Depressionen stellen eine wachsende Herausforderung im Sport dar, mit Prävalenzraten, die die der Allgemeinbevölkerung bei weitem übersteigen. Eine Studie hat die Risikofaktoren wie biologisches Geschlecht, körperliche Schmerzen und die Vorgeschichte von sportbedingten Kopfverletzungen (SRC) untersucht, um eine einfache Risikometrik für Sportler zu entwickeln. Die Ergebnisse zeigen, dass Frauen, Personen mit körperlichen Schmerzen und solche mit einer Vorgeschichte von SRC anfälliger für Depressionen sind. Überraschenderweise reduziert die Teilnahme am Sport, unabhängig von der Sportart, das Depressionsrisiko.
Einleitung
Die Sorge über Depressionen im Sport nimmt zu. Während die allgemeine Bevölkerung eine geringe Prävalenz aufweist, sind die Raten bei Sportlern, insbesondere bei jungen Erwachsenen, signifikant höher. Zu den bekannten Risikofaktoren gehören das biologische Geschlecht, körperliche Schmerzen und Sport-assoziierte Kopfverletzungen (SRC). Trotz des Wissens um diese Risiken akzeptieren Sportler oft die Gefahr von Schmerzen und Kopfverletzungen, möglicherweise aufgrund einer eingeschränkten Risikowahrnehmung oder des Wunsches, ihre Position im Team zu behalten. Dies unterstreicht die Notwendigkeit einfacher Risikobewertungen, um Sportler über die Gefahren aufzuklären.
Biologisches Geschlecht und Depression
Die Rolle des biologischen Geschlechts bei depressiven Symptomen ist komplex. Frauen sind lebenslang doppelt so häufig von Depressionen betroffen wie Männer, was auf biologische Unterschiede, Umweltfaktoren, Stressreaktionen und geringeres Selbstwertgefühl zurückgeführt werden kann. Dennoch ist die Suizidrate bei Männern höher, was Fragen zur männlichen psychischen Gesundheit und Bewältigungsstrategien aufwirft. Initiativen zur Förderung der männlichen psychischen Gesundheit gewinnen an Bedeutung und unterstreichen die Notwendigkeit weiterer Forschung in diesem Bereich.
Körperliche Schmerzen als Risikofaktor
Körperliche Schmerzen sind ein häufiger Risikofaktor für depressive Symptome bei Sportlern, insbesondere in Kontaktsportarten. Sportler überwinden oft die Schmerzgrenze, sei es durch die Kultur des Sports oder die Angst, ihren Platz im Team zu verlieren. Aber auch in nicht-kontaktsportlichen Disziplinen treten Schmerzen aufgrund von Überlastungsverletzungen auf. Körperliche Schmerzen beeinträchtigen jedoch auch Nicht-Sportler, wie bei chronischen Erkrankungen wie Fibromyalgie oder Endometriose. Alltägliche Schmerzen wie Kopf- oder Muskel-Skelett-Schmerzen sind ebenfalls weit verbreitet. Angesichts der Tatsache, dass sowohl Sportler als auch Nicht-Sportler unter körperlichen Schmerzen leiden, die mit psychischen Problemen verbunden sind, ist es wichtig, präventive Maßnahmen zu ergreifen. Sportler, die sich bewusst körperlicher Aktivität widmen, die Schmerzen verursachen kann, sollten sich der potenziellen psychischen Folgen bewusst sein.
Sport-assoziierte Kopfverletzungen (SRC)
Die Forschung zu SRC hat sich ursprünglich auf kognitive Beeinträchtigungen konzentriert, bevor der Fokus auf die psychische Gesundheit gerichtet wurde. Studien zeigen einen signifikanten Zusammenhang zwischen SRC und affektiven Störungen wie Depressionen. Die Einstellung vieler Sportler gegenüber Kopfverletzungen ist besorgniserregend, da sie diese als akzeptables Risiko für den Erfolg betrachten. Es ist jedoch fraglich, ob sie sich der tatsächlichen Gefahr von SRC und der Wahrscheinlichkeit, danach eine Depression zu entwickeln, bewusst sind.
Sportart und das Depressionsrisiko
Es ist naheliegend anzunehmen, dass das Risiko für körperliche Schmerzen und SRC je nach Sportart variiert. Kontaktsportarten wie Rugby bergen wahrscheinlich ein höheres Risiko als nicht-kontaktierende Sportarten wie Tennis. Es ist jedoch ebenso wichtig, das Depressionsrisiko in beiden Sportarten sowie bei Nicht-Sportlern zu untersuchen, da körperliche Schmerzen in allen Gruppen vorhanden sind und körperliche Aktivität nachweislich depressive Symptome lindert. Die Untersuchung des Einflusses der Sportart auf Depressionen kann die Rolle von SRC und körperlichen Schmerzen weiter beleuchten.
Diese Studie zielt darauf ab, eine einfache Risikometrik zu entwickeln, die die Wahrscheinlichkeit einer Depression basierend auf biologischem Geschlecht, körperlichen Schmerzen und SRC-Vorgeschichte aufzeigt. Die Einbeziehung der Sportart dient dazu, die Ergebnisse in Bezug auf SRC und Schmerzen zu bestätigen oder zu widerlegen.
Methode
Teilnehmer
An der Studie nahmen 144 Personen teil (Durchschnittsalter: 22,79 Jahre). Die Stichprobe bestand aus 68 Männern und 76 Frauen. Die Rekrutierung erfolgte über ein Online-System, soziale Medien und Mundpropaganda. Teilnehmen konnten Personen über 18 Jahre. Die Teilnehmer berichteten über ihre SRC-Vorgeschichte, die Anzahl der erlittenen SRCs und den Zeitpunkt der letzten Verletzung. Fragen zu nicht-sportbedingten Kopfverletzungen wurden gestellt, und alle Teilnehmer verneinten dies. Eine Wartezeit von mindestens 28 Tagen nach einer Kopfverletzung war erforderlich, um die Computerscreen-basierte Umfrage durchzuführen.
Die Teilnehmer wurden in drei Gruppen eingeteilt:
- Nicht-Sportler: 74 Personen
- Nicht-Kontaktsportarten: 19 Personen (Leichtathletik, Netball, Squash, Touch Rugby, Cricket, Baseball, Gewichtheben, Handball, Radfahren, Reiten, Badminton, Tanzen)
- Kontaktsportarten: 51 Personen (Rugby Union/League, Fußball, Skifahren, Boxen, Taekwondo)
62 Teilnehmer berichteten über SRCs innerhalb der letzten vier Jahre (durchschnittlich 18,87 Monate seit der letzten Verletzung). Insgesamt wurden 223 SRCs gemeldet.
Stichprobengrößenberechnung
Die Stichprobengröße wurde nachträglich mit G*Power 3.1.9.7 berechnet. Mit 144 Teilnehmern wurde eine hohe statistische Power (β = 0,97) zur Erkennung eines Odds Ratio von 3 und einer Effektstärke von f² = 0,5 (große Effektstärke) bei einem Signifikanzniveau von α = 0,05 erreicht.
Messinstrumente
- Allgemeines Informationsfragebogen (GIQ): Erfasste Daten zu biologischem Geschlecht, Alter, Sportart (Nicht-Sportler, Nicht-Kontaktsport, Kontaktsport), SRC-Vorgeschichte und körperlichen Schmerzen in der Vorwoche. Die Schmerzintensität wurde mit der Numeric Rating Scale-11 (NRS-11) auf einer Skala von 0-10 gemessen.
- Center for Epidemiological Studies Depression Scale (CES-D): Dieser 20-Item-Fragebogen misst depressive Symptome der letzten Woche auf einer 4-stufigen Likert-Skala (0-3). Ein Gesamtwert von ≥16 von 60 deutet auf mögliche depressive Symptome hin. Die interne Konsistenz (Cronbachs Alpha) betrug α = 0,94.
Durchführung
Die Teilnehmer füllten die Fragebögen über die Online-Umfrageplattform Qualtrics aus. Nach umfassender Information und Einholung der Zustimmung wurden die Fragebögen (GIQ und CES-D) bearbeitet.
Ethik
Die Studie wurde gemäß den ethischen Richtlinien der British Psychological Society (BPS) durchgeführt und von der zuständigen Ethikkommission der Universität genehmigt. Die Teilnehmer wurden über die Natur der Studie und ihre Rechte informiert, einschließlich des Rechts auf Datenwiderruf. Alle Teilnehmer waren volljährig und stimmten der Teilnahme zu.
Datenanalyse
Eine binäre logistische Regression wurde verwendet, um die Zusammenhänge zwischen vier unabhängigen Variablen (Geschlecht, Sportart, körperliche Schmerzen, SRC-Vorgeschichte) und der Wahrscheinlichkeit einer Depressionskategorie (CES-D-Score ≥16) zu untersuchen. Es wurde erwartet, dass männliches Geschlecht, Kontaktsport, körperliche Schmerzen und SRC-Vorgeschichte die Wahrscheinlichkeit für depressive Kategorien erhöhen.
Annahmen
Die logistische Regression setzt eine binäre abhängige Variable voraus, was hier durch die Depressionskategorisierung (deprimiert/nicht deprimiert) erfüllt ist. Die Stichprobengröße wurde als ausreichend bewertet. Die Korrelationsanalyse zeigte eine geringe Multikollinearität zwischen den unabhängigen Variablen (Korrelationskoeffizienten < 0,9).
Ergebnisse
Deskriptive Statistik
52,8 % der Teilnehmer (76 Personen) erzielten einen CES-D-Score von ≥16 und wurden somit der Depressionsgruppe zugeordnet. Die restlichen 47,2 % (68 Personen) bildeten die Gruppe ohne Depression. Auffällig war, dass 92 % der Teilnehmer aus Kontaktsportarten eine Vorgeschichte von Kopfverletzungen angaben, verglichen mit 36 % aus Nicht-Kontaktsportarten und 11 % aus Nicht-Sportlern. Die Verteilung von körperlichen Schmerzen und Depressionen nach Sportart ist in Tabelle 2 dargestellt.
Logistische Regression
Das Modell der logistischen Regression, das alle vier Prädiktoren einschloss, war statistisch signifikant (χ²(5, N=144) = 41,61, p = ,000) und klassifizierte 70,8 % der Fälle korrekt. Alle vier Prädiktoren trugen signifikant zum Modell bei:
- SRC-Vorgeschichte: Der stärkste Prädiktor mit einem Odds Ratio (OR) von 56,98. Das bedeutet, dass Personen mit SRC-Vorgeschichte fast 57-mal wahrscheinlicher depressiv sind.
- Körperliche Schmerzen: Für jeden Punkt auf der NRS-11 Skala war die Wahrscheinlichkeit für Depressionen 1,4-mal höher.
- Biologisches Geschlecht: Frauen waren 2,9-mal wahrscheinlicher depressiv als Männer.
- Sportart: Personen, die Sport trieben, hatten eine geringere Wahrscheinlichkeit, an Depressionen zu erkranken, als Nicht-Sportler (Kontaktsportler: 71-mal geringer; Nicht-Kontaktsportler: 4,4-mal geringer).
Diskussion
Diese Studie liefert eine einfache Risikometrik für Sportler hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit, Depressionen zu entwickeln. Die Ergebnisse bestätigen frühere Forschungen, die einen Zusammenhang zwischen SRC, körperlichen Schmerzen und Depressionen nahelegen. Gleichzeitig unterstreicht die Studie die schützende Wirkung von Sport und körperlicher Aktivität auf die psychische Gesundheit.
SRC und Depression
Personen mit SRC-Vorgeschichte sind fast 57-mal wahrscheinlicher depressiv. Dies könnte auf soziale Faktoren wie Trainingsausfälle, Leistungseinbußen oder kognitive Veränderungen zurückzuführen sein. Das Vermeiden von SRC schützt signifikant vor Depressionen und ermöglicht Sportlern eine informierte Entscheidung über ihre Teilnahme.
Die schützende Rolle des Sports
Interessanterweise ist die Wahrscheinlichkeit, an Depressionen zu erkranken, bei Kontaktsportlern über 71-mal geringer als bei Nicht-Sportlern. Auch Nicht-Kontaktsportler hatten eine viermal geringere Wahrscheinlichkeit. Dies unterstützt die Erkenntnisse über die positiven Auswirkungen von körperlicher Aktivität auf die psychische Gesundheit.
Die breiten Konfidenzintervalle für die Effekte von SRC und Sportart müssen jedoch berücksichtigt werden. Sie deuten darauf hin, dass die tatsächlichen Risiken und Schutzfaktoren variieren können. Die Botschaft ist, dass trotz der schützenden Wirkung des Sports die Risiken von SRC ernst genommen werden sollten.
Körperliche Schmerzen und weibliches Geschlecht
Die Studie bestätigt, dass körperliche Schmerzen ein Risikofaktor für Depressionen sind. Für jeden Punkt auf der Schmerzskala steigt die Wahrscheinlichkeit für Depressionen um 1,38. Dies ist besonders relevant, da weibliche Athletinnen bereits bei geringeren Schmerzintensitäten höhere Depressionswerte aufweisen. Frauen waren fast drei-mal wahrscheinlicher depressiv als Männer, was mit früheren Forschungen übereinstimmt und auf biologische und umweltbedingte Faktoren zurückgeführt werden kann. Untererfassung bei Männern aufgrund von Stigmatisierung könnte ebenfalls eine Rolle spielen.
Einschränkungen
Die Studie unterliegt dem Risiko von Selbstselektionsverzerrungen, da die Rekrutierung freiwillig erfolgte. Die Einteilung der Sportarten in Kontakt- und Nicht-Kontaktsportarten kann diskussionswürdig sein, da auch in nicht-kontaktierenden Sportarten Kopfverletzungen auftreten können. Zukünftige Studien sollten detailliertere Informationen zur SRC-Entstehung erheben. Die Selbstauskunft über SRC-Vorgeschichte birgt die Gefahr von Über- oder Untererfassung. Dennoch wird der gelebten Erfahrung der Athleten Wert beigemessen.
Praktische Anwendungen
Die Studie liefert einfache Risikometriken: Athleten sind 1,38-mal wahrscheinlicher depressiv für jeden Punkt auf der Schmerzskala und 57-mal wahrscheinlicher depressiv nach einer SRC. Frauen sind fast dreimal wahrscheinlicher depressiv als Männer. Diese Informationen können Sportlern helfen, informierte Entscheidungen über ihre Teilnahme zu treffen.
Schlussfolgerungen und zukünftige Richtungen
Diese Studie stellt neuartige Risikometriken für die Entwicklung von Depressionen nach SRC oder bei körperlichen Schmerzen dar. Die fortlaufende Erforschung der psychischen Gesundheit, insbesondere im Hinblick auf das biologische Geschlecht, ist entscheidend. Die Ergebnisse betonen weiterhin die positiven Effekte von Sport und körperlicher Aktivität auf die psychische Gesundheit, mahnen aber zur Vorsicht bezüglich der Risiken von SRC und körperlichen Schmerzen.
S1 Checklist. PLOS ONE clinical studies checklist.
https://doi.org/10.1371/journal.pone.0292751.s001
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