Die deutsch-türkischen Beziehungen sind ein komplexes Geflecht aus Geschichte, Wirtschaft und Politik, das auch unter der Führung von Bundeskanzler Olaf Scholz und Präsident Recep Tayyip Erdoğan eine besondere Dynamik aufweist. Trotz gemeinsamer Herausforderungen und politischer Differenzen gibt es beständige Bemühungen, die bilateralen Beziehungen zu gestalten und zu intensivieren. Diese Beziehung wird maßgeblich durch die Präsenz von rund 3 Millionen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland geprägt, die als Brückenbauer fungieren.
Historische Wurzeln und Entwicklung der Beziehungen
Die Verbindungen zwischen Deutschland und der Türkei reichen weit zurück, bis ins 11. Jahrhundert. Nach der Gründung des Deutschen Reiches im Jahr 1871 wurden die diplomatischen Beziehungen zum Osmanischen Reich intensiviert. Beide Staaten waren im Ersten Weltkrieg Verbündete und nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Beziehungen zur Republik Türkei, dem Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches, wieder aufgenommen. Ein bedeutender Meilenstein war das Anwerbeabkommen von 1961, das den Grundstein für die heutige türkische Gemeinschaft in Deutschland legte. Diese historische Verflechtung bildet die Basis für die heutigen Beziehungen, die jedoch auch von Spannungen geprägt sind, insbesondere im Hinblick auf die türkische Innenpolitik und die Behandlung deutscher Staatsbürger.
Politische Treffen und Dialog unter Scholz und Erdoğan
Seit seinem Amtsantritt hat Bundeskanzler Olaf Scholz mehrere Gespräche mit Präsident Recep Tayyip Erdoğan geführt, sowohl in Deutschland als auch in der Türkei. Diese Treffen dienten dazu, wichtige bilaterale und internationale Themen zu erörtern. Ein zentrales Thema war oft die Rolle der Türkei bei der Vermittlung im Ukraine-Krieg, wo beide Seiten einen Waffenstillstand forderten und die diplomatischen Bemühungen betonten.
Bei einem Treffen im November 2023 in Berlin standen insbesondere der Nahostkonflikt und die unterschiedlichen Positionen zu Israel und der Hamas im Vordergrund. Während Erdoğan Israels Vorgehen scharf kritisierte und der Hamas eine „Befreiungsorganisation“ nannte, wies Scholz diese Äußerungen als „absurd“ zurück und betonte das Existenzrecht Israels sowie das Recht auf Selbstverteidigung. Dennoch wurden auch Bereiche der Übereinstimmung, wie die Notwendigkeit einer Zwei-Staaten-Lösung, hervorgehoben.
Weitere Gesprächsthemen umfassten die Migration, Sicherheitsthemen und die Weiterentwicklung der Zollunion zwischen der EU und der Türkei. Deutschland hat dabei auch die Menschenrechtslage in der Türkei und die Behandlung deutscher Staatsbürger kritisch angesprochen.
Wirtschaftliche Verflechtungen und Handel
Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sind äußerst eng. Deutschland ist der wichtigste Handelspartner der Türkei und einer der größten ausländischen Investoren. Das bilaterale Handelsvolumen erreichte 2023 einen Rekordwert von 55 Milliarden Euro. Über 8.000 deutsche Unternehmen sowie türkische Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung sind in der Türkei aktiv. Plattformen wie die Bilaterale Wirtschafts- und Handelskommission (JETCO) und das Deutsch-Türkische Energieforum fördern den Dialog zwischen Politik und Wirtschaft beider Länder. Auch im Bereich der Rüstungsgüter gibt es Kooperationen, wie die mögliche Lieferung von Eurofighter-Kampfflugzeugen, die jedoch von deutschen Vorbehalten begleitet wurde.
Kultureller Austausch und Tourismus
Die Türkei ist ein beliebtes Reiseziel für deutsche Touristen, und der Tourismussektor hat sich nach pandemiebedingten Einbrüchen wieder erholt. Deutschland engagiert sich zudem in der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik, um den Austausch und das gegenseitige Verständnis zu fördern. Die große türkischstämmige Bevölkerung in Deutschland leistet einen wesentlichen Beitrag zur kulturellen Vielfalt und zu den Beziehungen beider Länder.
Aktuelle Herausforderungen und Zukunftsperspektiven
Trotz der intensiven Bemühungen um Dialog und Kooperation bleiben die deutsch-türkischen Beziehungen angespannt, insbesondere aufgrund der türkischen Innenpolitik und der unterschiedlichen Haltungen zu internationalen Konflikten. Die EU-Beitrittsperspektiven der Türkei bleiben ein komplexes Thema, wobei Deutschland den Prozess als ein „offenes Ende“ betrachtet. Die Zukunft der Beziehungen wird maßgeblich davon abhängen, wie beide Seiten mit ihren Differenzen umgehen und ob es gelingt, gemeinsame Lösungsansätze für globale Herausforderungen zu finden. Die Notwendigkeit eines kontinuierlichen Dialogs und die Stärkung der wirtschaftlichen und kulturellen Verbindungen bleiben zentrale Elemente für eine stabile Partnerschaft.
