Vor 50 Jahren veröffentlichte der französische Philosoph Michel Foucault sein wegweisendes Werk “Wahnsinn und Gesellschaft – Eine Geschichte des Wahnsinns im Zeitalter der Vernunft”. Dieses Buch hat nicht nur die Geschichtsschreibung der Psychiatrie revolutioniert, sondern auch unser Verständnis von Vernunft und Unvernunft grundlegend verändert. Foucaults These vom “eingeschlossenen Wahnsinn” bot eine radikal neue Perspektive, die bis heute nachwirkt und die traditionellen Fortschrittserzählungen in Frage stellt.
Die traditionelle Sichtweise auf die Psychiatrie
Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein wurde die Geschichte der Psychiatrie primär als eine Erfolgsgeschichte wissenschaftlicher Erkenntnis und fortschreitender Humanität betrachtet. Historiker wie Erwin Ackerknecht und Edward Shorter zeichneten ein Bild, das von den Anfängen der Heil- und Versorgungsanstalten im späten 18. Jahrhundert bis zu den modernen Praxen reicht. Sie teilten die Psychiatriehistoriker in “Apologeten”, “Revisionisten” und “Neoapologeten” ein, je nachdem, ob sie einen kontinuierlichen Fortschritt in der Linderung menschlichen Leidens sahen oder kritischer mit der Entwicklung umgingen. Edward Shorter, selbst ein “Neoapologet”, betonte die Realität der Geisteskrankheit und sah in der biologischen Psychiatrie den jüngsten Meilenstein auf dem Weg zum Erfolg.
Foucaults Bruch mit Konventionen
Michel Foucault, ursprünglich Psychologe und geprägt durch seine Berührungspunkte mit der Psychiatrie und experimenteller Psychologie, brach radikal mit diesen Konventionen. Sein 1961 erschienenes Werk “Wahnsinn und Gesellschaft” (Originaltitel: “Folie et déraison. Histoire de la folie à l’âge classique”) betrachtet die Geschichte des Wahnsinns nicht als Fortschrittsgeschichte, sondern als eine Geschichte sozialer, moralischer und imaginärer Kontexte, in denen sich die Psychiatrie entwickelt hat.
Foucault lehnte die Vorstellung einer objektiven, von historischen Entwicklungen unabhängigen Beschreibung psychischer Erkrankungen ab. Stattdessen analysierte er die Beziehungen zwischen Vernunft und Unvernunft als historisch gewachsene Konstrukte. Er argumentierte, dass die “Geste, die den Wahnsinn abtrennt”, gleichzeitig Vernunft und Wahnsinn hervorbrachte und damit eine Kluft schuf, die zu einem “Schweigen” zwischen beiden führte. Die Sprache der Psychiatrie, so Foucault, sei lediglich ein Monolog der Vernunft über den Wahnsinn, der auf diesem Schweigen aufgebaut sei. Seine Arbeit verstand er weniger als eine Geschichte der psychiatrischen Sprache, sondern als eine “Archäologie dieses Schweigens”.
Die “große Einschließung” und neue Perspektiven
Foucault begann seine Darstellung am Ende des Mittelalters, wo er die Internierung von Menschen, die als “irrsinnig” galten, und ihre Verbringung von Stadt zu Stadt beschrieb. Das “Narrenschiff” von Sebastian Brant wurde zum Symbol für eine aufkommende Unruhe und die Ambivalenz des Wahnsinns als Bedrohung und Objekt des Spotts. Mit der klassischen Epoche, insbesondere unter Ludwig XIV., sah Foucault eine systematische Unterdrückung und Internierung nicht nur von Wahnsinnigen, sondern auch von Arbeitsunwilligen und anderen Außenseitern in Institutionen wie dem Pariser Hôpital général.
Die traditionelle Erzählung von der “Befreiung der Wahnsinnigen” durch Ärzte wie Philippe Pinel im späten 18. Jahrhundert wies Foucault entschieden zurück. Er interpretierte Pinels und Samuel Tukes Behandlungsansätze als neue Formen der Unterwerfung und Repression, die durch Klassifikation, Schuldzuweisungen und bürgerliche Normen gekennzeichnet waren. Für Foucault war der Wahnsinn nicht primär eine Krankheit, sondern ein relatives Phänomen, das sich im Verhältnis zur Vernunft definierte. Der “Irre” sei weniger Opfer von Illusionen, sondern jemand, dessen “Bewegung seines Geistes” von der bürgerlichen Vernunft abweicht.
Die bleibende Bedeutung von Foucaults Werk
Foucaults Werk stellt die Grundannahmen über Fortschritt und Humanität in der Psychiatriegeschichte radikal in Frage. Seine Idee vom “eingeschlossenen Wahnsinn” und die Untersuchung von “Machteffekten” psychiatrischen Wissens eröffneten neue Wege für die kritische Auseinandersetzung mit Institutionen und Diskursen. Auch wenn Historiker Foucaults These von der “großen Einschließung” im 17. Jahrhundert heute mehrheitlich ablehnen, bleibt sein Verdienst unbestritten: Er zwang die Wissenschaft und die Gesellschaft, die historischen und sozialen Bedingungen von “Wahnsinn” und “Vernunft” neu zu durchdenken und die komplexen Machtverhältnisse innerhalb des psychiatrischen Feldes kritisch zu hinterfragen. Sein Buch bleibt ein unverzichtbares Werk für jeden, der die Geschichte des Denkens und des sozialen Wandels verstehen möchte.

