Erholung in Deutschland: Mehr als nur Urlaub – Ein Leitfaden für Berufstätige

Im hektischen Arbeitsalltag deutscher Berufstätiger rückt das Thema Erholung immer stärker in den Fokus. Eine Studie des Kölner Instituts für angewandte Gesundheitswissenschaften unter der Leitung von Prof. Allmer ergab, dass 63% der Arbeitnehmer in Deutschland sich nicht ausreichend von den Belastungen ihres Berufs erholen. Angesichts der Tatsache, dass erfolgreiche Erholung Hand in Hand mit psychischem und physischem Wohlbefinden geht und somit auch die Produktivität am Arbeitsplatz positiv beeinflusst, ist es unerlässlich, sich diesem Thema intensiver zu widmen. Dieser Artikel beleuchtet die wissenschaftliche Definition und Messung von Erholung, die verschiedenen Einflussfaktoren und die weitreichenden Konsequenzen, die sie für das Wohlbefinden hat. Darüber hinaus werden praktische Wege aufgezeigt, wie die Erkenntnisse der Erholungsforschung direkt am Arbeitsplatz umgesetzt werden können, um die Lebensqualität und Leistungsfähigkeit von Mitarbeitern nachhaltig zu verbessern.

Die wissenschaftliche Perspektive auf Erholung

Definition und Messung von Erholung

Obwohl eine umfassende, einheitliche Theorie der Erholung noch in der Entwicklung ist, lassen sich zwei zentrale Merkmale identifizieren. Erholung wird verstanden als ein Ausgleich von Über- und Unterforderungssituationen. Dies impliziert, dass Erholung entgegen der landläufigen Meinung nicht zwangsläufig einen Zustand der Ruhe bedeuten muss. Vielmehr deuten Forschungsergebnisse darauf hin, dass passive Erholungsformen effektiver bei der Bewältigung von Arbeitsstress sind als aktive Formen. Für Personen, deren Arbeit von Monotonie und Unterforderung geprägt ist, können anspruchsvolle Freizeitaktivitäten eine optimale Erholung darstellen. Grundlegend für das Stattfinden von Erholung ist die Annahme, dass zuvor beanspruchte Ressourcen in der Erholungsphase nicht weiter belastet werden. Erholung wird somit als ein dynamischer, bio-psycho-sozialer Prozess betrachtet, der sowohl körperliche und geistige Vorgänge als auch emotionale Zustände, individuelle Bewertungen und soziale Interaktionen umfasst. Die Debatte, ob Erholung primär als aktiver oder passiver Prozess zu verstehen ist, dauert an.

Weiterlesen >>  Erholung Sauerland: Ihr Wellness-Refugium im Herzen Deutschlands

Zur Erfassung des individuellen Erholungsverhaltens wurde der Recovery Experience Questionnaire (REQ) entwickelt. Dieser Fragebogen misst Erholung anhand von vier Dimensionen:

  1. Psychische Distanz zur Arbeit: Hierbei geht es um die Fähigkeit, gedanklich Abstand von beruflichen Themen zu gewinnen, also keine arbeitsbezogenen Tätigkeiten auszuführen oder über berufliche Probleme nachzudenken. Ein Beispiel für eine Frage ist: „In meiner Freizeit denke ich überhaupt nicht über die Arbeit nach.“
  2. Entspannung: Dieser Zustand ist charakterisiert durch geringe Aktivität und einen erhöhten positiven Affekt. Eine typische Frage lautet: „Ich nutze meine freie Zeit um mich zu entspannen.“
  3. Mastery (Bewältigung): Diese Dimension bezieht sich auf das Suchen von Herausforderungen in der Freizeit, die sich von den arbeitsbezogenen unterscheiden. Dies unterstreicht die Annahme, dass Erholung auch aktiv stattfinden kann. Eine Beispiel-Frage ist: „Ich tue Dinge, die mich herausfordern.“
  4. Kontrolle über die Freizeitgestaltung: Diese Dimension basiert auf dem menschlichen Bedürfnis nach Autonomie und der Selbstbestimmung über die eigene Lebensgestaltung, sowohl im Berufs- als auch im Privatleben. Eine Frage hierzu lautet: „Ich bestimme selbst, wie ich meine Zeit verbringe.“

Obwohl der REQ mit 16 Fragen relativ kurz ist und eine gute Messgenauigkeit aufweist, wird von den Autorinnen selbst kritisiert, dass der Aspekt sozialer Kontakte weniger stark berücksichtigt wird.

Einflussfaktoren und Konsequenzen der Erholung

Situative Faktoren am Arbeitsplatz, wie hoher Zeitdruck, Überstunden, berufliche Einschränkungen oder Rollenunklarheiten, zeigen Zusammenhänge mit den meisten Erholungsdimensionen. Auch Persönlichkeitsmerkmale und individuelle Stressbewältigungsstile, wie die Inanspruchnahme sozialer Unterstützung, scheinen eine Rolle zu spielen. Obwohl diese Zusammenhänge plausibel sind, erlauben die Studien nur bedingt Aussagen über die genaue Wirkungsrichtung. Die Qualität der Erholung beeinflusst nachweislich psychisches Wohlbefinden, wie emotionale Stabilität, Gesundheitsbeschwerden, Burnout-Symptome, depressive Symptome, Lebenszufriedenheit und Schlafprobleme.

Weiterlesen >>  Eifel Erholung: Motorradtour durch die Vulkaneifel – Entspannung pur!

Praktische Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse

Sieben Tipps für optimale Erholung

Basierend auf den Erkenntnissen von Sabine Sonnentag lassen sich folgende Empfehlungen für eine verbesserte Erholung ableiten:

  1. Hobbys und Sport: Widmen Sie sich in Ihrer Freizeit Hobbys oder sportlichen Aktivitäten, die Ihnen Freude bereiten.
  2. Vermeidung beruflicher Anforderungen: Meiden Sie in der Freizeit bewusst die spezifischen Anforderungen, die Ihre Arbeit stellt.
  3. Bewusstes Abschalten: Gerade bei langen Arbeitszeiten ist es wichtig, regelmäßig bewusst abzuschalten.
  4. Schutz der freien Zeit: Lassen Sie berufliche Telefonate oder E-Mails Ihre Freizeit und Ihren Urlaub nicht stören.
  5. Kurzurlaube vs. Langurlaub: Mehrere Kurzurlaube können ebenso erholsam sein wie ein langer Urlaub, da der Haupterholungseffekt in beiden Fällen nur ein bis zwei Wochen anhält.
  6. Aktive und passive Elemente: Gestalten Sie Ihre Erholung sowohl aktiv als auch passiv.
  7. Soziale Beziehungen: Pflegen Sie unterstützende soziale Beziehungen, da diese wesentlich zur Erholung beitragen.

Erholungsprogramme am Arbeitsplatz

Es ist anzunehmen, dass vielen Menschen die Notwendigkeit oder die Methoden der Erholung unbekannt sind. Diesem Umstand sollte durch eine verbesserte Kommunikation von Forschungsergebnissen und das Training von Erholungsstrategien begegnet werden. Da sowohl Einzelpersonen als auch Unternehmen von guter Erholung profitieren, ist die Implementierung von Erholungsprogrammen direkt am Arbeitsplatz naheliegend.

Nach einer individuellen Analyse des Erholungsverhaltens, beispielsweise mittels des REQ oder des Online-Erholungstests der AOK, können Unternehmen verhaltens- und verhältnispräventive Maßnahmen zur Förderung der Erholungszeiten ergreifen.

Maßnahmen zur Regeneration im Unternehmen

  • Entspannungsmethoden und Stressbewältigungstechniken: Einführung von Techniken wie Bauchatmung.
  • Ruheräume: Bereitstellung von Räumen zur Entspannung, gegebenenfalls mit visuellen Entspannungssystemen.
  • Aktive Pausengestaltung: Förderung von bewegten Pausen, z.B. durch Business-Yoga oder Fit@Work.
  • Überstundenmanagement: Klare Regelungen und Kontrolle von Überstunden, z.B. durch Software-Programme.
  • Regelungen zur mobilen Erreichbarkeit: Festlegung von Richtlinien zur ständigen Erreichbarkeit und zur digitalen Kommunikation.
  • Trennung von Arbeit und Freizeit: Maßnahmen zur besseren Abgrenzung von Berufs- und Privatleben, z.B. durch das Audit Beruf & Familie.
  • Arbeitsplatzgestaltung: Optimierung des Arbeitsplatzes im Hinblick auf Erholungsförderung durch Aspekte wie Farben, Licht und Belüftung.
Weiterlesen >>  Wellness und Erholung in Deutschland: Eine Auszeit für Körper und Seele

Zusammenfassung: Schlüssel zur optimalen Erholung

Das Konzept der Erholung ist wissenschaftlich fundiert und kann durch Instrumente wie den Recovery Experience Questionnaire präzise erfasst werden. Die Qualität individueller Erholung korreliert mit beruflichen situativen Faktoren und persönlichen Bewältigungsstrategien und beeinflusst maßgeblich das psychische Wohlbefinden sowie die Gesundheit. Ein enger Zusammenhang zwischen angemessener Erholung und der Leistungsfähigkeit von Arbeitnehmern ist daher anzunehmen. Die Empfehlung lautet daher, Schulungen zur Verbesserung der Erholungsfähigkeit anzubieten und/oder die Arbeitsbedingungen entsprechend anzupassen.

Autorin: Marie Klippel, Humboldt-Universität zu Berlin, 2013
Veröffentlichung: Artikel im Rahmen des Young-Health-Experts-Programms der UBGM

Quellen:

Allmer, H. (1996). Erholung und Gesundheit. Göttingen: Hogrefe Verlag.
AOK: Erholungsstrategien-Test. Online im Internet: www.aok.de/bundesweit/gesundheit/testen-sie-sich-test-erholungsbeduerftigkeit-14882.php (Stand: 20.01.2013).
Hobfoll, S. E. (1998). Stress, culture, and community: The psychology and physiology of stress. New York: Plenum Press.
Kölner Institut für angewandte Gesundheitswissenschaften: Erholen Sie sich gut? Ergebnisse eine Internetbefragung. Online im Internet: www.gesund-ev.de/essg.htm (Stand: 13.01.2013).
Meijman, T. F., & Mulder, G. (1998). Psychological aspects of workload. In P. J. D. Drenth & H. Thierry (Eds.), Handbook of work and organizational psychology (Vol. 2: Work psychology, 5–33). Hove, England: Psychology Press.
Sonnentag, S. & Fritz, C. (2007). The Recovery Experience Questionnaire: Development and Validation of a Measure for Assessing Recuperation and Unwinding from Work. Journal of Occupational Health Psychology, 12 (3), 204-221.
Trenberth, L., Dewe, P., & Walkey, F. (1999). Leisure and its role as a strategy for coping with work stress. International Journal of Stress Management, 6(2), 89-103.
Wieland-Eckelmann, R. (1994). Erholungsforschung: Beiträge der Emotionspsychologie, Sportpsychologie und Arbeitspsychologie. Weinheim: Beltz Verlag.
Wirtschaftspsychologie aktuell: Lernen von Sabine Sonnentag: Die optimale Erholung. Online im Internet: www.wirtschaftspsychologie-aktuell.de/lernen/lernen_20080619_Sabine_Sonnentag_ Die_optimale_Erholung.html (Stand 13.01.2013)