Die Vielfalt der französischen Aperitifs: Eine Entdeckungsreise durch die Regionen

Frankreich ist nicht nur für seine exquisite Küche und weltberühmten Weine bekannt, sondern auch für seine reiche Kultur des Aperitifs. Jede Region hat ihre eigenen, oft tief verwurzelten Traditionen, wenn es um den Drink vor dem Essen geht. Von spritzigen Schaumweinen bis hin zu kräftigen Likören – die Vielfalt ist beeindruckend und spiegelt die einzigartigen Terroirs und historischen Einflüsse wider. Ob als leichter Auftakt oder als geselliges “Apéro dinatoire”, das zu einem legeren Abendessen wird, die französischen Aperitifs laden zu einer genussvollen Entdeckungsreise ein.

Regionale Aperitif-Spezialitäten Frankreichs

Nordfrankreich & Lothringen: Picon-Bière

Im Norden und Osten Frankreichs erfreut sich Bier großer Beliebtheit, das gerne mit dem bitteren Orangenlikör Picon verfeinert wird. Das Ergebnis ist ein süßerer, süffigerer und oft hochprozentigerer Genuss. Auch der Biermix “Monaco”, eine Kombination aus hellem Bier und Grenadinesirup, ist ein landesweit beliebter Aperitif.

Elsass: Crémant d’Alsace

Das Elsass, ähnlich wie die Bourgogne, produziert exzellente Schaumweine nach Champagnerart, die unter der geschützten Herkunftsbezeichnung AOC Crémant d’Alsace bekannt sind. Diese eleganten Tropfen, gerne auch als Rosé, passen hervorragend zu regionalen Spezialitäten wie Bretzeln.

Normandie: Cidre, Calvados & Pommeau

Die Normandie und Bretagne sind die Apfelparadiese Frankreichs. Aus den Früchten wird der süffige Cidre gekeltert, entweder in der milderen “doux”- oder der trockeneren “brut”-Variante. Zweimal gebrannter Apfelmost ergibt Calvados, einen bernsteinfarbenen Apfelbrand, der je nach Reifezeit (VO, VSOP, Napoléon, X.O.) an Samtigkeit und Aroma gewinnt. Ursprünglich als Digestif gedacht, wird Calvados auch als “trou normand” genossen. Eine interessante Mischung entsteht aus Apfelsaft und jungem Calvados, bekannt als Pommeau.

Bretagne: Cidre, Chouchen und Kir Breton

Auch die Bretagne ist eine Hochburg des Cidres, der dort traditionell aus großen Tonschalen getrunken und zu Crêpes und Galettes serviert wird. Ein Kir Breton kombiniert Cidre mit Johannisbeerlikör. Der Chouchen, ein fermentiertes Getränk aus Honig und Apfelwein, ist ein leicht prickelnder Aperitif mit etwa 12-14% Alkohol. Eine besondere Spezialität ist die Godinette, ein Likör aus Plougastel-Erdbeeren, bretonischem Eau-de-Vie und Weißwein, der als fruchtiger Sommerdrink bekannt ist.

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Jura: Macvin

Der Aperitif des Jura, Macvin, existiert in roten und weißen Varianten. Er entsteht durch die Verbindung von Marc (Tresterbrand) mit Traubensaft. Für den roten Macvin werden Pinot Noir, Trousseau oder Poulsard Trauben verwendet, für den weißen Chardonnay und Savagnin.

Vendée: Troussepinette & Chouanette

In der Vendée ist Troussepinette (auch Trouspinette) der beliebteste Aperitif, ein aromatisierter Wein, der kalt auf Eis oder warm genossen wird. Hergestellt aus den jungen Knospen wilder Schlehdornbäume, die in Wein (rot oder weiß), Trester oder Branntwein eingelegt werden. Chouanette ist ein fruchtiger Obstwein aus verschiedenen roten Gartenfrüchten, der gekühlt als Aperitif oder als Kir serviert wird.

Anjou: Soupe Angevine

In Angers, der Heimat des Orangenlikörs Cointreau, wird die Soupe Angevine kreiert. Sie ist eine Mischung aus Cointreau, prickelndem Crémant von der Loire, einem Spritzer Zitrone und Zuckersirup.

Bourgogne: Kir und Ratafia

Der weltbekannte Kir-Cocktail, bestehend aus Crème de Cassis und Weißwein, stammt aus Dijon. Varianten wie Blanc-Cassis (weniger Cassis) und Kir Royal (mit Schaumwein) sind ebenfalls beliebt. Weniger bekannt, aber nicht minder köstlich, ist Le Communard, eine Mischung aus Pinot Noir und Crème de Cassis. Ein typisch burgundischer Aperitif ist auch der Ratafia, eine Mischung aus Marc de Bourgogne oder Fine de Bourgogne und süßem Traubensaft.

Charente-Maritime: Pineau des Charentes

Der Pineau des Charentes ist ein edler Aperitif aus der Charente-Maritime, der angeblich durch einen zufälligen Unfall bei Winzern entstand. Er reift in Eichenfässern und ist in weißer, rosé oder roter Variante erhältlich, oft mit einer Reifezeit von bis zu zehn Jahren.

Périgord, Isère: Vin de Noix

Der Vin de Noix, ein nussiger Wein, verdankt seinen unvergleichlichen Geschmack grünen, unreifen Walnüssen. Er hat eine fruchtige Süße mit einem angenehm bitteren Abgang und wird in Regionen wie dem Périgord und Isère hergestellt. Ein einfaches Rezept dafür ist im Blog zu finden.

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Corrèze: Vin de paille / vin paillé

Der Vin de paille oder Vin paillé ist ein Süßwein aus der Corrèze, dessen Trauben auf Stroh getrocknet werden, um den Zuckergehalt zu konzentrieren. Traditionell von Familien als Hauswein hergestellt, erlebt er dank Pionieren wie Jean-Louis Roche eine Renaissance. Der rote vin paillé wird aus Cabernet Franc und Sauvignon hergestellt, der weiße aus Chardonnay und Sauvignon blanc. Nach der Trocknung der Trauben und der Pressung muss der Wein mindestens zwei Jahre reifen.

Bordeaux: Lillet

Rund um Bordeaux wird seit 1872 der Aperitif Lillet genossen. Ursprünglich ein Modedrink der High Society, erlebt er dank neuer Sorten und eines frischen Marketings eine Renaissance. Lillet besteht aus Weinen aus Vertragsanbau, Fruchtlikören und Chinarinde. Neben dem klassischen Weißwein gibt es auch Lillet Rouge und Rosé.

Südliches Bordelais: Edle Süßweine (Sauternes, Liquoureux de la rive droite)

In Sauternes, am linken Garonne-Ufer, entstehen durch die Edelfäule (Botrytis cinerea) einzigartige Süßweine. Die Trauben von Sémillon, Sauvignon Blanc und Muscadelle werden im Herbst weiter den Wetterbedingungen ausgesetzt, um diese besondere Fäule zu entwickeln, die den Weinen ihren charakteristischen Geschmack verleiht. Château d’Yquem gilt als herausragendes Weingut mit dem Status “Premier Grand Cru Supérieur”. Am rechten Ufer gedeihen die Süßweine der Appellationen Sainte-Croix-du-Mont, Loupiac und Cadillac, die eine günstigere Alternative zu den edlen Tropfen aus Sauternes darstellen.

Gers/Gascogne: Pousse Rapière & Floc de Gascogne

Der Pousse Rapière, erfunden in den 1960er Jahren auf dem Château Monluc, ist ein prickelnder Aperitif aus Orange, Armagnac und weißem Schaumwein. Sein Name leitet sich vom Degen ab, dem Symbol des Adels der Gascogne. Der Floc de Gascogne, ein hochprozentiger Aperitif, wird aus Armagnac und Traubensaft hergestellt und ist sowohl in weißer als auch in roséfarbener Variante erhältlich. Er passt gut zu Foie Gras und wird gerne in eine Melonenhälfte gegeben.

Languedoc: Cartagène

Le Cartagène ist ein typischer Aperitif aus dem Languedoc, der gut gekühlt serviert wird. Er besteht aus frischem Traubenmost und Weinbrand, oft ergänzt durch Zucker. Er passt gut zu Gänseleberpastete und wird auch zu den traditionellen Weihnachtsdesserts serviert.

Aude: Hydrocras, Blanquette & Wermut

Die Blanquette de Limoux aus dem Audetal gilt als die Mutter des Champagners, da sie angeblich von einem Mönch in der Abtei Saint-Hilaire erfunden wurde. Joseph Noilly gilt als Erfinder des ersten trockenen Wermuts. Sein Noilly Prat wird seit 1850 in Marseillan nach einem geheimen Rezept hergestellt, das auf südfranzösischen Weißweinen und einer Mischung aus zwanzig Kräutern basiert. Der Hypocras ist ein Honigwein aus den Corbières-Bergen.

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Pyrénées-Orientales: Byrrh, Muscat, Banyuls, Maury

Das Département Pyrénées-Orientales ist bekannt für seine süßen und aromatisierten Weine. Der Wermutklassiker Byrrrh sowie die vins doux naturels Muscat de Rivesaltes, Maury und Banyuls sind hier beheimatet. Diese Weine gibt es in verschiedenen Farben, abhängig von den Rebsorten und der Herstellungsweise. Der Muscat de Noël ist ein junger Muskatellerwein, der besonders zur Adventszeit als Aperitif geschätzt wird.

Provence: Pastis, Rosé und RinQuinQuin

Pastis, das berühmte Anisgetränk, wurde nach dem Verbot von Absinth in den 1930er Jahren populär und ist heute ein Symbol der provenzalischen Lebensart. Das Mischverhältnis von Pastis und Wasser variiert regional. Es gibt zahlreiche Pastis-Varianten mit verschiedenen Aromen wie Minze (Perroquet), Orgeat (Mauresque) oder Pfirsich (Pêche). Der Vin de Pêche, ein Pfirsichwein, der traditionell von Bauern selbst angesetzt wurde, ist heute als RinQuinQuin erhältlich. Roséweine aus der Provence, die als die ältesten französischen Weine gelten, werden im Sommer gerne als piscine (mit Eiswürfeln im Weinglas) genossen.

Korsika: Cap Corse & Co.

Der korsische Nationalaperitif ist Cap Corse, ein Rot- oder Weißwein-basiertes Getränk, das auf der Insel hergestellt wird. Der Capo Spritz ist eine beliebte Mischung aus Cap Corse und einem prickelnden korsischen Muscat.

Ardèche: Castagnou und Myro

In der Ardèche, wo Kastanien und Erdbeeren gedeihen, werden diese Früchte auch für Aperitifs verwendet. Castagnou ist ein Kir aus Weißwein und Kastanienlikör. Myro kombiniert Weiß- oder Roséwein mit Beerlikör.

Französische Alpen & Pyrenäen: Suze & Génépi

Der gelbe Enzian, der in den Hochgebirgen wächst, ist die Basis für Suze, einen Aperitif, der seit 1885 hergestellt wird. Génépi ist ein Kräuterlikör, der aus der Ährigen Edelraute gewonnen wird und sowohl als Aperitif als auch als Digestif beliebt ist.

Martinique, Guadeloupe: Ti Punch

Der Aperitif der französischen Antillen ist der Ti Punch, ein kleiner, aber hochprozentiger Drink aus lokalem Rum, braunem Rohrzucker und einem Spritzer Limone. Ob mit oder ohne Eis, er ist ein karibischer Klassiker.