Die Natur lockt mit majestätischen Gipfeln, malerischen Küsten und kristallklaren Bergseen. Outdoor-Bekleidungshersteller werben oft mit Bildern unberührter Landschaften, doch die Kleidung selbst kann eine erhebliche Umweltbelastung darstellen. Chemische Rückstände aus Allwetterjacken finden sich in Flüssen und Gletschern, Mikroplastik aus Fleece-Pullovern und Funktionsshirts wird sogar in der Arktis und in der Karibik nachgewiesen. Da die meisten dieser Kleidungsstücke aus synthetischen Fasern auf Mineralölbasis gefertigt werden, ist ihre Produktion zudem energieintensiv. Dies ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist die Funktionalität: Outdoorjacken sind wahre Alleskönner – leicht, komprimierbar, wärmend, atmungsaktiv und schützend vor Regen, Wind und Sonne. Natürliche Fasern wie Wollfilz sind zwar warm, aber deutlich schwerer, und gewachste Jacken bieten nur kurzfristigen Schutz. Ist synthetisches Material also alternativlos?
Der Textilforscher Kai Nebel von der Hochschule Reutlingen gibt zu bedenken, dass man an Synthetikfasern für Outdoor-Aktivitäten kaum vorbeikommt, da viele Materialien schlichtweg zu gut sind. Er betont jedoch, dass die gezielte Auswahl von Outdoorbekleidung und deren lange Nutzungsdauer entscheidend sind. Nebel hinterfragt kritisch, ob es wirklich für jede Aktivität – vom morgendlichen Radfahren über die nachmittägliche Wandertour bis hin zum abendlichen Yoga-Kurs – eine spezielle Hose bedarf. Oftmals seien Nutzer für einfache Touren überauswändig für Expeditionen ausgestattet, was nicht nur Geld kostet, sondern auch die Umwelt unnötig belastet.
Das Etikett als Wegweiser
Doch wie findet man als Verbraucher die eine vielseitige und umweltfreundliche Hose? Ein genauer Blick auf das Etikett ist unerlässlich. Insbesondere Regenbekleidung mit einer sogenannten PFC-Beschichtung geriet in Verruf. Diese Chemikalien stehen im Verdacht, krebserregend zu sein, und sind trotz Warnungen von Umweltorganisationen wie Greenpeace, die sich für ein europaweites Verbot einsetzen, immer noch verbreitet. Sie finden sich in vielen Imprägniersprays und Membranen wie Gore-Tex. Einige Hersteller bieten bereits Alternativen an, wie Regenbekleidung mit Beschichtungen aus Ecorepel oder Bionic-Finish Eco, die als deutlich weniger schädlich gelten. Sympatex verzichtet gänzlich auf PFC und setzt auf eine Membran, die vor allem in Regen- und Sportbekleidung, Skijacken und Wanderschuhen zum Einsatz kommt.
Auch Fleece-Kleidung stand lange in der Kritik. Beim Waschen gibt der weiche Stoff Mikroplastik ab – bis zu zwei Gramm pro Waschgang. Über das Abwasser gelangen diese Partikel in die Umwelt. Die Textilingenieurin Maike Rabe von der Hochschule Niederrhein forscht seit Jahren zu Kleidungsemissionen und fand in Testwaschgängen heraus, dass Fleece in den ersten beiden Waschgängen etwa 60 Prozent des Mikroplastiks freisetzt. Sie empfiehlt daher, Fleece-Jacken möglichst lange zu tragen, idealerweise fünf bis sechs Jahre, und sie stets in gut gefüllten Maschinen zu waschen, um übermäßiges Reiben und Faserbruch zu vermeiden.
Ein zweites Leben für Outdoor-Kleidung
Besonders nachhaltig ist Outdoor-Bekleidung, die lange genutzt, verliehen oder gebraucht gekauft wird. Secondhand-Plattformen wie secondhandoutdoor.de und der Ausrüster Globetrotter mit seinem Secondhand-Onlineshop (secondhand.globetrotter.de) sowie spezialisierte Läden wie 2ndpeak.ch in Zürich bieten hierfür Möglichkeiten. Auch das Mieten von Kleidung, wie der schwedische Hersteller Houdinisportswear.com es anbietet, ist eine umweltfreundliche Alternative.
Die Materialforschung hat jedoch Fortschritte gemacht. Umweltfreundlichere Fleece-Varianten kombinieren Synthetikfasern mit Zellulosegarnen wie Viskose oder Lyocell. Diese Stoffe sind so gewebt, dass sich beim Waschen primär die Zellstofffasern lösen, die sich in der Natur schnell abbauen. Produkte aus diesem Material sind oft unter dem Markennamen Tencel-Fleece erhältlich. Wer sich für reines Synthetik-Fleece entscheidet, sollte auf Modelle aus Recyclingmaterial zurückgreifen, die meist aus gebrauchten PET-Flaschen hergestellt werden. Rabe merkt an, dass eine Herstellung aus Altkleidern sinnvoller wäre, jedoch fehle der Modebranche oft noch ein funktionierendes Recyclingsystem.
Synthetikfreie Outdoor-Optionen
Für alle, die gänzlich auf Synthetik verzichten möchten, sind Shirts aus Merinowolle eine ausgezeichnete Wahl. Diese feine Schafwolle hat sich zu einem Favoriten in der Outdoorbranche entwickelt: Sie wärmt, kratzt nicht, zirkuliert die Luft, nimmt Feuchtigkeit auf, ohne sich nass anzufühlen, und ist geruchsresistent – oft genügt es, die Kleidung über Nacht auszulüften. Allerdings ist nicht alles an Naturmaterialien unbedenklich. Um die Wollproduktion zu steigern, werden Merinoschafe oft mit Hautfalten gezüchtet, in denen sich Parasiten festsetzen können. Die Entfernung dieser Falten, das sogenannte “Mulesing”, erfolgt in Australien – dem mit 90 Prozent weltgrößten Exporteur – häufig ohne Betäubung oder Schmerzmittel. Glücklicherweise achten einige Züchter auf Tierwohl und scheren die Hinterteile ihrer Tiere mehrmals im Jahr, um Parasitenbefall vorzubeugen. Siegel wie das “ZQ”-Zertifikat oder der “Responsible Wool Standard” kennzeichnen Wolle aus ethischer Produktion.
Eine noch bessere Alternative wäre die Verwendung von etwas kratzigerer, lokaler Wolle aus Europa. Christine Ladstätter, Produktentwicklerin bei Salewa, erklärt, dass Kunden diese für direkten Hautkontakt oft ablehnen, obwohl Großeltern noch Socken daraus trugen. Der Trick besteht darin, die Wolle mit einer Schicht weicherer, synthetischer Stoffe zu unterlegen. Viele Jacken des italienischen Herstellers sind mit speziell aufbereiteter Tirolwool aus den Alpen gefüttert. Diese Wolle stammt aus lokalen Tälern und wird in Italien gewaschen und gekämmt. Die Preise für Alpenwolle waren lange niedrig, sodass Schafzüchter ihre Schur oft als Sondermüll entsorgen mussten. Mittlerweile erfahren sie und ihre Arbeit wieder Wertschätzung, so Ladstätter. Die Schafe spielen zudem eine wichtige Rolle im alpinen Ökosystem, indem sie die Vegetation regulieren und so Lebensraum für Blumen und Kräuter schaffen.
Durch diese Entwicklungen erlebt auch eine fast vergessene Rasse eine Renaissance: das Villnösser Brillenschaf aus Südtirol. Früher kaum noch gezüchtet, wächst der Bestand seit einigen Jahren wieder. Mittlerweile gibt es sogar wieder eine Herde mit dunkelbraunem Fell. Salewa produziert daraus Mützen, die durch Mischung mit herkömmlicher weißer Wolle eine warme, mittelbraune Farbe ohne Farbstoffe ergeben.
Navigieren durch den Dschungel der Marken
- Vaude: Verzichtet auf PFC und setzt auf Tencel-Fleece sowie Daunen aus gebrauchter Bettwäsche. Bietet einen Reparatur- und Ersatzteilservice sowie Leihbekleidung an.
- Patagonia: Verfolgt einen ähnlich konsequenten Ansatz mit vielen Stücken, die das “Bluesign”-Siegel tragen. Reparaturanleitungen sind online verfügbar, und im Berliner Store gibt es eigene Secondhand-Kleidung.
- Jack Wolfskin, Fjällräven, Radys, Rotauf: Bieten PFC-freies Material an.
- Hess Natur: Verwendet Fleece aus Biobaumwolle.
- Bleed, Tierra, Odlo: Produzieren Outdoor-Mode aus Tencel-Fleece.
- Icebreaker, Ortovox, Devold, Engel Sports, Kaipara: Setzen auf Mulesing-freie Merinowolle.
- Mammut: Stellt Funktionsshirts beispielsweise aus gebrauchten Kletterseilen her.
- Klättermusen: Verwendet Nylon aus Recycling-Material.
- Pyua: Bietet Kleidung aus Recycling-Materialien an.
- Ortovox, Salewa: Nutzen regionale Alpenwolle (Swisswool oder Tirolwool).
GEO SAISON 12/2021

