmen sich soziologischen Gesellschaftsbeschreibungen des 20. Jahrhunderts und den Folgen der funktionalen Differenzierung.
Obwohl der Titel und Ziemanns Positionierung gegenüber namhaften Historikern ein umfassendes Gesamtbild suggerieren, relativiert sich dieser Anspruch im Laufe des Buches. Ziemann selbst spricht in der Einleitung von “Fallstudien zur deutschen Gesellschaftsgeschichte von 1880 bis 1980” und liefert letztlich eher einzelne Kostproben als eine vollständige Darstellung. Die Auswahl der Fallstudien wirft Fragen auf, da sie sich oft auf weniger zentrale Phänomene oder Teilsysteme konzentriert, während dominante Treiber gesellschaftlicher Entwicklungen wie Wirtschaft und Politik nur am Rande behandelt werden.
Die Stärke der Theorie der funktionalen Differenzierung liegt in der Annahme, dass alle Teilsysteme von gleicher Bedeutung sind und kein System ein Primat über andere hat. Dennoch, so kritisiert die Rezension, verkennt Ziemann hierbei, dass die Einflussnahme einzelner Systeme auf das gesamtgesellschaftliche Geschehen variiert. Es ist kaum zu bestreiten, dass Systeme wie die Politik oder das Recht einen größeren Einfluss auf die Gesellschaft haben als beispielsweise die Kunst oder der Sport.
Ein weiterer Kritikpunkt ist die mangelhafte systematische Einführung in die differenzierungstheoretische Perspektive. Ziemann versäumt es, seine Theorie präzise und umfassend darzustellen und sie klar von konkurrierenden Ansätzen abzugrenzen. Stattdessen finden sich über das gesamte Buch verstreut, oft ungenaue Begriffsbestimmungen zu zentralen Konzepten wie “funktionale Differenzierung”, “binärer Code”, “Ausdifferenzierung” und “Polykontexturalität”. Dies erschwert das Verständnis für Leser, die mit der Theorie nicht vertraut sind, und dürfte Kenner der Materie verärgern.
Die Auswahl der empirischen Belege in Ziemanns Werk scheint stark von seinen persönlichen Forschungsinteressen beeinflusst zu sein, insbesondere von seiner Beschäftigung mit der katholischen Kirche, der Arbeiter- und der Friedensbewegung. Dieses Kriterium ist ungeeignet, um die vom Autor aufgestellte Behauptung zu untermauern, dass Luhmanns Theorie ein besseres Verständnis moderner Gesellschaften ermöglicht als andere soziologische oder historische Ansätze. Zudem führt Ziemann die differenzierungstheoretische Begrifflichkeit teilweise für triviale Aussagen an, wie die Feststellung, dass die Ausgrenzung jüdischer Minderheiten im Nationalsozialismus “durch Ausschluss aus den Funktionssystemen erfolgte”.
Trotz dieser Kritikpunkte enthält das Buch durchaus interessante Einzelbeobachtungen und differenzierungstheoretisch relevante Analysen. Besonders hervorzuheben sind Kapitel 4 über den Nationalsozialismus und Kapitel 7 über die Ausdifferenzierung des Sports. Die These, dass die politische Führung im Nationalsozialismus versuchte, die funktionale Differenzierung zurückzuschrauben, um die gesellschaftliche Kontrolle zu erhöhen, und dass dies in Systemen mit Erfolgsmedien gelang, aber in Massenmedien und dem Erziehungssystem scheiterte, verdient weitere Beachtung. Ziemanns Ausführungen zur Durchsetzung des sportlichen Codes von Gewinn/Verlust zeigen, wie zahlreiche Motive diesem Prozess entgegenstanden, da er dem “kapitalistischen Darwinismus” ähnelte.
Auch die Fallstudie zur katholischen Kirche nach 1945 in Kapitel 5 liefert überzeugende Einblicke. Ziemann widerlegt die einfache Säkularisierungsthese und zeigt eine Rollendifferenzierung in der Seelsorge sowie eine “Differenzierung kirchlicher Grundfunktionen” auf. Die Verlagerung des Fokus von der gesamtgesellschaftlichen Funktion hin zu Leistungsbezügen anderer Teilsysteme, insbesondere Intimbeziehungen, wird informativ dargestellt.
Insgesamt ist Benjamin Ziemanns “Gesellschaft ohne Zentrum” jedoch kein Buch, das uneingeschränkt empfohlen werden kann, wenn es darum geht, das Potenzial der differenzierungstheoretischen Perspektive für die Gesellschaftsgeschichte zu prüfen. Zwar vertritt die Rezensentin wie der Autor die Ansicht, dass die funktionale Differenzierung als zentrales Ordnungsmuster der Moderne historisch vernachlässigt wird, doch mangelt es Ziemanns Werk an Kohärenz und tiefergehender Analyse. Für Anhänger der Differenzierungstheorie mag das Buch dennoch eine Fundgrube für interessante empirische Entdeckungen sein, insbesondere zu weniger beachteten Teilsystemen der modernen Gesellschaft. Wer jedoch die deutsche Gesellschaftsgeschichte aus dieser theoretischen Brille neu verstehen möchte, wird von diesem Buch wahrscheinlich enttäuscht.

