Demenz: Die Krankheit, über die der Fußball nicht sprechen will

Gerd Müller im Einsatz während der WM 1974

Der Fall von Sir Bobby Charlton, einer wahren Legende des englischen Fußballs, der an Demenz erkrankt ist, wirft ein Schlaglicht auf ein drängendes Problem im Profifußball. Charlton ist nicht der Einzige aus der Weltmeistermannschaft von 1966, der mit dieser Krankheit kämpft. Vier weitere Spieler aus diesem legendären Team sind in den letzten zwei Jahren an Demenz gestorben. Dies wirft die Frage auf, ob ein Fluch über der Mannschaft liegt, oder ob es dafür eine wissenschaftlichere Erklärung gibt. Dr. William Stewart, Forscher an der Universität Glasgow, betont gegenüber DW, dass dies kein Zufall sei, sondern eine Bestätigung der erhöhten Risiken für neurodegenerative Erkrankungen bei Profifußballern.

Die traurige Realität: Erhöhtes Demenzrisiko im Profifußball

Eine bahnbrechende Studie der Universität Glasgow, die die Todesursachen von über 7.500 ehemaligen schottischen Profifußballern untersuchte, ergab alarmierende Ergebnisse. Die Forscher stellten fest, dass das Sterberisiko durch Alzheimer, Parkinson und andere verwandte Krankheiten bei Profifußballern um das 3,5-fache höher ist als in der Allgemeinbevölkerung. Diese Erkenntnisse sind keine Einzelfälle, sondern spiegeln eine besorgniserregende Tendenz wider, die das Wohlbefinden von Sportlern weltweit betrifft.

Jeff Astles Schicksal: Ein Weckruf für den Fußball

Dawn Astle, die Tochter des ehemaligen englischen Stürmers Jeff Astle, erlebte die verheerenden Auswirkungen von Demenz aus erster Hand. Ihr Vater starb im Jahr 2002 im Alter von nur 59 Jahren an Chronischer Traumatischer Enzephalopathie (CTE), einer neurodegenerativen Erkrankung, die durch wiederholte Kopfverletzungen verursacht wird und hauptsächlich mit dem American Football in Verbindung gebracht wurde. Die Autopsie ergab, dass Astles Gehirn stark geschädigt war, ähnlich dem eines Boxers. Die pathologische Untersuchung deutete darauf hin, dass das häufige Köpfen von Bällen die Hauptursache für diese Schädigung war. Dawn Astle beschreibt dies als “Berufskrankheit”, die ihren Vater das Leben kostete. Sie hat die Jeff Astle Foundation gegründet, um das Bewusstsein für Gehirnverletzungen im Fußball zu schärfen und Betroffene zu unterstützen. Sie fordert eindringlich, dass der Fußball jetzt handeln müsse.

Weiterlesen >>  Erkundung Deutschlands: Ein Leitfaden für deutsche Reisende

Ein globales Problem im globalen Spiel: Von Puskás bis Müller

Die englische Football Association (FA) hat im Februar 2020 neue Richtlinien erlassen, die das Köpfen des Balls für Kinder unter 11 Jahren im Training untersagen. Schottland und Nordirland folgten diesem Beispiel. Doch dies sind nur drei von 200 FIFA-Mitgliedsverbänden. Dr. Stewart beklagt, dass dieses globale Problem bisher kaum über Großbritannien hinaus Beachtung gefunden hat.

Die Liste der betroffenen Fußballlegenden ist lang und reicht international:

  • Ferenc Puskás: Die ungarische Legende und Star von Real Madrid starb 2006 an Alzheimer.
  • Hilderaldo Bellini: Der Kapitän der brasilianischen Weltmeistermannschaft von 1958 wurde nach seinem Tod 2014 mit CTE diagnostiziert.
  • Jose Luis Brown: Der argentinische WM-Held von 1978 verstarb 2019 im Alter von nur 62 Jahren an Alzheimer.

Auch Deutschland ist keine Ausnahme. Gerd Müller und Horst-Dieter Höttges, beides Weltmeister von 1974, werden in Pflegeheimen betreut. Helmut Haller, Torschütze im WM-Finale 1966, starb 2002 an Parkinson und schwerer Demenz.

Gerd Müller im Einsatz während der WM 1974Gerd Müller im Einsatz während der WM 1974

Veränderungen der Hirnstruktur: Was sagt die Wissenschaft?

Während die Bundesliga neue Maßnahmen zur Behandlung von Kopfverletzungen eingeführt hat, hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) das Köpfverbot für U12-Spieler nicht übernommen. Die Begründung: Köpftraining wird ohnehin erst für ältere Jugendliche empfohlen. Die wissenschaftlichen Beweise für ein solches Verbot seien noch nicht stark genug, meint Ingo Heimelt, Spezialist für sportbedingte Gehirnerschütterungen an der Deutschen Sporthochschule Köln. “Es gibt noch keinen Beweis dafür, dass häufiges Köpfen zwangsläufig zu CTE und Demenz führt”, sagt er. Dennoch, je mehr Studien einen Zusammenhang aufzeigten, desto ernster werde die Situation.

Weiterlesen >>  Fußball-Bundesliga: Erleben Sie den FC Bayern München live in der Allianz Arena

Professor Inga Körte von der Ludwig-Maximilians-Universität München merkt an, dass es unklar sei, ob ein Köpfverbot für unter 12-Jährige sinnvoll ist. “Kinder unter 12 Jahren köpfen in der Regel ohnehin kaum”, erklärt sie gegenüber DW. “In unseren Studien haben wir Hinweise auf Veränderungen der Hirnstruktur und -funktion bei Jugendlichen gefunden.” Eine europäische Studie mit rund 130 Jugendlichen zu diesem Thema läuft derzeit.

Die Debatte ums Köpfen: Eine Frage der Technik und des Trainings

Die Forschung in diesem Bereich steckt noch in den Kinderschuhen. “Es ist schwierig zu bestimmen, wie viele Kopfbälle nötig sind, um Demenz auszulösen”, sagt Ingo Heimelt. Es gebe noch keine klare “rote Linie”. Er sieht auch nicht in einem Verbot für unter 12-Jährige die Lösung. Zwar rät er derzeit vom Training des Kopfballs ab, doch er sieht auch die Gefahr von Verletzungen, wenn ein Spieler nicht richtig im Köpfen geschult ist.

William Stewart widerspricht dem, besonders im Hinblick auf Profis: “Das Reduzieren des Kopftrainings ist ein intelligenterer Vorschlag – um unnötige Kopfstöße im Training zu vermeiden –, als eine fantastische Hypothese, dass es eine geheime ‘magische Ninja’-Kopfballtechnik gibt, die bisher nicht gefunden wurde, aber noch entdeckt werden kann.”

Dawn Astle und ihre Stiftung befürworten ebenfalls eine Reduzierung des Kopfballtrainings bei erwachsenen Spielern. Sie hofft, dass die Diagnose von Sir Bobby Charlton mehr Aufmerksamkeit auf das Problem lenken wird. “Die englische Nationalmannschaft von 1966 bleibt das Höchste im britischen Fußball”, sagt sie. “Fünf Spieler, die mit Demenz diagnostiziert wurden, mag erstaunlich ungewöhnlich klingen. Aber ich fürchte, dass es in anderen Fußballmannschaften im ganzen Land ähnliche Statistiken gibt.” Die Erkenntnisse aus diesem Fall und den laufenden Studien könnten dazu beitragen, dass der Fußball sich endlich seiner Verantwortung stellt und präventive Maßnahmen ergreift, um die Gesundheit seiner Athleten langfristig zu schützen.

Weiterlesen >>  Die deutsche Fußballnationalmannschaft: Vorbildfunktion und nachhaltige Reise zur EM 2024