Stand: 15. Januar 2026
Der Markt für Getränkelieferdienste in Deutschland ist hart umkämpft. Während sich einige Anbieter bereits wieder vom deutschen Markt zurückgezogen haben, verzeichnet die Oetker-Gruppe mit ihrem Startup flaschenpost ein signifikantes Wachstum. Diese Entwicklung wirft jedoch Fragen hinsichtlich der Wettbewerbsdynamik auf, insbesondere für kleinere, lokale Getränkelieferdienste.
Oetker und die strategische Übernahme von flaschenpost
Die Übernahme des Startups flaschenpost durch die Oetker-Gruppe Ende 2020, zu einer geschätzten Bewertung von einer Milliarde Euro, sorgte für Aufsehen. Zu dieser Zeit betrieb Oetker bereits einen eigenen Lieferdienst namens Durstexpress, und beide Unternehmen operierten noch in den roten Zahlen. Doch diese strategische Entscheidung hat sich ausgezahlt: Im zweiten Jahr in Folge erweist sich flaschenpost als wichtiger Wachstumsmotor für den traditionsreichen Konzern.
Im jüngsten Geschäftsbericht der Oetker-Gruppe wird der Geschäftsbereich “Weitere Interessen” hervorgehoben, wobei flaschenpost als Haupttreiber für die geplante deutliche Umsatzsteigerung genannt wird. Das Unternehmen prognostiziert für 2025 eine positive Entwicklung im E-Grocery-Markt, die sich voraussichtlich von der Gesamtmarktentwicklung im Lebensmitteleinzelhandel abheben wird.
Kleine Anbieter unter Druck durch aggressive Preisstrategien
Recherchen des ARD-Verbrauchermagazins Plusminus deuten darauf hin, dass Oetker bei der Expansion von flaschenpost auf Strategien setzt, die kleinere Lieferbetriebe zunehmend unter Druck setzen. Alexander von der Marwitz, Gründer eines Hamburger Getränkedienstes vor fast 25 Jahren, steht exemplarisch für diese Herausforderung. Mit 14 Fahrzeugen beliefert er täglich ganz Hamburg und erzielt einen Jahresumsatz von 1,5 Millionen Euro. Nach Abzug aller Kosten und Gehälter bleibt jedoch nur eine geringe Gewinnmarge.
Insbesondere die Sonderangebote, mit denen flaschenpost neue Kunden gewinnt, sind für kleine Anbieter kaum zu kontern. Beispielsweise wurde der Kasten Jever im Hamburger Liefergebiet von flaschenpost über einen mehrmonatigen Beobachtungszeitraum im ersten Halbjahr 2025 stichprobenartig immer wieder für 14,99 Euro angeboten. Laut von der Marwitz liegt sein eigener Einkaufspreis im Großhandel bei 13,80 Euro, beim Fachgroßhändler sogar bei 16,80 Euro. Diese Preise seien für ihn nicht darstellbar, da er seine eigenen Lieferkosten berücksichtigen müsse, was bei einer Spanne von nur einem Euro pro Kasten schlicht unmöglich sei.
Die Verflechtung von Brauereien und Lieferdiensten
Die strategische Positionierung der Oetker-Gruppe wird durch die Zugehörigkeit der Radeberger Gruppe, einer der größten privaten Brauereigruppen Deutschlands, weiter gestärkt. Radeberger gilt als Marktführer im deutschen Biermarkt und führt laut eigenen Angaben 80 verschiedene Biermarken aus 14 Standorten im Portfolio – darunter bekannte Marken wie Berliner Kindl, Radeberger Pils und Jever.
Ulrich Müller, Mitgründer von Lobby-Control und Experte für die Analyse politischer Unternehmensmacht, sieht hier potenzielle Interessenkonflikte. Seine Analyse von flaschenpost und dem angebotenen Produktsortiment wirft kritische Fragen auf: Erhalten andere Lieferdienste vergleichbare Konditionen und Zugang zu Produkten wie flaschenpost, das maßgeblich von der Radeberger Gruppe beliefert wird? Oder werden sie benachteiligt? Können andere Brauereien ihre Produkte gleichermaßen über flaschenpost vertreiben?
Das Bundeskartellamt sieht nach schriftlicher Mitteilung an den SWR derzeit keine Hinweise auf eine marktbeherrschende oder marktstarke Stellung des Oetker-Konzerns durch seine Beteiligung an flaschenpost. Bezüglich der Sorge kleinerer Lieferdienste, schlechtere Einkaufskonditionen von der Radeberger Gruppe zu erhalten als flaschenpost, erklärt das Kartellamt: “Konzernintern kann Oetker seinen Tochterunternehmen bessere und andere Konditionen gewähren; es gibt keinen Anspruch von Dritten auf Gleichbehandlung.”
Die Macht der Daten und potenzielle Wettbewerbsverzerrungen
Die Geschichte des Online-Getränkehandels in Deutschland reicht bis ins Jahr 2010 zurück, als wir-liefern-getränke.de an den Start ging. Nach Angaben des Betreibers, Team Beverage, nutzen aktuell rund 200 Getränkeeinzelhändler diese Plattform als ihren Onlineshop.
Ein entscheidender Schritt erfolgte 2018, als der Mehrheitsaktionär von Team Beverage, Transgourmet Deutschland, ein Joint Venture mit der Oetker-Gruppe einging. Dies geschah nur ein Jahr nachdem “Oetker Digital” als Reaktion auf das Startup flaschenpost den Getränkelieferdienst Durstexpress ins Leben gerufen hatte, der 2020 nach der Übernahme durch Oetker mit flaschenpost fusionierte. Somit ist Oetker indirekt Mitbetreiber eben jener Online-Plattform, auf der kleinere, unabhängige Getränkelieferdienste ihre Leistungen anbieten.
Experte Müller äußert Bedenken hinsichtlich möglicher Interessenskonflikte, wenn wir-liefern-getränke.de teilweise zur Oetker-Gruppe gehört. Es bestehe die Möglichkeit, dass Oetker kein Interesse daran hat, dass diese Plattform ihr volles Potenzial entfaltet, um stattdessen Kunden zu flaschenpost zu leiten. Müller betont die Notwendigkeit, die durch solche Konstruktionen entstehenden Ungleichgewichte stärker in den Blick zu nehmen. Zwar stelle dies nicht zwangsläufig einen Rechtsverstoß dar, doch stelle sich die Frage, ob eine präzisere Auslegung des Kartellrechts oder Nachschärfungen erforderlich seien, um problematische Entwicklungen wirksamer zu adressieren.
Mittelfristig sieht Müller auch negative Auswirkungen für Verbraucher. Wenn kleine Lieferdienste vom Markt verdrängt werden, könnten die Preise steigen, im Gegensatz zu einem Szenario mit funktionierendem Wettbewerb. Auf Anfrage von Plusminus lehnten flaschenpost, die Radeberger Gruppe und der Oetker-Konzern eine Stellungnahme ab.
Dieses Thema wurde am 11. Juni 2025 um 21:45 Uhr in der Sendung “Plusminus” im Ersten Programm behandelt.
