Erwin Kostedde: Der erste Schwarze Nationalspieler und die fortwährende Diskriminierung im deutschen Fußball

Am 22. Dezember 1974 betrat Erwin Kostedde als erster Schwarzer deutscher Fußballspieler das Spielfeld für die deutsche Nationalmannschaft. Über 50 Jahre später hat sich viel verändert: Heute sind Spieler wie Serge Gnabry, Antonio Rüdiger, Thilo Kehrer und Leroy Sane fester Bestandteil des Teams, und mit Gerald Asamoah und Jerome Boateng hat Deutschland seine ersten afrikanischstämmigen WM-Teilnehmer und -Sieger gefeiert. Doch trotz dieser Fortschritte kämpfen Schwarze Spieler im deutschen Fußball weiterhin mit unterschwelliger und offener Diskriminierung. Dies beleuchtet die Lebensgeschichte von Erwin Kostedde, der am 21. Mai seinen 75. Geburtstag feierte.

Die Entwicklung im deutschen Fußball kommentiert Kostedde, der einst eine beachtliche Karriere als Stürmer für Vereine wie Preussen Münster, MSV Duisburg, Kickers Offenbach, Hertha Berlin, Borussia Dortmund und Werder Bremen absolvierte und dabei 255 Tore erzielte, mit Erstaunen. “Ich hätte nie gedacht, dass so etwas passieren würde”, sagte er im Gespräch mit DW. “Die Schwarzen Spieler haben heute so viel Selbstvertrauen. Ich hätte mir nie vorstellen können, so selbstbewusst zu sein, als ich gespielt habe.”

Allein auf weiter Flur: Diskriminierung in der Nationalmannschaft

Kosteddes eigene Erfahrungen in der Nationalmannschaft waren jedoch von Isolation und Rassismus geprägt. Als Sohn einer deutschen Mutter und eines abwesenden amerikanischen GI-Vaters wurde er 1946 in Münster geboren. Sein Debüt in der “Nationalelf” war eine Sensation in der Presse, doch er fühlte sich allein gelassen. “Ich war allein, ich war wirklich allein”, erinnert er sich. Der damalige Bundestrainer Helmut Schön habe ihn gedrängt, Deutschland als rassistisch unbedenkliches Land darzustellen. Kostedde widersprach dem, was zu Spannungen führte.

Weiterlesen >>  Georg Teigl: Die lebensrettende Geste von Luka Lochoshvili, die den Fußball bewegte

Auf dem Spielfeld musste er stets mehr leisten als seine weißen Mitspieler. Fehler wurden ihm um ein Vielfaches negativ ausgelegt. “Ich konnte meine Fähigkeiten nicht zeigen, konnte mein Spiel nicht spielen, ich habe immer darüber nachgedacht”, beschreibt er den enormen Druck. Auch in der Umkleidekabine fühlte er sich nicht immer wohl, spürte Ablehnung und erlebte rassistisches Verhalten.

Die unerwartete Unterstützung durch Beckenbauer

Eine bemerkenswerte Ausnahme bildete Franz Beckenbauer. Obwohl sie als Gegner in der Bundesliga aufeinandertrafen – Kostedde trug mit zwei Toren maßgeblich zur historischen 6:0-Niederlage des FC Bayern München gegen Kickers Offenbach in der Saison 1974/75 bei –, verdankte Kostedde ihm seine zweite Nominierung für die Nationalmannschaft. Beckenbauer setzte sich dafür ein, dass Kostedde im März 1975 bei einem Freundschaftsspiel gegen England im Wembley-Stadion auflaufen durfte. “Beckenbauer hat das möglich gemacht. Ohne ihn hätte ich nicht gespielt”, so Kostedde anerkennend.

Rassismus im deutschen Fußball: Eine anhaltende Problematik

Obwohl verbale rassistische Entgleisungen heute seltener öffentlich geäußert werden als in den 1970er Jahren, sind sie nicht verschwunden. Fälle wie die rassistischen Beleidigungen gegen Jordan Torunarigha von Hertha BSC im DFB-Pokal 2019 oder gegen Leroy Sané und Ilkay Gündogan während eines Länderspiels im selben Jahr zeigen, dass das Problem fortbesteht.

Trotz der Erfolge und Talente Schwarzer Spieler ist Kostedde überzeugt, dass sie in Deutschland immer noch nicht gleichberechtigt behandelt werden. “Sie werden hier in Deutschland immer die zweite Wahl sein”, mahnt er und fügt hinzu: “Und achtet mal darauf, was passiert, sobald sie einen Fehler machen.” Dies unterstreicht die anhaltende Herausforderung, vollständige Inklusion und Gleichstellung im deutschen Fußball zu erreichen. Die jüngsten Anti-Rassismus-Proteste weltweit, die auch in deutschen Städten wie Berlin zu sehen waren, verdeutlichen die Dringlichkeit dieses Themas. Gerald Asamoah hat sich als einer der ersten offen gegen Rassismus im Fußball positioniert und setzt sich für mehr Vielfalt und Gleichberechtigung ein.

Weiterlesen >>  Deutschlands Vielfalt entdecken: Eine Reise durch Kultur, Geschichte und Natur

Ein Leben im Abseits?

Nach seiner aktiven Karriere zog sich Kostedde weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Die Erfahrung, 1990 fälschlicherweise eines bewaffneten Raubüberfalls beschuldigt und nach einer Zeugenaussage in einer Gegenüberstellung sechs Monate in Untersuchungshaft genommen worden zu sein, hat ihn tief getroffen. Obwohl er später freigesprochen und mit einer geringen Entschädigung bedacht wurde, war sein Vertrauen erschüttert.

“80% der Deutschen sind tolle Leute, aber 20% wollen nichts Gutes für Leute wie mich”, sagt er mit fester Überzeugung. “Ich spüre es, wenn ich in die Stadt gehe, ich bin nicht willkommen. Es ist dasselbe wie immer.” Kosteddes Worte spiegeln die schmerzhafte Realität wider, dass die gesellschaftliche Akzeptanz von Menschen mit Migrationshintergrund, auch nach Jahrzehnten im Land und trotz bedeutender sportlicher Erfolge, noch immer hinter den Erwartungen zurückbleibt. Die fortwährende Notwendigkeit, Diskriminierung zu bekämpfen und echte Gleichberechtigung zu fördern, bleibt eine zentrale Aufgabe für die deutsche Gesellschaft und den Fußball.